Das fehlende Dritte

Nancy Fraser zu Gast bei den Frankfurter "Normative Orders"

von Eva-Maria Magel

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. April 2010

Es klingt wie das Wort zur Zeit: "The crises of capitalism", "Die Krisen des Kapitalismus", hat Nancy Fraser ihre zweiteilige Vorlesung betitelt, die sie gestern in Frankfurt vor vollem Haus begonnen hat.

Mit Fraser hat sich der Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" an der Goethe-Universität für seine jüngsten, auch dem breiten Publikum geöffneten "Frankfurt Lectures" geradezu einen Stargast ausgesucht. Fraser gilt als eine der renommiertesten Politikwissenschaftlerinnen und Vordenkerin des amerikanischen Feminismus. Gerechtigkeit, aufgefächert in Verteilung, Anerkennung und Repräsentation, ist der Forschungs- und Debattenschwerpunkt der vielreisenden Wissenschaftlerin, die zahlreiche Verbindungen zur Frankfurter Forschung hat: Als eine Art "Treffen der Theoriefamilie" bezeichnete Clustersprecher Rainer Forst gestern den Besuch der "Vordenkerin", mit der sich die Frankfurter Forscher in der kritischen Theorie verbunden sehen. Schon vor einigen Jahren war sie Gastprofessorin an der Universität; mit Axel Honneth, dem Direktor des Instituts für Sozialforschung, hat sie 2003 den Band "Umverteilung oder Anerkennung?" verfasst.

Frasers Forschung blickt wie jene des Exzellenzclusters auf Wandel und Herausforderungen normativer Ordnungen. "Scales of justice" heißt ihr jüngstes, 2009 publiziertes Werk. Seit 1995 lehrt Fraser, Jahrgang 1947, an der New School for Social Research in New York, und hat die Leitung des Fachbereichs Politikwissenschaften inne, einer Institution, die eng verbunden ist mit der Migrationsgeschichte deutscher Wissenschaftler: War doch die politikwissenschaftliche und soziologische Graduiertenschule der New School aus der "University in Exile" hervorgegangen, die in der New School für während des Nationalsozialismus emigrierte Wissenschaftler Forschungs- und Lehrort wurde.

Emigriert ist 1933 auch der österreichische Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Polanyi. Fraser nun bezieht sich auf dessen 1944 in den Vereinigten Staaten erschienenes Hauptwerk "The Great Transformation" und plädiert für eine Analyse und ein Weiterdenken im Sinne der kritischen Theorie, die sich in den vergangenen Jahren weit von der sozialen Theorie entfernt habe. Polanyi hatte in seinem Hauptwerk, quasi als Vorschlag einer Nachkriegswirtschaftsordnung, den Wandel der westlichen Gesellschaften im Zuge der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert als eine Entwicklung hin zu strikt marktorientierten Nationalstaaten beschrieben. Den Auswirkungen des Kapitalismus sah Polanyi soziale Sicherungssysteme, die der Staat tragen müsse, entgegengesetzt. Ein eingebetteter, quasi domestizierter Markt könnte entstehen, so Polanyis polares Denkmodell.

Diese "Doppelbewegung" aber ist laut Fraser zu wenig. Oder vielmehr: Eine so gedachte Art sozialer Absicherung ist in Frasers Theorie auch eine Art von Unterdrückung, die auf einem "romantisierten" Gesellschaftsbild beruhe. Sie plädiert deshalb für eine dritte Achse, die praktisch quer zu der Spannung von Markt und sozialen Schutzsystemen steht: "Emanzipation" nennt sie sie, verstanden als ein Kampf um Gerechtigkeit. Von einem ökonomistischen Ansatz gelangt sie so zu einem eher offenen Begriff für soziale Prozesse, der im weitesten Sinne kulturelle oder geschlechterbasierte Ansätze integrieren kann. Wie dieses neue, auf drei Dimensionen erweiterte Denkmodell in der praktischen Analyse funktioniert, will sie heute zeigen: Um "Ambivalences of Emancipation" wird es im zweiten Teil der "Frankfurt Lectures" gehen.

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