Wissenschaft über den Wolken. Eine Frankfurter Konferenz geht der Frage nach, unter welchen Bedingungen Kritik heute noch möglich ist

Kritiker ist keine eingetragene Berufsbezeichnung, in der öffentlichen Wahrnehmung aber an Statusgruppen gebunden: Öffentliche Kritik erwartet man von Künstlern, Schriftstellern, Publizisten, weniger von Steuerberatern, Piloten oder Programmierern; man erwartet sie aber auch von Wissenschaftlern, die sich als engagiert begreifen und diesen Anspruch gegen eine sich als wertneutral verstehende Institution durchsetzen können. Die geläufige akademische Klage vom Ende der Kritik entspringt teils der Selbstwahrnehmung einer Institution, die für engagierte Kritik nicht gegründet wurde. Zumindest die Grundlagen der Kritik - Zeit, Unterscheidungsvermögen, rationale Standards - sind in der Wissenschaft aber reichlich vorhanden und bieten, äußert sich der Wissenschaftler nicht selbst öffentlich, ein unschätzbares Potential für Journalisten, Politiker und andere Multiplikatoren.

Dass dieser Transmissionsriemen gegenwärtig nur unzureichend funktioniert, dafür waren die Wahlen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten ein deutliches Zeichen. Beide Male wurde die Wissenschaft als Lager des liberalen und selbstkritischen Denkens überstimmt und muss nun fürchten, von Ignoranten und Obskurantisten regiert zu werden. Sollten die Geistes- und Sozialwissenschaften noch weitere Wahlen abwarten, bevor sie sich selbst zu Wort melden?

Schritt zurück: Die Aufklärung hat den Hofnarren abgeschafft, in der Annahme, ihre Kritik von einem neutralen, unangreifbaren Standpunkt zu formulieren. Die selbstreflexiv gewordene Wissenschaft hat das Geschäft der Kritik wieder verkompliziert: Der Kritiker möge zunächst den Ort ausweisen, von dem er spricht, seine eigene Befangenheit vorzeigen, seine Worte entsprechend temperieren, bevor er dann vielleicht immer noch zu sprechen beginnt. "In die Rede, die ich heute zu halten habe", sagte Michel Foucault in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France, "hätte ich mich gern verstohlen eingeschlichen."

Als Institution ist Wissenschaft nämlich selbst ein Machtgefüge. In der projektförmig organisierten Wissenschaft läuft Kritik unter erhöhtem Risiko. Der intellektuelle Gegner von heute kann der Kooperationspartner von morgen sein, der befristet beschäftigte Mittelbau stellt seine Kritik klugerweise bis zur Festanstellung zurück. Dem Exzellenzcluster als staatlich gefördertem Vorzeigemodell, das die Leistungsstärke deutscher Universitäten auf internationaler Bühne demonstrieren soll, ist darüber hinaus die Anwerbung internationaler Star-Gelehrter ins Pflichtenheft geschrieben.

An dieser von Stanislaw Lem in "Der futurologische Kongress" parodierten Gruppe perlt Kritik auf eigene Weise ab. Gedanklich noch beim letzten oder schon beim nächsten Kongress, umgibt sie eine immunisierende Aura der Weltläufigkeit. Kritik vor Ort verflüchtigt sich im Flugzeug über den Wolken und bleibt den Dagebliebenen überlassen, die es sich mit dem berühmten Gast, der hoffentlich bald wiederkommt, wohl nicht verscherzen wollen. Der französische Soziologe Luc Boltanski hat dies in seinem Klassiker "Der neue Geist des Kapitalismus" auf abstrakter Ebene beschrieben: als Machtgefälle zwischen dem mobilen Kapital und den Angestellten, die bleiben müssen.

Wer sich von der Kunst einen Lichtblick erhofft: Es ist hier nicht viel anders. Die ausgebliebene oder verspätete künstlerische Reaktion auf die NSA-Enthüllungen erklärte Jörg Heiser in dieser Zeitung damit, dass Künstler heute selbst in ihren Netzwerken feststecken ("Das Schweigen der Vernetzungsjunkies", F.A.Z. vom 16. Oktober 2013), was auch die gegenseitige Kritik zum Verstummen bringt.

Die prominent besetzte Konferenz "Wert der Kritik", die das Frankfurter Exzellenzcluster Normative Ordnungen gemeinsam mit der Städel-Kunsthochschule organisierte, musste sich also erst aus einem doppelten Netz befreien, um ihr Ziel zu erreichen: die Verteidigung der Kritik gegen die Grabredner, die sie in unserer komplexen Gegenwart für erledigt halten.

Ein Heer angehender Künstler, Kuratoren und Kunstkritiker folgte im lichten Atrium der Städel-Hochschule der Auftaktrede des berühmten französischen Soziologen Bruno Latour. Wichtiger als die Sozialkritik war Latour die politische Ökologie: eine "Kritik der Erde" als System der Produktion, die von der Sozialkritik immer wieder vergessen werde. Unter dem frisch vereidigten amerikanischen Präsidenten, meinte Latour, werde die Kluft zwischen dem Lokalen und dem Globalen nicht nur dramatisch vertieft, sondern auch die Natur spielt nicht einmal mehr eine Nebenrolle. Von dem fragilen common ground aus, der uns berührt, weil wir auf ihm leben, sei eine anteilnehmende Form der Kritik aber erst wieder möglich. Dem Publikum blieb der weite Blick auf diesen fernsten Ort. Der nähere Bezug zwischen Naturkritik und Sozialkritik blieb offen.

Weiter war der theoretische Blickwinkel erst einmal nicht zu stellen. Enttäuscht wurde, wer im Anschluss mehr Konkretion erwartete. Luc Boltanski, der Macht und Ohnmacht der Sozialkritik in der liberalisierten Arbeitswelt akribisch untersucht hat, skizzierte ein soziologisches Programm, das Kritik an Akteuren und Institutionen ausrichtet. Der Frage, wie Institutionen als gleichzeitig sichernde und beherrschende Mächte zu kritisieren seien, folgte aber eine Unterscheidung von (institutionell definierter) Realität und Außenwelt, die nicht mit Leben gefüllt wurde.

Eine Zuhörerin merkte am Ende konsterniert an, dass der Wandel der Kritik durch die neuen medialen Formate, denen die heutige Ignoranz gegenüber Fakten in nicht geringem Maß geschuldet ist, in keinem Vortrag auch nur erwähnt worden sei. Über Anreizsteuerung in digitalen (Überwachungs-)Systemen, über die Ersetzung qualitativer durch quantitative Kriterien, über die Ohnmacht des Arguments gegenüber Netzwerkeffekten, über die Verlagerung von Verantwortung in unerreichbare Rechtsregime, über die Erpressbarkeit europäischer Politiker durch den Datenschatz amerikanischer Geheimdienste oder, um den Kreis zur Kunst zu schließen, Investorenmacht im Kunstbetrieb - über all diese in der Öffentlichkeit breit diskutierten Themen war zwei Tage lang kein Wort zu hören.

Am Ursprungsort der Kritischen Theorie, die Gedanken zu Taten und Wissenschaftler zu nonkonformistischen Intellektuellen heranbilden wollte, und in Anwesenheit zahlreicher Vertreter ihrer dritten Generation versank jeder Anflug von Konkretion in lähmender Selbstreflexion. Man verließ den Ort mit einem tauben Gefühl: Auf den liberalen westlichen Grundkonsens kann sich Kritik heute nicht mehr so leicht berufen. Auf eine Wissenschaft in der Filterblase kann sie nicht setzen.

THOMAS THIEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Januar 2017, Thomas Thiel © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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