Die zwei Körper der Französischen Republik. Gibt es in Frankreich einen neuen Terror der Laizität?

Mit der Erklärung der Menschenrechte schuf die Französische Revolution eine Nation freier und gleicher Bürger. Tatsächlich war es aber nur eine halbe Nation. Frauen bekamen das Wahlrecht erst 1944. Es ist nicht der einzige Widerspruch, den sich der französische Egalitarismus aufgeladen hat. Erstaunlich gering war beispielsweise auch die Solidarität der französischen Revolutionäre mit dem Freiheitskampf in Haiti. Aus der Sicht der amerikanischen Historikerin Joan Wallach Scott haben die Widersprüche des republikanischen Egalitarismus jedoch eine Hauptquelle. Die natürliche sexuelle Differenz rechtfertigt bis heute den Bruch mit dem Gleichheitsideal. Der geheime Regent der Grande Nation ist die sexuelle Furchtsamkeit.

Nun muss man sagen: Die Lage hat sich geändert. Nicht nur gilt seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts das allgemeine Wahlrecht, seit dem Jahr 2000 legt das Loi de parité außerdem ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in politischen Ämtern fest. Zwar gibt es weiter Gehaltsunterschiede, gläserne Decken und Alltagsdiskriminierung. Gesetzlich ist die Gleichheit aber nicht mehr versagt. Ist der Widerspruch damit ausgeräumt?

Nein, sagt Scott, er ist übergesprungen auf muslimische Frauen. Der Terror der Laizität hat ein neues Spielfeld gefunden: das Verschleierungsverbot. Die laizistische Kleiderordnung nimmt bei Scott gleich der ganzen islamischen Kultur das Recht auf Eigenheit. Die muslimische Frau hat die unangenehme Rolle, einer Kultur, in der sie in weiten Teilen selbst unterdrückt wird, als Märtyrerin vorzustehen. Die wahren Despoten lauern im Westen. In der französischen Schleierphobie sieht Scott nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver, das die fortdauernden sexuellen Ungleichheiten in der französischen Gesellschaft überdeckt.

Scott, die sich als Pionierin der feministischen Geschichtsschreibung einen Namen gemacht hat - ihr Aufsatz "Gender - eine nützliche Kategorie der Geschichtsschreibung" verzeichnet sensationelle Downloadraten -, hat sich in ihrem Werk immer wieder mit den Widersprüchen des französischen Universalismus befasst. Sie hat sie aufgewiesen an schillernden Frauenschicksalen wie der Freiheitskämpferin Olympe de Gouges, deren Kampf um Gleichberechtigung unter der Guillotine endete. Als Exponentin einer postmodernen, an Foucault und Derrida geschulten Geschichtsschreibung verbindet sich bei ihr die Parteinahme für einen amerikanisch gefärbten Multikulturalismus mit dem Glauben an eine geradezu metaphysische Macht der Sexualität und dem Geschmack der Differenz.

Zum Thema "Alte und neue Laizität" hielt Scott auf Einladung des Frankfurter Forschungszentrums für historische Geisteswissenschaften und des Exzellenzclusters Normative Ordnungen die erste Kantorowicz-Vorlesung in diesem Jahr. Mit Kantorowicz hat sie immerhin gemeinsam, dass sie in Princeton lehrt. Im Übrigen könnten die Unterschiede zu dem Stichwortgeber des "Geheimen Deutschland" im Kreis um Stefan George kaum größer sein.

Der französische Laizismus ist seit Jahren in der Krise. Die Unruhen in den Banlieues zeigten die Grenzen seiner Integrationskraft. Homosexuelle, Feministen und ethnische Gruppen rebellieren gegen das Angleichungsgebot. Im Kreuzfeuer der Debatte steht aber der Islam. Scott unterschied einen demokratischen Säkularismus, der Religion und Staat im Ausgleich hält, von einem republikanischen Säkularismus, der die Religion verteufelt und selbst dogmatische Züge trägt.

Auch andere europäische Staaten haben Burka und Kopftuch verboten. Frankreich sieht Scott jedoch von einer regelrechten Schleier-Hysterie befallen. Seit 2004 mache sich der säkulare Furor in einer Reihe von Gesetzen bemerkbar. 2004 wurde das Kopftuchverbot an Schulen beschlossen. Der Bann trifft zwar auch Kippa oder Turban. Für Scott ist es jedoch das Kopftuch-Gesetz. Verschleierungsverbote in staatlichen Berufen und im öffentlichen Raum folgten. Manche Schulen nahmen - mit ausdrücklicher Billigung von Staatspräsident Nicolas Sarkozy - das Schweinefleisch wieder auf die Speisekarte.

Scott attestiert dem heutigen Laizismus eine ganz neue Qualität: Er dringt ins private und öffentliche Leben. Die Schüler kommen schon als säkulare Musterbürger in die Schule, dem exemplarischen Ort der säkularen Mission. Gleichzeitig gebe sich der neue Laizismus duldsamer gegenüber den Ansprüchen der christlichen Kirchen. Papst Franziskus würde widersprechen. Erst dieser Tage klagte er im "Osservatore Romano", Frankreich behandle die Kirchen wie Subkulturen.

Der Kampf gegen den Schleier ist bei Scott eine logische Konsequenz des republikanischen Universalismus, der die Nation als Gemeinschaft gleicher, von allen ethnischen und religiösen Wurzeln abgeschnittenen Individuen versteht. Die Fronten haben sich nur verlagert. An der Stelle der Religion steht jetzt das Geschlecht. Die sexuelle Emanzipation wird als neuer Leitwert gefeiert, der nur in der säkularen Republik gedeiht. Der Kreuzzug gegen den Schleier überdeckt bei Scott nur das Unbehagen an den eigenen Widersprüchen. Er dient einer mythischen und überholten Idee von der Einheit der Nation.

Wie kommt es zu dem Vorzeichenwechsel? Der traditionelle Gegner des Laizismus ist seit der Französischen Revolution die Kirche. Doch der Konflikt zwischen Klerikern und Republikanern macht sich, so sagt es Scott, an der Frau fest. Ihre Glaubenserziehung bleibt in den Händen der aus den öffentlichen Schulen vertriebenen Priester. Bei Jules Michelet, dem großen Historiker der Revolution, ist die Frau ein fragiles, abergläubisches, auf seine naturgegeben-passive Rolle festgeschriebenes Wesen, derweil der Mann Geschichte macht. Die Naturalisierung trifft sie doppelt: Die diffuse weibliche Religiosität gilt als Gefahr für die Republik, an Frauenwahlrecht ist nicht zu denken. Die natürliche sexuelle Differenz, die kein menschliches Gericht korrigieren kann, rechtfertigt die Ungleichbehandlung Der Säkularismus übernimmt das religiöse Dogma vom niederen Rang der Frau, das er mit fortschreitender Gleichberechtigung fälschlich für überwunden hält.

Die Verschleierung der muslimischen Frau erinnert ihn an diesen Irrtum. Also vertauscht man die Rollen und bringt sexuelle Emanzipation gegen islamische Repression in Stellung. Die Frau wird zum Aktivposten der kolonialen Zivilisierungsmission, ihre Fügsamkeit und Opferbereitschaft wird vorausgesetzt. Die passive Rolle gibt sie an die muslimische Frau ab, die früher die erotische Phantasie der französischen Kolonialherren erregte. Der Schleier, der den erotischen Reiz verstärkte, wird zum Symbol der Repression. André Glucksmann: "Der Schleier ist eine terroristische Operation."

Scott vermisst die Nuancen in der französischen Diskussion über den Islam. Man hätte sie sich auch von ihr gewünscht. Es gehe ihr nicht darum, die patriarchalen Züge des Islams zu leugnen, aber ihr Ziel sei nun einmal, die verborgenen Ungleichheiten des französischen Modells aufzudecken. Das ist legitim, nur lässt sich auf dieser Basis kein politisches Urteil fällen. Scott stilisiert den Laizismus jedoch zur zentralen Quelle der Unterdrückung - um den Preis, die Unterscheidung, die sie bei ihm vermisst, auf der Gegenseite selbst zu unterschlagen. Der Islam ist bei ihr eine homogene Kultur, deren Opferrolle die vom Westen unterdrückte Frau verbürgt.

Für die Analyse der Geschlechterordnung der arabischen Gesellschaften erklärt sich Scott für nicht kompetent. Vielleicht ein Grund, weshalb sie den französischen Republikanern vorwirft, keine Vorstellungskraft für die freiwillige Wahl des Schleiers aufzubringen, den (internalisierten) Zwang zur Verschleierung aber nicht einmal erwähnt. Schafft die Vollverschleierung, anders als das Kopftuch, kein kommunikatives Gefälle, das man vom republikanischen Standpunkt ohne den Hintergedanken sexueller Diskriminierung kritisieren kann?

Mit ihrer sexuellen Leitdifferenz schafft Scott den neuen Mythos, dass überwundene Repression nach dem Modell kommunizierender Röhren in gleicher Energiemenge andernorts wieder auftaucht. Fortschritte der Emanzipation sind nur Einbildungen und Tarnmanöver. Der französische Universalismus kann nicht aus seiner Haut. Der von zwei Terrorangriffen erschütterten Nation verordnet Scott eine kulturelle Romantik nordamerikanischer Prägung, die vom stillen Gesetz des Wettbewerbs reguliert wird. THOMAS THIEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Mai 2016, Thomas Thiel, © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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