Ökonomenpreis für Nicola Fuchs-Schündeln

Die Wirtschaftsforscherin Nicola Fuchs-Schündeln von der Goethe-Universität in Frankfurt erhält in diesem Jahr den Gossen-Preis, den wichtigsten deutschen Ökonomen-Preis. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wird vom Verein für Socialpolitik (VfS), der Organisation der deutschsprachigen Volkswirte, jährlich an Wissenschaftler vergeben, die mit ihren Arbeiten internationales Aufsehen erregt haben. Dies ist bei Fuchs-Schündeln der Fall, die den Preis am Montagabend in Augsburg verliehen bekam. Die VfS-Vorsitzende Monika Schnitzer lobte Fuchs-Schündelns "bedeutende empirische Beiträge zu Forschungsgebieten der Politischen Ökonomik, der Ökonomik von Haushaltsentscheidung und der Entwicklungsökonomik". Der Preis ist nach Hermann Heinrich Gossen (1810 bis 1858) benannt, einen Pionier der Grenznutzenschule.
Schon in jungen Jahren hat Fuchs-Schündeln (Jahrgang 1972), nach dem VWL- und Lateinamerika-Studium, ihrer Promotion an der Yale-Universität und als Assistenzprofessorin in Harvard, in den renommiertesten amerikanischen Fachjournalen Papiere veröffentlichen können. In einem ihrer bekanntesten erforschte sie, wie unterschiedliche politische Systeme die Präferenzen der Bürger prägen. Konkret untersuchte sie, wie sehr sich die Werthaltungen der Menschen in der DDR auch viele Jahre nach dem Untergang des Sozialismus von den Werthaltungen im Westen unterscheiden. Beispielsweise sind frühere DDR-Bürger viel stärker dafür, dass sich der Staat um Familien, um Alte und Kranke kümmere. Marktwirtschaftlichen Arrangements misstrauen sie. Inzwischen haben sich die Präferenzen zwar etwas angeglichen, doch bleiben Unterschiede bestehen.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich Fuchs-Schündeln mit der Frage, warum die Arbeitszeiten in entwickelten und unterentwickelten Ländern so signifikant unterschiedlich sind. Dafür hat sie in akribischer Datenarbeit repräsentative Umfragen aus 81 Ländern zusammengetragen. Ihr Ergebnis: In den ärmeren Ländern ist die Wochenarbeitszeit etwa 10 Stunden höher als in den reichen Ländern. Legt man die sehr viel längere Arbeitszeit in den armen Ländern zugrunde, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie viel weniger produktiv sie sind. Nach dem üblichen Maß - Bruttosozialprodukt je Arbeiter - sind Menschen in reichen Ländern sechzehn Mal so produktiv; berücksichtigt man die unterschiedlichen Arbeitszeiten, ist der Unterschied noch viel größer, betont Fuchs-Schündeln.
Eine zweite politisch brisante Frage betrifft die Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Schon lange ist bekannt, dass Amerikaner im Durchschnitt deutlich mehr arbeiten als Europäer. Der Nobelpreisträger John Prescott entwickelte die These, dass unterschiedliche Steuersysteme dabei eine Rolle spielen. Höhere Grenzsteuersätze schrecken von Mehrarbeit ab. Fuchs-Schündeln hat diese Frage anhand ihres detaillierten Datensatzes untersucht. Sie fand heraus, dass die Unterschiede vor allem die Arbeitszeiten der verheirateten Frauen betreffen. Der Grund dafür liege in den relativ hohen Steuern in Verbindung mit dem Ehegattensplitting. "Dieses hat sehr hohe negative Arbeitsanreize für Frauen", sagt Fuchs-Schündeln, die Mutter von drei Kindern ist und deren Ehemann ebenfalls als Professor an der Goethe-Universität lehrt. Wenn verheiratete Frauen zu arbeiten beginnen, trifft sie sogleich ein hoher Grenzsteuersatz. Also lohne sich Arbeiten nicht so sehr, wenn netto wenig Geld bleibt.
ppl.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. September 2016, ppl. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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