Cambridge, schön schräg. Die ehrwürdigen Hallen der englischen Eliteuniversität Cambridge stecken voller Harry-Potter-Charme. Eindrücke von einem anderen akademischen Stern von Hartmut Leppin

An King's Cross fahren die Züge von London nach Cambridge ab. Er ist der berühmteste Bahnhof der Stadt, denn das Gleis 9 3/4 lockt Harry-Potter-Fans in Scharen, deren Schlangen gut geordnet vorrücken. Wer am Ziel ist, belohnt sich mit einem Selfie; dabei zu kreischen scheint zum guten Ton zu gehören. Harry Potter bereitet gut auf die Weiterreise nach Cambridge vor: Auch dort trägt man Talare, speist in großen Hallen, die Gastprofessoren, die Fellows, sitzen am High Table; es wird Realität (und war schon lange Realität), was inzwischen auch Nichtakademiker aus Harry-Potter-Büchern und -Filmen kennen.

Umso bemerkenswerter ist die Würde, mit der alte Traditionen in der Universitätsstadt weiter zelebriert werden: die lateinischen Dankgebete beim feierlichen Abendessen, die in jedem College anders sind; die Veranstaltungen, um Förderer und Gelehrte zu ehren; die akademischen Rituale der verschiedenen Phasen des Lebens von Studenten und Gelehrten.

Gelehrte aus aller Welt strömen nach Cambridge. Es drängt sich das Gefühl auf, dass, wer wichtig ist, schon einmal dort vorbeischauen wird. Beeindruckend ist in der Tat die Internationalität, das Gefühl, an einer wahrhaft globalen Wissenschaftswelt teilzuhaben. Man begegnet Kollegen von überallher; das Englische erleichtert die Kommunikation in alle Richtungen. Und doch kann gerade diese Globalität in eine reine Selbstbezüglichkeit, ja tiefe Provinzialität führen. Was wichtig ist, geht nicht an Cambridge vorbei und spielt sich in englischer Sprache ab, so der Eindruck bei vielen. Empört kehrt mancher von einer Tagung in Deutschland, Italien oder Frankreich zurück und klagt darüber, dass nicht fortwährend Englisch gesprochen wird.

Andere haben zwei Jahre auf dem Kontinent verbracht und sind sprachlich kaum über das Elementare hinausgelangt. Die Vielsprachigkeit anderer Europäer erntet Respekt, doch der bleibt folgenlos. Multilingualität als intellektueller Habitus begegnet einem selten. Zwar lernen Historiker und Philologen die fachlich notwendigen Quellensprachen gründlich, aber der Wunsch, in eine fremde Kultur einzutauchen, indem man sich auf die Sprache einlässt und nach dem forscht, was noch nicht übersetzt ist - der kommt bei wenigen auf.

Doch was fühlen die Muttersprachler, wenn sie an ihrer Universität und in ihren Colleges ihre Sprache in vielen Akzenten, mit unzähligen Solözismen anhören müssen? Sie schweigen darüber. Die Briten scheinen jeden Fehler und jedweden Akzent ohne Stirnrunzeln verzeihen zu können, jedenfalls den Akzent jener, die keine Muttersprachler sind. Denn die wahren Briten, die es noch gibt und die sich sofort am Akzent erkennen, wissen, was ihre Sprache wert ist.

Der aus Australien stammende Historiker und Deutschland-Kenner Christopher Clark hält seine Antrittsvorlesung auf seinem neuen Lehrstuhl in Cambridge, als Regius Professor of History. "Otto von Bismarck: Time, Power and the German State" lautet der Titel. Selbstironisch, geistvoll und kenntnisreich behandelt Clark das Thema vor einem weiten Horizont, der auch französische und deutsche intellektuelle Traditionen erfasst und damit manchem selbstbezüglichen britischen Kollegen den Spiegel vorhält. Das löst angeregte Diskussionen beim Empfang danach aus. Als ich einwerfe, dass Clark nahezu akzentfrei Deutsch spricht, nimmt man die Kuriosität zur Kenntnis, doch sofort entspannt sich eine Diskussion zum Wichtigeren: Hat Clark es geschafft, seinen australischen Akzent abzulegen, oder hört man ihn noch? Die Meinungen dazu sind so uneinheitlich wie die Akzente im gesprochenen Englisch.

Ein amerikanischer Kollege klagt beim Kaffee über die vielen administrativen Aufgaben ("Welche Verschwendung von Forscherzeit!") und ist überzeugt, dass das deutsche System besser sei - und ich freue mich (wenn auch wider besseres Wissen), auch einmal etwas Gutes über die deutschen Universitäten zu hören. Denn meistens klingt es anders: Deutschland ist so furchtbar hierarchisch im Vergleich zu England, heißt es oft. Anfangs konnte ich auch mit vollem Brustton der Überzeugung sagen: Ja, so ist es. In der Tat, Hierarchie wird in Cambridge nicht inszeniert. Die Sitzordnung ist offen, Dignität ist nicht evident, es gibt keine dominant auftretenden Ordinarien, die der Auffassung sind, sie müssten stets die erste oder die letzte Frage stellen. Das pompöse Auftreten, sei es im Habitus des Konservativen oder des Linksintellektuellen, das viele deutsche Universitäten weiter prägt, fehlt, und man vermisst es nicht. Man spricht sich sofort mit Vornamen an (bloß der Deutsche wird höflicherweise in E-Mails erst einmal mit Professorentitel angeredet, denn man weiß ja, dass er hierarchisch denkt).

Doch anderes zeigt sich in den Cambridger Seminaren: Die Kunst der unaufdringlichen Inszenierung der eigenen Bedeutsamkeit wird hier zur Perfektion getrieben. Die Dichte an Wissenschaftsstars ist groß, die einander manches neiden und Angst haben, von einem Ko-Star bloßgestellt zu werden. Eine gewandte Sprache, eine subtile Rhetorik versprechen hohen Statusgewinn, wenn man sie nicht zu oft und zu deutlich einsetzt. Manche reden außerhalb der Rednerliste, andere maßen sich das nicht an.

Und es gibt Rangstufen und Gehälter, über die man offen spricht; aber es ist komplizierter als auf dem Kontinent. Ein Professor ist nicht unbedingt höher geachtet als ein "Senior Lecturer". Statusdistinktion erfolgt feinsinniger. Man weiß, von welcher Universität jemand kommt, manchmal hört man es auch; man weiß, wo jemand publiziert. Colleges haben unterschiedliches Prestige. Im College wird subtil unterschieden: Darf man mit den Fellows essen? Darf man jemanden einladen? Wenn ja, wie viele? Sitzt man am High Table oder nicht? Vor allem: Man weiß in der Universität wie in den Colleges, wer am Ende in den Komitees sitzt, die die Entscheidung über Schicksale fällen, über Verlängerung von Stellen. Denn viele sind nur für kurze Zeit in Cambridge und müssen dann weiterziehen.

Feiern rhythmisieren den Alltag der Fellows in Cambridge. Wichtig ist der "Benefactors' Service", den ich an meinem College mitbegehe. In einem Gottesdienst wird derer gedacht, die das College finanziell unterstützt haben. Eindrucksvoll nimmt sich die Zahl der Dons in der ersten Reihe aus, durchgeistigte kluge Gesichter, fast alle Engländer, alle in den würdevollsten Talaren. Ein Anglikaner zelebriert die Liturgie, ein Baptist predigt belesen und lebendig über Dankbarkeit; der studentische Chor trägt engagiert Lieder vor. Einige singt die Gemeinde kraftvoll mit, die meisten auswendig. Als letztes kommt Jerusalem, ein Gedicht des Romantikers William Blake. Es erzählt die Legende von Christus, der nach England kam. Das Kirchenlied endet mit der Vision, dass Jerusalem auf Englands grünem Boden entstehen solle. Ich kenne das Lied - aus einem Monty-Python-Sketch über den Bettenkauf.

Man kann bei den komplexen Feiern viele Fehler machen: Weihnachtsfeier im Corpus Christi Oxford. Die Kollegen hatten mich zu einem Gastvortrag eingeladen, danach würden wir zusammen essen. Was ich nicht verstanden hatte, war, dass es sich um das offizielle Weihnachtsessen handeln würde. Daher habe ich auch keine Krawatte dabei (so etwas trägt man bei Vorträgen im UK gewöhnlich nicht, anders als im Alltag der Grundschulen). Also musste eine her für mich. Der Kollege erfasst das Problem mit einem Blick und besorgt mir eine aus seinem Büro. Sie hatte einige Saucenspritzer, vermutlich von Spaghetti Karbonara. Einen Talar habe ich auch nicht, dafür meinen Anorak.

Dozenten und Gleichgestellte sammeln sich, wir trinken noch einen Martini, dann kommt ein Pedell, der uns in die Hall geleitet. Dort sind schon alle Studenten (in Talaren) versammelt, die sich zu unseren Ehren erhoben haben. Wir ziehen unter aller Augen durch zum High Table, ich mit bespritzter Krawatte und Anorak. Keiner verzieht das Gesicht.

Auf dem Tisch liegen Christmas Crackers bereit, Knallbonbons. Während ich noch über die Szenerie sinniere, spüre ich, dass sich alle Blicke, von Studenten wie Professoren, auf mich richten: Man muss zu Beginn des Essens die Knallbonbons auseinanderziehen, aber nicht allein, sondern zusammen mit seinem Tischnachbarn, und zwar mit überkreuzten Armen. Alle stehen schon bereit, halten ihre Arme in Bereitschaft und blicken erwartungsvoll auf ihre Cracker oder auf mich, nur ich träume vor mich hin. Aber niemand sagt ein unfreundliches oder spöttisches Wort. Nachdem ich endlich den Cracker auseinandergezogen habe, finde ich außer einem Sinnspruch und einem Plastikspitzer eine Weihnachtskrone aus Papier vor, wie man sie aus englischen Filmen kennt. Jetzt muss ich sie auch tragen ("if you don't mind"), nicht ohne ein Gefühl der Peinlichkeit, doch die Kollegenschaft weiß sie mit Würde auf ihr Haupt zu setzen, der Gast bemüht sich, das auch zuwege zu bringen.

Das Essen ist köstlich. Auf mein Lob erzählt man mir, dass das Weihnachtsessen der einzige Anlass sei, zu dem das Essen der Studenten genauso gut sei wie das der Dozenten. Als ich die Kollegen frage, warum man in einer, wie alle doch immer betonen, so wenig hierarchischen Welt wie den englischen Universitäten solche Demütigungsrituale wie High Table oder das Aufstehen beim Einzug der Dozenten gegenüber den Studenten beibehalte, sagt einer nüchtern: "In drei Jahren verdienen die meisten dreimal so viel wie wir. Jetzt sollen sie noch lernen, was wirklich wichtig ist."

In meinem Cambridger College leben etwa 500 Studenten. Auch ich habe dort mein Appartement. Auch mich überrascht die Ruhe schon am frühen Abend; allenfalls zu Beginn und Ende des Trimesters wird es etwas lauter. "They are too exhausted", kommentieren die britischen Kollegen. In der Tat: Während der drei Trimester zu je acht Wochen wird den Studenten alles abverlangt. Die Dichte an interessanten Veranstaltungen lässt sich überhaupt nicht bewältigen; neben dem regulären Programm besteht das Angebot von Vorträgen berühmter Gäste, die an einem Ort wie Cambridge ihr Bestes geben. Spricht man mit den Studenten darüber, so klagen sie nicht. Sie erklären, sich darüber zu freuen, dass sie die Zeit mit anderen hart arbeitenden Gleichgesinnten verbringen.

Was ich bisher geschildert habe, war doch etwas zu heimelig: Es gibt durchaus ein studentisches Nachtleben in Cambridge, ein sehr lebendiges sogar. Man hört von wilden Saufgelagen. Schwer zu sagen, was da dran ist und wo bramarbasiert wird. Aber die Studenten sind gewiss nicht nur die disziplinierten Lerner. Dafür spricht schon, dass die Universität mit der Kommune darum ringt, wie lange nachts die Straßen beleuchtet sein sollen.

Und man sollte es auch zugeben: Es kommen durchaus viele psychische Erkrankungen vor - Depressionen, Essstörungen und ähnliche Leiden. Die, die es nach Cambridge schaffen, sind fast ausschließlich junge Leute, die mit einer makellosen Erfolgsbilanz lebten, gewohnt, ihre Mitschüler zu überragen. Jetzt aber treffen sie ähnlich brillante Studenten und sind vielleicht nicht mehr unter den Besten. Manche waren durch ihre Eltern schon von Jugend an darauf vorbereitet worden, nach Cambridge und Oxford zu kommen. Jetzt merken sie, dass sie doch die Alten bleiben und dass auch diese Universitäten nicht das reine Glück bedeuten. Über diese seelische Not wird zunehmend gesprochen - viele Studenten meinen, nicht genug.

Doch ich habe hauptsächlich mit jenen zu tun, die den Erfolg vorleben. Mit dem Lächeln des alten Fahrensmanns, der oft genug durch die geistigen Untiefen deutscher geisteswissenschaftlicher Seminare gerudert ist, höre ich die Cambridger Kollegen darüber lamentieren, dass ihre handverlesenen Studenten nicht gut genug seien, da es ihnen an innerem Engagement fehle. Solche Klagen gehören natürlich zur Professorenroutine. Welcher Professor hat schon das Gefühl, dass ihm und seinem Fach von Medien, Kollegen und eben auch Studenten die gebührende Aufmerksamkeit zuteil werde? Etwas Narzissmus gehört einfach zum Berufsbild. Doch in Cambridge hat das eine besondere Note. Die Studenten sind gezielt ausgewählt worden, in einem strengen Verfahren. Jetzt haben sie das Gefühl, auf einen Abschluss abonniert zu sein. Scheitern ist das Versagen der Institution.

Zum Abschied von Cambridge bei der Eucharistie in der King's College Chapel: Zwei Teile hat das hochgotische Gebäude. Vorn, hinter dem kunstreichen Lettner findet ein traditioneller Gottesdienst statt, konzentriert, Gebete werden mitgesprochen (ein Text liegt aus), Lieder kraftvoll mitgesungen, auch wenn das Gesangbuch keine Noten enthält. Der Predigt über Hilda von Whitby, einer englischen Heiligen des 7. Jahrhunderts, lauscht man konzentriert. Vor dem Lettner aber herrscht ein Kommen und Gehen. Wer bleibt, unterhält sich prächtig, immerhin mit leiser Stimme, spaziert umher, knipst und eilt davon, wenn es langweilig wird; andere kommen rein, gucken und knipsen. So haben die Touristen ihr Vergnügen und die Würde bleibt gewahrt. Cambridge eben.

Der Autor ist Professor für Alte Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt und gerade von einem Semester als Fellow an der Universität Cambridge zurückgekehrt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. April 2016, Hartmut Leppin © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


Aktuelles

„Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" - Vortrag von Jürgen Habermas. Skript und Video zum Abruf verfügbar

Die Meldung zum Vortrag finden Sie hier...

Weitere Informationen (Vortragsskript und Video) zum Vortrag „Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" von Jürgen Habermas am 19. Juni 2019 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main finden Sie hier...

Ringvorlesung „Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz“

Unter der fachlichen Leitung von Prof. Martin Saar und PD Dr. Thomas Biebricher findet im Sommersemester 2019 die Ringvorlesung „Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz“ statt. Mehr...

Nächste Termine

26. Juni 2019, 18.15 Uhr

Ringvorlesung "Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz": Prof. John P. McCormick: Rethinking Democratic Athens and Republican Rome in an Age of Plutocracy and Populism. Mehr...

27. und 28. Juni 2019

Workshop: Interpreting the Anthropocene: Hope and Anxiety at the End of Nature. Mehr...

27. Juni 2019, 20.15 Uhr

Lecture & Film "Die Erfinderin der Formen. Das Kino von Chantal Akerman": Martin Seel (Frankfurt): Die andere Seite des Kinos: Chantal Akermans De l‘autre côté. Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Noch einmal: Moralität und Sittlichkeit

Jürgen Habermas
Öffentlicher Vortrag an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Das Humboldt Forum und die Ethnologie

Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl, Johann Michael Möller, Prof. Gereon Sievernich, Dr. Gisela Völger. Moderation: Dr. Eva Charlotte Raabe
Podiumsgespräch

Neueste Volltexte

Kettemann, Matthias; Kleinwächter, Wolfgang; Senges, Max (2018):

The Time is Right for Europe to Take the Lead in Global Internet Governance. Normative Orders Working Paper 02/2018. Mehr...

Kettemann, Matthias (2019):

Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019. Mehr...