Zurück zum Text! Spaltende Lektüre: Tilman Nagel deutet den Koran

Den Islam ernst nehmen" hieß der Vortrag des Islamwissenschaftlers Tilman Nagel am Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam. Der Titel formulierte den unausgesprochenen Vorwurf: Man tut es nicht. Den Islam ernst nehmen heißt für Nagel, den Koran nicht politischen Maximen unterzuordnen mit dem vorbestimmten Ziel eines sozialverträglichen Euroislam.
Als Beispiel der beflissenen Lektüre nannte Nagel eine Broschüre des Berliner Verfassungsschutzes, die den Islam ohne Einschränkung auf dem Boden des Grundgesetzes der Bundesrepublik ansiedelt. Dass die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam nicht nur eine gemeinsame Wurzel hätten, sondern angesichts vernachlässigbarer theologischer Unterschiede auch heute problemlos über den integrationspolitischen Leisten geschlagen werden können, sei, so Nagel, auch Konsens innerhalb weiter Kreise der Islamwissenschaft.
Gegen diesen verwahrte er sich: Unbestreitbar gebe es im Islam eine Fülle von Traditionen und Ausdeutungen, aber es gebe auch einen gemeinsamen Bezug: den Koran. Nagel nahm die zweite Sure in Augenschein, die von der Übertragung der göttlichen "Vernunft" auf den Menschen, in diesem Fall Adam und Abraham, handelt. Im Vergleich mit der Bibel gebe es hier einen deutlichen Unterschied. Während der christliche Gott in der Bibel erst durch einen inwendigen, reflexiven Akt erkennbar sei und der Mensch selbst die Entscheidung zwischen Gut und Böse treffe, werde Allah im Koran als der Reflexion unzugänglicher und zugleich in jedem Augenblick die Existenz durchdringender Gott dargestellt.
Mit weitreichenden Folgen: Da sich der Muslim Gott und die Welt nicht selbst erschließen müsse, sondern in jedem Augenblick seiner Existenz bereits vollkommen sei, fehle der Impuls zu Fortschritt und Selbstvervollkommnung. Dem Islam eigne daher ein Moment der Trägheit, das unter dem Titel "Dekadenzphänomen" breit diskutiert ist. Im Kontakt mit dem fortschrittlichen Westen, so Nagel, sei daraus ein Unterlegenheitsgefühl erwachsen, ein Schwanken zwischen Hybris und Ressentiment, das noch das Reizklima der heutigen Debatten prägt.
Mit seiner als sperrig empfundenen Deutung ist Nagel, einst allgemein anerkannte Koryphäe seines Fachs, zur dissidenten Stimme geworden, was ihm den ungewollten Applaus rechter Kreise eingebracht hat. In der Islamkonferenz wurde er höflich aufs Abstellgleis geschoben. In der Folge suchte er sich andere, auch fragwürdige Podien. Auch in Frankfurt wählte er deutliche Worte: Nicht nur, dass der Koran mit dem Grundgesetz unvereinbar sei; die Salafisten seien auch näher am Gehalt des Korans als manche historisch-kritische Exegeten, die den Text in einem eklektizistischen Deutungspluralismus verschwinden ließen, lautete sein Resümee.
Nagels scharf gestellte Lektüre traf auf Widerspruch: Wie weit kann der Islam heute auf die von Nagel herangezogenen Suren festgelegt werden? Und spielt die theologische Dogmatik in den politischen Verhandlungen überhaupt eine Rolle? Wenn es darauf ankam, konkrete Ansprüche zu rechtfertigen, hielt Nagel entgegen, seien auch in der Islamkonferenz die Dogmen herangezogen worden. Bemerkenswert war, dass der islamische Theologe Ömer Özsoy am Ende trotz exegetischer Vorbehalte ausdrücklich für Nagels "klare, befreiende Worte" dankte, die er angesichts des Drucks zur "unehrlichen", politisch gefälligen Koranlektüre als wohltuend empfand.
THOMAS THIEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Februar 2017, Thomas Thiel © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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