Neues aus der Forschung zum Nulltarif. Wissenschaftler veröffentlichen ihre Ergebnisse für jeden zugänglich im Internet - Open Access nennt sich das Modell. So verlockend es klingt, ein paar Schwierigkeiten gibt es doch

Von Bettina Wolff

RHEIN-MAIN. An Open Access führe kein Weg vorbei, sagt Matthias Kettemann, der an der Frankfurter Universität zum Internetrecht forscht. Open Access heißt "freier Zugang" und steht für das Konzept, der Öffentlichkeit alle wissenschaftlichen Publikationen unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Traditionell haben Akademiker ihre Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften veröffentlicht. Doch schon seit den neunziger Jahren setzt sich die Open-Access-Bewegung dafür ein, dass die Texte für jedermann frei zugänglich online veröffentlicht werden.

Dabei gehe es in erster Linie darum, dass weltweit jeder über das Internet auf das Wissen und kulturelle Erbe der Menschheit zugreifen könne, sagt Georg Botz, Koordinator für Open Access Policy der Max-Planck-Gesellschaft. Dies bedeute nicht nur, dass auch Wissenschaftler in Entwicklungsländern von den Ergebnissen anderer Forscher profitieren und mit ihrer eigenen Arbeit darauf aufbauen könnten. Der gleiche Effekt zeige sich natürlich auch schon innerhalb Europas, weshalb der Rat der Europäischen Union im Mai offiziell dazu aufgerufen hat, Open Access zu fördern.

Momentan sind laut Max-Planck-Gesellschaft 13 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen frei zugänglich, und es gibt im Netz Tausende reine Open-Access-Zeitschriften von den unterschiedlichsten Herausgebern. Darunter sind etablierte Verlage, private Anbieter sowie Fachgesellschaften wie zum Beispiel die Deutsche Physikalische Gesellschaft. Im Unterschied zu den traditionellen Zeitschriften, für die der Leser Geld ausgibt, muss bei Open-Access-Zeitschriften der Autor für die Veröffentlichung seines Artikels zahlen. So kann der Leser kostenlos auf den Artikel zugreifen. Dies gilt auch für das Hybrid-Modell, bei dem der Forscher dafür zahlt, dass sein Text dank Open Access frei zugänglich ist, obwohl er ihn in einer herkömmlichen Fachzeitschrift veröffentlicht. Da dies aber dem bisherigen Geschäftsmodell der Fachverlage widerspricht, verlangen sie für die Open-Access-Veröffentlichung in ihren Zeitschriften zum Teil bis zu mehrere tausend Euro pro Artikel.

Laut Botz steht die Politik grundsätzlich hinter Open Access, was erst einmal logisch klingt angesichts der Möglichkeit, dank dieses Modells immer auf dem aktuellsten Stand der Forschung zu sein. Doch wie immer geht es auch ums Geld, selbst wenn beteuert wird, dass dies nicht der primäre Grund sei. Denn Universitäten und ihre Bibliotheken zahlen weltweit jedes Jahr Milliarden für Abonnements der herkömmlichen Fachzeitschriften. Diese sind nach wie vor die Hauptquelle für Wissenschaftler, die sich über die neuesten Forschungsergebnisse ihrer Kollegen informieren wollen. Fachverlage wie Springer, die diese Zeitschriften herausgeben, verdienen daran nicht schlecht. So schreiben die MIT-Bibliotheken, dass die Gewinnmarge von Elsevier, einem der weltweit größten Wissenschaftsverlage, in den vergangenen Jahren um die 36 Prozent betragen habe. Und Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft haben ausgerechnet, dass weltweit jährlich 7,6 Milliarden Euro für Fachzeitschriften gezahlt werden. Bei zwei Millionen Artikeln im Jahr bedeute dies einen Artikelpreis von 3800 Euro. Die Veröffentlichung eines Open-Access-Artikels hingegen koste im Schnitt weit weniger als 2000 Euro.

Dieser Preiszuschlag etablierter Fachzeitschriften sei nicht gerechtfertigt und momentan nur noch wegen ihres Renommees möglich, meint Botz. Denn in Deutschland sind die meisten Universitäten staatlich, das heißt mit Steuergeldern finanziert. Also sind die Wissenschaftler, die Autoren der Texte sind, vom Staat bezahlt, genauso wie auch die Wissenschaftler, die im sogenannten Peer Review die Qualität der Artikel garantieren sollen. Die Verlage, die die Zeitschriften zusammenstellen, redigieren und herausgeben, schaffen laut Botz eine künstliche Hürde zwischen Autor und Leser. In Zeiten des Internets, in denen sich online jeder selbst verlegen kann, sei ihr Geschäftsmodell überholt - so zumindest die Theorie.

In der Praxis gibt es auch Zweifel am Modell des freien Zugangs. "Über Datenbanken kommt man bei der Recherche manchmal auf Open-Access-Artikel, aber in der Regel ist man dann skeptisch", sagt Marcus Maurer, Professor am Institut für Publizistik der Universität Mainz. Es gebe nämlich einen völlig unübersichtlichen grauen Markt für Open-Access-Journals. Maurer war selbst schon einmal Peer Reviewer für die Open-Access-Zeitschrift "Plos One" der Public Library of Science. Die ist für ihn aber auch die einzige Open-Access-Zeitschrift, die die Qualitätsstandards erfülle.

Max-Planck-Koordinator Botz ist allerdings überzeugt, dass unseriöse Journals nur kurzfristig Erfolg haben können. Denn auf lange Sicht werde wie auch bei herkömmlichen Zeitschriften die Reputation den Markt regulieren. Zudem würden einer kürzlich erschienenen Studie zufolge Open-Access-Artikel deutlich öfter zitiert als Artikel aus Abonnement-Zeitschriften.

"Open Access ist zu wichtig, um es übers Knie zu brechen", sagt dazu der Frankfurter Jurist Kettemann, der selbst fast ausschließlich im Open-Access-Modell publiziert. Er glaubt, dass die Qualitätssicherung von Fach zu Fach sehr stark variiert. Während er selbst als Internetrechtler froh ist über eine kürzere Review-Phase, weil seine juristischen Kommentare dann nicht schon vor der Veröffentlichung wieder veraltet seien, könnte eine zu kurze Prüfung bei naturwissenschaftlichen Publikationen fatal sein.

Auch der Berliner Jurist und Open-Access-Experte Till Kreutzer publiziert fast ausschließlich auf diesem Weg. Für ihn ist es kein rechtliches Problem, wenn der Arbeitgeber Wissenschaftlern die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse über Open Access vorschreibt. Dies widerspreche dann nicht dem Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit. Forscher der Universität Konstanz hatten sich nach Einführung einer Open-Access-Pflicht in dieser Freiheit eingeschränkt gefühlt.

Kreutzer erwartet allerdings nicht, dass Open Access flächendeckend Erfolg haben wird, solange sich das wissenschaftliche Reputationssystem nicht ändert. Da das Renommee der Zeitschrift, in der publiziert wird, oft entscheidend für die Karriere ist, müssten hier auch hervorragende Open-Access-Zeitschriften mit Bestnoten bewertet werden.

Auch Botz sagt, es sei keine gute Idee gewesen, das Verhalten der Autoren ändern zu wollen. Deshalb wolle man mit der neuesten Initiative "Open Access 2020" nun die Finanzflüsse ändern, und dabei stünden die Universitätsbibliotheken an erster Stelle. Demnach soll das Geschäftsmodell umgekehrt werden, so dass die Universitätsbibliotheken die Kosten der Open-Access-Publikationen übernehmen und nicht mehr die Autoren. Geld dafür gäbe es nach Ansicht von Botz genug, wenn die bisherigen Abonnements zurückgefahren würden, die zum Teil sowieso schon zu teuer geworden seien. Hierbei arbeite man aber ausdrücklich mit den Fachverlagen zusammen. Die Max-Planck-Gesellschaft koordiniert diese Initiative momentan und hat schon Unterzeichner aus dem In- und Ausland gewonnen - darunter auch die Universität Mainz.

Jurist Kreutzer glaubt fest daran, dass sich Open Access etablieren wird. "Ich bin absolut davon überzeugt, dass die Verlage, die nicht mitmachen, untergehen."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. August 2016, Bettina Wolff © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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