Small is beautiful?

Mit kariertem Wollhemd und Dreitagebart, die runde Brille eingerahmt von zerzaustem weißen Haar, sitzt der Kritiker Jonathan Rosenbaum im schummrigen Licht eines Hörsaals zwischen Filmstudenten der Frankfurter Goethe-Universität. Er will mit den durchschnittlich fünfzig Jahre jüngeren Studenten über das Kino und seine Arbeit als Kritiker sprechen. Für die ist sein Besuch ein Glücksfall, gehört der Amerikaner doch zu den profiliertesten Vertretern seiner Zunft.

Aufgewachsen in Florence im Norden Alabamas, kam der Enkel eines lokalen Kinokettenbesitzers schon früh mit dem Film in Berührung. Heute sei es dank Wikipedia und Streaming hingegen nicht mehr nötig, in einer Stadt mit Kinos zu leben, um zum Cinephilen oder zum Filmkritiker zu werden, sagt Rosenbaum: "Einige der filmversessensten Menschen, die ich kenne, leben auf dem platten Land, und der Einfluss, den Orte wie New York und Paris auf die Filmkultur haben, schwindet zusehends - meiner Meinung nach eine gute Entwicklung." Natürlich habe das Internet Auswirkungen auf seine Arbeit als Kritiker. Er fühle sich seinen Lesern im Netz enger verbunden als während seiner Zeit als Filmkritiker beim "Chicago Reader", für den er von 1978 bis 2008 schrieb.

Beim Schreiben für ein großes Publikum, sagt der inzwischen lieber für kleine Magazine tätige Rosenbaum, müsse man sich oft in seinen Aussagen einschränken, um Leser nicht zu verprellen. Zur Verdeutlichung wählt Rosenbaum einen seiner bekanntesten Texte, es ist auch der einzige, den er für die "New York Times" schrieb: "Ich musste vier Versionen anfertigen, bis der Text akzeptiert wurde. Die Einzige, mit der ich mich identifiziere, ist die erste." Für viele sei dieser Artikel über Ingmar Bergman aber der bedeutendste, den er jemals verfasst habe, eine Sichtweise, die Rosenbaum weder begrüßt noch teilt. Was ihn jedoch noch mehr umtreibe als die redaktionellen Einschränkungen, seien die Reaktionen auf seine Artikel in großen Zeitungen. "Bei meinem Artikel für die ,Times' haben viele auf die Zeitung und nicht auf mich als Kritiker und meinen Standpunkt reagiert. Ich bekomme heute besseres Feedback über Facebook und meine Website als in meiner gesamten Zeit beim ,Chicago Reader'."

Doch kann sich jeder eine solche Haltung leisten? Ein Student stellt schließlich die entscheidende Frage: Ob Rosenbaum nicht die Aufträge der großen Zeitungen brauche, um die Freiheit zu haben, für Nischenpublikationen zu schreiben? Leider wird der ansonsten so auskunftsfreudige Kritiker an dieser Stelle etwas einsilbig. Außer der Information, dass er nur einen symbolischen Obolus für Beiträge in kleineren Zeitschriften erhalte und seine Website ihm nichts einbringe, erfahren die Anwesenden nichts darüber, wie sich von professioneller Filmkritik außerhalb großer Zeitungen leben lässt. Die implizite Antwort ist wohl: "gar nicht".

FELIX SIMON

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Juli 2016, Felix Simon, © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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