Im Licht der Wahrheit. Zum zehnten Mal findet das Lichter Filmfest Frankfurt International statt. Aus der kleinen regionalen Initiative ist ein stattliches Festival geworden. Mit einer großen Frage

Von Eva-Maria Magel

Frankfurt, Hauptwache, auf den Kopf gestellt und rückwärts gefilmt - das sieht aus wie eine deutsche Autobahn mit merkwürdig verrutschten Seitenstreifen. Zusammen mit dem hektischen Sound von Daniel Hermann alias Flug 8, der immerfort behauptet "es ist wahr, es ist wahr, es ist wahr", schafft der Frankfurter Experimentalfilmer Michel Klöfkorn das genaue Gegenteil: Der schlichte Alltag der Stadt wirkt, als sei er von vorn bis hinten, von oben bis unten erfunden.
Wie Klöfkorn haben auch der Filmkünstler Gunter Deller, der filmtheoretisch ausgefuchst in exakt 24 Sekunden "Godard vs. Haneke" Wahrheit und Lüge gegeneinander ausspielen lässt, Sylvie Hohlbaum, die uns erläutert, was Veilchen, Lech Walesa und der Mauerfall miteinander zu tun haben, oder Martin Sonneborn, der die Realsatire seines Alltags als Brüsseler Abgeordneter dokumentiert, in den vergangenen Wochen den Countdown von Lichter gezählt. Die zehn kürzestmöglichen Kurzfilme stehen weiterhin auf den Internetseiten des diesjährigen Lichter Filmfests Frankfurt International und in den sozialen Medien. Ein kleines Feuer- und Feierwerk zum zehnjährigen Bestehen und eine Vorbereitung auf das, was die Zuschauer von Dienstag an bis zum 2. April erwartet.
Als da, unter anderem, wären: ein Quacksalber namens John Romulus Brinkley, den es wirklich gab, der in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts impotenten amerikanischen Männern Ziegenhoden eingepflanzt hat, was auch stimmt, was sie geheilt haben soll. Was, vermutlich, nicht stimmt. Aber die Filmemacherin Penny Lane, deren Namen übrigens stimmt, zeigt uns dieses schillernde Leben, eine Welle der medialen Begeisterung und die bösen Folgen in einer Mischung aus historischem Material, Zeichentrick und Expertenmeinungen, die belegen, dass das, was Brinkley tat, um seine Kundschaft zu akquirieren, heute locker als sogenanntes Infomercial gelten kann. Überhaupt, Amerika, seine Fakten und Fiktionen, spielen eine große Rolle im diesjährigen Filmprogramm, auch wenn es, wie "Morris aus Amerika", zumindest teilweise aus Hessen und der Rhein-Main-Region kommt. Mit Filmen wie "Nuts!" oder "Jackson", einer Dokumentation über die letzte Abtreibungsklinik in Mississippi, deren religiös bewegte Gegner und deren oft im völligen Abseits stehende Patientinnen, mit dem japanischen Beitrag "Fake" oder dem österreichischen Beitrag "Thank you for bombing" über Kriegsreporter in Afghanistan leuchtet vor allem der internationale Langfilmwettbewerb in den nächsten Tagen das weite Spektrum der Wahrheit aus.
Wer nach Amerika blickt dieser Tage, kann schon mal ins Schwindeln geraten angesichts der Frage, was denn die Wahrheit sei. Und auch sonst überwiegt die Frage nach dem Fake die nach dem Neuen allzu häufig, sind die "Fake News", die gefälschten Identitäten im Netz und sonstige Fälschungen, das Thema. Was ist Wahrheit, was ist Lüge? In der Kunst immerhin darf erfunden werden, was das Zeug hält, Hauptsache, das, was herauskommt, ist in sich wahrhaftig. Und insofern hat das Team des Lichter Filmfests Frankfurt International bei seiner Klausur im vergangenen Sommer, als noch keiner glauben mochte, dass Donald Trump amerikanischer Präsident wird, den richtigen Riecher gehabt, als es "Wahrheit" zum Thema des zehnten Festivals erklärte. Stoff, das zeigt ein Programm von guten 100 Lang- und Kurzfilmen, gibt es wahrlich genug. Falls das nicht auch schon wieder erfunden ist.
Die Frage danach, ob wir in der Realität kriegen, was wir sehen, oder nicht doch etwas ganz anderes und wie es denn im Film ist, der auch dann wahr ist, wenn er frei vor sich hin fabuliert, das beschäftigt das diesjährige Festival, in verschiedenen Kinosälen in Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden, aber auch in der bildenden Kunst, bei Podiumsdiskussionen, Vorträgen, die, mit der wissenschaftlichen und diskursiven Unterstützung des Frankfurter Exzellenzclusters "Herausbildung normativer Ordnungen" tief in die Frage nach der Wahrheit und unseren Konstruktionen eindringt. Einen ganzen Abend über Wahrheit wird es auch am 29. März mit Schirmherrin Doris Dörrie geben, die ihren Film "Grüße aus Fukushima" zeigen wird. Und wenn erst einmal die Ausstellung zu den Whistleblowern aus Hessen und anderswo eröffnet und die Debatte zu Meinung und Wahrheit die Gemüter erhitzt hat, wird es vermutlich wieder zahlreiche spontan sich entspinnende Gespräche an der Bar, im Foyer und beim Essen geben.
Schließlich hat das Lichter Filmfest, wie es zu Beginn noch schlicht hieß, von Anfang an darauf gesetzt, ein kommunikatives, offenes Festival zu sein. Mittlerweile sind die Fäden, die Festivalmitgründer und -leiter Gregor Maria Schubert, seine Kollegin Johanna Süß und zahlreiche weitere, oft ehrenamtlich tätige Lichter-Mitarbeiter an vielen Stellen knüpfen, zu einem festen, bunten Netz geworden: So, wie alle zehn Filmemacher und Protagonisten des Kurzfilm-Countdowns Lichter seit Jahren verbunden sind, durch Beiträge im Programm, Hilfe, Mitarbeit, sind auch die Beziehungen zu Veranstaltern, Verleihern und den Protagonisten des Rahmenprogramms fester und fruchtbar geworden. Zum zweiten Mal ist der Frankfurter Mousonturm Veranstaltungsort und Festivalzentrum, dazu kommt ein Schwerpunkt zur Virtual Reality im Film, der in den bundesweit wohl ersten Wettbewerb für das Erzählen im 360-Grad-Verfahren münden wird. Wer ausprobieren will, wie sich die virtuelle Realität für Zuschauer anfühlt, hat dazu Gelegenheit, auch die Profis dürfen zugeben, dass sie nicht alles wissen - eine kleine Messe samt Informationsmöglichkeiten wird es auch geben. Mit Partnern wie ZDF und Arte hat Lichter im Jubiläumsjahr einen weiteren Sprung gemacht - dass diese Programmpunkte dann hübsch lässig im Off-Charme der Naxoshalle präsentiert werden, zeigt wiederum, dass das Lichter Filmfest, mag es auch jedes Jahr ein wenig höher, schneller, weiter werden, sich treu bleibt: Vor zehn Jahren hatte das Filmfest höchst bescheiden im alten Atelierfrankfurt an der Hohenstaufenstraße begonnen. Mit zusammengeborgten Stühlen und Leinwänden, einem Kunstkinoprogramm in einem alten Campingbus, mit Catering in der Freitagsküche und einer Atmosphäre, die Aufbruch verhieß.
Heute fassen die Macher den Begriff "regional" so weit, wie das auch die Filmförderung tut, und sucht sich aus dem, was hiesige Filmemacher drehen, was hierzulande ko- und postproduziert wird oder in Frankfurt und Rhein-Main spielt, das aus, was ihnen interessant erscheint. Das sind keine in erster Linie gefälligen, aber doch sehr unterschiedliche Filme: Neun stehen im regionalen Wettbewerb, darunter Julia Ziesches Tragikomödie "Wann endlich küsst du mich?", gedreht unter anderem in Dreieich und in Frankfurt produziert, oder "Hard & Ugly", eine schwarzweiße Geschichte vom Glück, das zwischen den Fingern zerrinnt, des Marburger Regisseurs Malte Wirtz. Romuald Kamarkars Dokumentation "Denk ich an Deutschland in der Nacht" hätte wohl genauso gut auch in der Sektion "International" laufen können, widmet sie sich doch mit zum größten Teil hiesigen Protagonisten wie Ata Macias vom Offenbacher Robert Johnson, David Moufang alias Move D. oder Ricardo Villalobos DJs, die international Clubgeschichte geschrieben haben. Das ist, bei aller Lebendigkeit, natürlich auch ein Blick zurück - ganz weit nach vorn hingegen schaut das Filmfest erstmals mit der neu begründeten Sektion "Zukunft deutsches Kino". Im vergangenen Jahr hatte der Schirmherr Edgar Reitz eine fulminante Eröffnungsrede gehalten: der deutsche Film werde im eigenen Land verkannt, viele Talente kämen kaum in die Kinos. Daran, eine Debatte zu beginnen und Verleiher, Produzenten, Kinobetreiber an einen Tisch zu bringen, arbeite Lichter, sagt Gregor Maria Schubert. In diesem Jahr macht eine kleine, feine Reihe, in der unter anderem die auf der Berlinale gefeierten "Tiger Girls" zu sehen sein werden, den Anfang. Schließlich will Lichter auch im nächsten Jahr weiter wachsen.
Lichter beginnt am 28. März, Informationen zum Programm im Internet unter www.lichter-filmfest.de, ein Programm liegt auch aus.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. März 2017, Eva-Maria Magel © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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