"Groteske Figuren und lädierte Charaktere". Forscher an den hiesigen Unis schauen gespannt auf den Präsidentenwahlkampf in Amerika und den Aufschwung des Populismus weltweit. Sie haben auch Ideen, was dagegen zu tun wäre.

Von Sascha Zoske

RHEIN-MAIN. Ein leidenschaftlicher Forscher schaut auch nachts öfter mal im Labor vorbei. Ist das Labor allerdings ein Fernsehstudio, in dem sich ein egomanischer Präsidentschaftskandidat Wortduelle mit seiner Widersacherin liefert, kann die Analyse der Resultate gerne bis zum nächsten Morgen warten. So sehen es jedenfalls Nicole Deitelhoff und Johannes Völz. "Für Donald Trump stehe ich nicht um drei Uhr auf", sagt die Frankfurter Politologie-Professorin. Auch ihr Kollege Völz, der an der Goethe-Uni Amerikanistik lehrt, hat sich nur die Aufzeichnung des Schlagabtausches angeschaut. Am Urteil der Wissenschaftler über die beiden Bewerber und den Zustand der amerikanischen Gesellschaft dürfte sich nach der Auswertung der letzten TV-Debatte zwischen Donald Trump und Hillary Clinton ohnehin nichts geändert haben.

Aus professioneller Sicht hat die beispiellose Schlammschlacht vor der Präsidentenwahl für Völz und Deitelhoff ihr Gutes - schließlich liefert sie spannenden Diskussionsstoff und Denkanstöße für neue Projekte. Das gilt vor allem für Völz, der gerade eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Heisenberg-Professur übernommen hat. Aus der Perspektive des Kulturwissenschaftlers will er die Entwicklung der Demokratie in den Vereinigten Staaten untersuchen und dabei auch die Geschichte des Populismus beleuchten. Rolf van Dick, Professor für Sozialpsychologie an der Uni Frankfurt, macht sich ebenfalls seine Gedanken über das Phänomen Trump und beteiligt sich an öffentlichen Diskussionen über das Thema (siehe Kasten).

Einig sind sich alle drei darüber, dass die seit langem bestehende soziale Spaltung Amerikas ihren Anteil am Aufstieg des Provokateurs hat, der dem politischen Establishment den Kampf ansagt. In den Vereinigten Staaten mache sich das Gefühl eines "allgemeinen sozialen Niedergangs" breit, glaubt van Dick. In dieser Situation müsse es nicht einmal allen Menschen schlechtgehen. Es reiche schon, von deprimierenden Schicksalen zu hören, um die eigene Stimmung zu drücken. "Man erlebt, dass der Nachbar arbeitslos wird oder drei Jobs braucht, um seine Familie zu ernähren" - und schon wächst die Sehnsucht nach einem vermeintlichen Heilsbringer.

Die gesellschaftliche Spannung aktiviert nach Überzeugung des Psychologen jenen "Bodensatz" von Personen, die sich aufgrund ihrer frühkindlichen Erziehung nach autoritären Lösungen sehnten. Diese Gruppe von Menschen gebe es in jeder Gesellschaft, ihr Anteil an der Bevölkerung liege zwischen zehn und 25 Prozent. Auch die neuen Formen der Kommunikation förderten den Populismus, in Amerika wie überall auf der Welt. Krisen würden von den Menschen heute stärker wahrgenommen als früher, meint van Dick. "In den achtziger Jahren war zum Beispiel der Krieg in Afghanistan weit weg. Heute erleben wir fast in Echtzeit mit, wie Bomben auf Aleppo fallen oder tote Flüchtlingskinder an den Strand gespült werden."

Der Kulturwissenschaftler Völz richtet den Blick auch in die Vergangenheit, um den gegenwärtigen Zustand Amerikas zu verstehen. Die stärkere Orientierung der Republikanischen Partei nach rechts etwa habe schon Ende der sechziger Jahre begonnen, meint er: Damals habe die Demokratische Partei durch ihre Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung weiße, rassistisch eingestellte Wähler aus den Südstaaten verloren, die sich später den Republikanern zuwandten. Völz erinnert auch daran, dass Trump nicht der erste Populist ist, der in den Vereinigten Staaten größeren Zuspruch erfährt: 1992 etwa habe der Milliardär Ross Perot bei den Präsidentenwahlen ein achtbares Ergebnis erzielt. Perot habe zwar weiter links gestanden als Trump, die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der beiden, etwa ihr Hang zum Protektionismus, ähnelten sich aber durchaus.

Trotz all dieser Voraussetzungen bleibt es schwer fassbar, dass es ein notorischer Regelverletzer wie Trump zum offiziellen Repräsentanten einer Traditionspartei bringen konnte. Politologin Deitelhoff sieht den ungeniert rassistisch und sexistisch daherredenden Krawall-Kandidaten als einen Mann, der das "tiefe Gefühl der Planlosigkeit" in der amerikanischen Gesellschaft verkörpere. Populisten seien eben oft "groteske Figuren" und "lädierte Charaktere" wie Trump oder der italienische Polit-Komiker Beppe Grillo. Für Völz ist das Scheitern in der Natur solcher "Volkshelden" geradezu angelegt: "Sie antizipieren ihre eigene Niederlage. Schließlich muss das System, gegen das sie sich erheben, übermächtig erscheinen."

Die jüngsten Umfragen lassen erwarten, dass Trump nach dem 8. November die Chance bekommen wird, sich als Opfer des Establishments darzustellen und seine Anhänger weiter aufzuwiegeln. Der Politologe Claus Leggewie, der für die Uni Gießen eine Vorlesungsreihe zum Thema koordiniert (siehe Kasten), fürchtet denn auch, dass der mutmaßlich unterliegende Bewerber eine "Politik der verbrannten Erde" verfolgen werde. Amerikanist Völz glaubt nicht, dass es nach einem Sieg Clintons zu größeren Ausschreitungen kommen würde, aber auch er sieht die "Logik des Populismus noch nicht an einem Endpunkt angekommen". Selbst eine deutliche Niederlage Trumps werde wohl nicht zu einem "Ernüchterungseffekt" führen.

Leggewie hofft, dass sich die gemäßigten Republikaner und die unabhängigen Wähler gegen Trumps Destruktivismus zur Wehr setzen werden "und eine demokratische Mehrheit gute Politik macht". Wie aber kann gute Politik in Zeiten des Populismus aussehen? Nicole Deitelhoff meint, dass dazu nicht weniger, sondern mehr Streit gehört - an den richtigen Orten wohlgemerkt. Obwohl seit den achtziger Jahren neue Beteiligungsverfahren für die Bürger entwickelt worden seien, hätten die Menschen "das Gefühl, sie hätten weniger zu sagen als je zuvor". Auch in Deutschland seien Entscheidungen mehr und mehr an Experten delegiert worden, und die Parlamente hätten an Bedeutung verloren.

Das müsse sich ändern, wenn die Politik Vertrauen zurückgewinnen wolle, meint Deitelhoff. Nicht, dass sie sich über die guten Wahlergebnisse der AfD freuen würde. Aber dadurch, dass die Populisten nun in den Land- und Kreistagen säßen, könne man sich intensiv mit ihren Argumenten auseinandersetzen. Und diese Art des Streits könne der Demokratie nur guttun. Vielleicht bleibt dem Land dann auch eine deutsche Version von Donald Trump erspart.

Kasten:
Let's talk about America

Schon vor der Wahl am 8. November wird an den hiesigen Unis öffentlich über das
Duell zwischen Trump und Clinton und über den Zustand der amerikanischen
Gesellschaft diskutiert. In Frankfurt widmet sich am Donnerstag die
Bürger-Universität mit einer Veranstaltung dem Thema. Unter dem Titel "Wohin
steuert Amerika?" tauschen unter anderen die Politologin Nicole Deitelhoff und
der frühere deutsche Botschafter Klaus Scharioth auf dem Podium ihre Gedanken
aus. Beginn ist um 19 Uhr im Trude-Simonsohn-Saal des Casinogebäudes auf dem
Campus Westend.

Am 7. November hält der Münchener Amerikanist Michael Hochgeschwendner einen
Vortrag über das "Phänomen Trump". Anschließend ergänzen Forscher des
uni-eigenen "Center for Leadership and Behaviour in Organizations" wie der
Psychologe Rolf van Dick die Ausführungen des Gastes. Beginn ist um 18.30 Uhr im
 Hörsaal 9 auf dem Westend-Campus.

An der Universität Gießen befasst sich in diesem Semester eine Ringvorlesung mit
 der Präsidentenwahl und ihren Folgen. Die Reihe beginnt am 31. Oktober mit
einem Vortrag über Barack Obamas Politik, die der Referent Dietmar Herz als
"erfolgreich gescheitert" beschreibt. Zu den Gastrednern der Ringvorlesung
gehört auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), der an einem noch
 nicht bekannten Termin nach Gießen kommen will. Die Reihe endet am 30. Januar
mit einem Vortrag des Frankfurter Amerikanisten Johannes Völz. Alle Vorlesungen
beginnen um 19.15 Uhr in der Aula des Uni-Hauptgebäudes, Ludwigstraße 23. Nähere
 Informationen gibt es unter www.uni-giessen.de. (zos.)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Oktober 2016, Sascha Zoske. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


Aktuelles

„Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" - Vortrag von Jürgen Habermas. Skript und Video zum Abruf verfügbar

Die Meldung zum Vortrag finden Sie hier...

Weitere Informationen (Vortragsskript und Video) zum Vortrag „Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" von Jürgen Habermas am 19. Juni 2019 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main finden Sie hier...

Ringvorlesung „Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz“

Unter der fachlichen Leitung von Prof. Martin Saar und PD Dr. Thomas Biebricher findet im Sommersemester 2019 die Ringvorlesung „Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz“ statt. Mehr...

Nächste Termine

26. Juni 2019, 18.15 Uhr

Ringvorlesung "Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz": Prof. John P. McCormick: Rethinking Democratic Athens and Republican Rome in an Age of Plutocracy and Populism. Mehr...

27. und 28. Juni 2019

Workshop: Interpreting the Anthropocene: Hope and Anxiety at the End of Nature. Mehr...

27. Juni 2019, 20.15 Uhr

Lecture & Film "Die Erfinderin der Formen. Das Kino von Chantal Akerman": Martin Seel (Frankfurt): Die andere Seite des Kinos: Chantal Akermans De l‘autre côté. Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Noch einmal: Moralität und Sittlichkeit

Jürgen Habermas
Öffentlicher Vortrag an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Das Humboldt Forum und die Ethnologie

Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl, Johann Michael Möller, Prof. Gereon Sievernich, Dr. Gisela Völger. Moderation: Dr. Eva Charlotte Raabe
Podiumsgespräch

Neueste Volltexte

Kettemann, Matthias; Kleinwächter, Wolfgang; Senges, Max (2018):

The Time is Right for Europe to Take the Lead in Global Internet Governance. Normative Orders Working Paper 02/2018. Mehr...

Kettemann, Matthias (2019):

Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019. Mehr...