Klare Worte und ein vielsagendes Schweigen. Neuer türkischer Generalkonsul in Frankfurt spricht mit Puttrich vor geladenen Gästen

mali. FRANKFURT. Manchmal sagt ein Schweigen mehr als viele Worte. Und der türkische Generalkonsul Burak Kararti bekommt für sein Schweigen sogar Applaus vom geladenen Publikum. Kaum drei Wochen im Amt, hat sich der offizielle Vertreter Ankaras in Frankfurt auf ein Gespräch mit Europaministerin Lucia Puttrich (CDU) eingelassen. Auf Einladung des Hessischen Forums für Religion und Gesellschaft und dem Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam sind die beiden am Donnerstagabend in die Goethe-Universität gekommen. Zwei Stunden diskutieren und referieren sie. Wortreich. Doch dann, ganz am Ende, kommt sie, die Frage, auf die der Diplomat nur mit Schweigen antwortet. Was seine Meinung zu der von Präsident Erdogan gewählten Rhetorik gegenüber den Deutschen sei, will ein Mann aus dem Publikum wissen. Als Diplomat dürfe er darüber nicht urteilen, sagt Kararti. Und die nachfolgenden Sekunden der Stille lassen den Zuhörern viel Raum zur Interpretation.
Eine gewisse Ruhe verleiht der Diskussion von Anfang an eine Simultandolmetscherin - und das, obwohl ihre Stimme wie ein permanentes Hintergrundrauschen zu hören ist. Aber die Übersetzungen vom Deutschen ins Türkische und vom Türkischen ins Deutsche nehmen dem Gespräch das Tempo, das sich angesichts der Meinungsunterschiede hätte entwickeln können. Die Übersetzungszeiten nutzen alle Beteiligten, um ihre Worte gut zu überdenken. Mit Kritik wird trotzdem nicht gespart. Puttrich, gerade erst von einem Besuch aus der türkischen Partnerregion Bursa zurückgekehrt, findet durchaus klare Worte: "Im Moment ist die Türkei so weit entfernt von der EU, wie sie noch nie zuvor war", sagt die Ministerin. Sie habe dort "ein Klima der Verunsicherung und Angst" erlebt.
Der Generalkonsul hört mit regungsloser Miene zu. Dann folgt zeitversetzt seine Reaktion. Langsam schüttelt er den Kopf, verschränkt die Arme. Das Land befinde sich im Ausnahmezustand, ja. Aber trotzdem sei eine oppositionelle Meinung möglich, sagt Kararti. Und außerdem sei es die EU, die zur Verunsicherung beitrage. Die Verhandlungen über die Aufnahme in die Union dauerten einfach zu lange. "Wir haben auch nicht die erwartete Unterstützung und das erwartete Verständnis seitens der EU nach dem Putschversuch erhalten. Das hat zu einer Vertrauenskrise in der Gesellschaft geführt", meint der Diplomat. Eine Aussage, die Puttrich so nicht stehenlassen will: "Es ist einfach zu sagen, dass die anderen schuld sind. Aber man muss seine eigene Situation analysieren."
Der Ton bleibt den ganzen Abend hindurch respektvoll und ruhig - auch als Puttrich kritische Themen wie die Presse- und Meinungsfreiheit anspricht. Und am Ende findet der neue Mann Ankaras am Main sogar ein paar durchaus versöhnliche Worte: "Ich bin zuversichtlich, dass die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland so stark sind, dass die schwierige Lage überwunden werden kann."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. März 2017, mali. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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