Jung, gläubig, unabhängig: Moslemische Pfadfinder. Organisation wächst und gilt als Beispiel für Integration / Tagung über junge Muslime im Historischen Museum

Susanne Schröter rät, genau hinzusehen, wenn es um die Finanzierung muslimischer Jugendarbeit geht. Für die Ethnologin und Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Uni ist zum Beispiel eine Grenze überschritten, wenn der Staat ein Angebot unterstützt, in dem die Scharia als Leitlinie gilt. Skepsis ist ihrer Ansicht nach außerdem angebracht, wenn Jugendarbeit in Moscheen vor allem auf Jungen zugeschnitten ist. Das hob sie gestern während einer Tagung im Historischen Museum hervor, zu der sie eingeladen hatte und in deren Zentrum das Leben junger Muslime stand.

Schröter kann aber auch positive Beispiele nennen, etwa das Jugendzentrum in Biebrich oder einen Workshop zur Prävention von Extremismus an der Wiesbadener Gerhart-Hauptmann-Schule. Auch den Bund Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinderinnen Deutschlands lobt sie. Von ihm konnten sich die Teilnehmer einen direkten Eindruck verschaffen, denn einige Pfadfinder waren zur Tagung gekommen, Gründungspräsident Taoufik Hartit stellte den Verband vor.

Der vereinigt die Ideale des Urvaters aller Pfadfinder, Robert Baden-Powell, und eine islamische Spiritualität, für die der Ehrenpräsident des Bunds, Scheich Khaled Bentounes, steht. Er hatte die Bewegung in Frankreich ins Leben gerufen und den Impuls gegeben, sie in Deutschland zu gründen. 2010 war es so weit. Die Bundeszentrale hat ihren Sitz in Wiesbaden.

"Wir wollen eine Schule des Friedens und des Zusammenlebens sein", sagt Taoufik Hartit. Indem durch die Pfadfinderarbeit die Persönlichkeit der jungen Leute gestärkt werde und sie dazu befähigt würden, in einer pluralistischen Gesellschaft zu leben, beuge man nicht zuletzt der Gefahr der Radikalisierung vor.

Derzeit gibt es neun muslimische Pfadfindergruppen in vier Bundesländern. In Hessen gibt es je einen Stamm in Rüsselsheim/Frankfurt und in Hanau sowie eine Siedlung in Wiesbaden, eine Vorstufe zu einem Stamm. Weitere Gruppen gibt es in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hamburg. Vorbereitet werden Gründungen in Bayern und Berlin.

Was die führenden Positionen angeht, mutet der Bund Moslemischer Pfadfinder ein wenig wie ein Familienunternehmen an: Der Bruder von Taoufik Hartit, Fouad Hartit, ist der Sprecher der Vereinigung, geführt wird sie seit kurzem von Naima Hartit, einer Verwandten. Darauf, dass eine Frau an der Spitze einer muslimischen Vereinigung steht, verweist Fouad Hartit nicht ohne Stolz.

An Gruppenstunden und Fahrten nehmen Jungen und Mädchen gemeinsam teil - ein Prinzip, das Schröter lobt. Außerdem sei der Bund dezidiert nicht antisemitisch und "vorbildhaft integriert". "Wir sind Muslime und Deutsche, mit allen Rechten und Pflichten", sagt Fouad Hartit. Wichtig ist dem Bund Moslemischer Pfadfinder, in den Strukturen der Jugendhilfe Platz zu finden - um mitgestalten zu können und um, wie andere Organisationen auch, Fördergeld zu bekommen. Großen Wert legt Fouad Hartit auf die Unabhängigkeit des Pfadfinderbunds, der zu keinem muslimischen Verband gehöre. "Das soll auch so bleiben." In Rüsselsheim ist der Bund als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt, wie er sagt.

Das durchgehende Prinzip der Koedukation dürften streng konservative Muslime eher ablehnen. "Doch wir versuchen, das gesamte Spektrum zu erreichen", sagt Fouad Hartit. Zum Beispiel sei in Dortmund eine Siedlung gegründet worden, die an einer Moschee zu finden sei. Einer breiteren Öffentlichkeit wurden die Pfadfinder bekannt, als sie 2012 und 2013 eine "Flamme der Hoffnung" durch mehrere Städte trugen. Im August 2013 hat eine Gruppe Frankfurt besucht und dabei einen Kranz an der Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust am Börneplatz niedergelegt.

Hatte der Bund Moslemischer Pfadfinder zu Beginn 60 Mitglieder, sind es nach Angaben von Fouad Hartit derzeit 300 mit zwölf Nationalitäten. Auch Nichtmuslime seien dabei. Die Nachfrage sei groß und von dem ehrenamtlichen Leitungsteam kaum zu bewältigen. Dank einer Stiftung habe man eine Referentenstelle besetzen können, aber auch die reiche nicht aus. Bei der Ausbildung der Gruppenleiter kooperiert der Bund mit der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg. "95 Prozent unserer Arbeit deckt sich mit jener der christlichen Verbände." Und die restlichen fünf? "Das ist unsere muslimische Spiritualität."

STEFAN TOEPFER

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Oktober 2016, Stefan Toeper. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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