Jetzt auch in Peking. Nächstes Jahr in Frankfurt, diesen Herbst in China: Die B3 Biennale des bewegten Bildes

Wieso enden dänische Familienfeste immer mit zerstörten Illusionen und verratenen Geheimnissen? Es muss an der skandinavischen Neigung zu Gewissenserforschung und Seelenbohrung liegen. Sie reicht von Ibsen, Munch und Strindberg über Ingmar Bergman bis zu den Dogma-Filmen. Eine neue Variation des alten Themas exportiert Hessen in wenigen Wochen nach China. "The Doghouse" ist ein Kurzfilm, den fünf Zuschauer sich an einem gedeckten Tisch ansehen. Sie setzen eine Videobrille und Kopfhörer auf und werden Zeugen eines Abendbrots mit unerwarteten Enthüllungen, das sie aus der Perspektive des Familienmitglieds wahrnehmen, auf dessen Stuhl sie Platz genommen haben. Immersives Erzählen nennt man das, was Johan Knattrup Jensen und Mads Damsbo von der Kopenhagener Künstlergruppe Dark Matters in ihrem vor zwei Jahren gedrehten Film erproben. Seine Vorführung in Peking und Schanghai gehört zum Programm eines zweiteiligen China-Gastspiels der B3 Biennale des bewegten Bildes. Das Festival, das von der Offenbacher Hochschule für Gestaltung organisiert und vom Land Hessen getragen wird, findet im Herbst nächsten Jahres wieder in Frankfurt statt. Dann wird es abermals Künstler mit Filmemachern, den Herstellern von Computerspielen und Unternehmen zusammenbringen, die Filme digital nachbearbeiten.

Bis es so weit ist, wird die Kooperation mit der Central Academy of Fine Arts in Peking, die auf der bislang letzten Biennale vor einem Jahr begonnen hat, weiter ausgebaut. Vom 25. September bis zum 7. Oktober dieses Jahres ist das Festival erstmals auf der Design Week in Peking zu Gast, die in zehn Tagen fünf Millionen Besucher zählt. Zur gleichen Zeit ist in Schanghai ein weiterer Auftritt geplant.

Der Übergang vom zweijährigen zum jährlichen Rhythmus sei dem Thema der Biennale mehr als angemessen, sagte HfG-Präsident Bernd Kracke, der gestern in Frankfurt zusammen mit Boris Rhein (CDU), dem hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst, einen Ausblick auf den China-Abstecher und die Biennale des nächsten Jahres gab: "In diesem medialen Kontext sind zwei Jahre fast schon Lichtjahre."

Das bewegte Bild verändere die Art, wie der Mensch sich Geschichten erzähle, derzeit auf radikale Weise, sekundierte ihm Rhein. Allein auf Whatsapp würden täglich rund 250 Millionen Videos verschickt. Dabei werde es nicht bleiben. Um von der Kunst über die Wirtschaft bis hin zum Privatleben Anschluss an die Entwicklung zu halten und Einfluss auf sie zu nehmen, gelte es, das Thema zu erforschen. Dafür sei die 2013 zum ersten Mal veranstaltete Biennale das geeignete Format, zum einen als Forum für Hessens Kreativwirtschaft, zum anderen als Exportartikel: "Nach China gehen wir, um zu zeigen, dass wir mehr wollen, als wir schon haben und tun."

Vom 28. November bis zum 3. Dezember nächsten Jahres wird die Biennale in Frankfurt und Offenbach unter dem Titel "On Desire" danach fragen, wie sich Begehren und Wünsche im Zeitalter des Internets verändern. "Wir begehren am meisten das, was wir am meisten entbehren", sagte Kracke. Für ihn ist die Art, in der sich die sexuelle, soziale, politische und wirtschaftliche Dauerbegehrlichkeit des Internets äußert, ein verlässlicher Zukunftsindikator in einer immer komplexeren Welt. Die Partner der Biennale reichen abermals von Museen bis zum Exzellenzcluster Normative Ordnungen der Frankfurter Goethe-Universität.

balk.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Juni 2016, balk. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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