Aus den Vortragssälen. Gilles Kepel: "The Jihad out of the Banlieues"

Gewinne Marine Le Pen die Präsidentenwahl in Frankreich, spiele das den Terroristen in die Hände. Diese Meinung vertritt der französische Soziologe Gilles Kepel, der als Kenner des politischen Islams gilt. In seinem Vortrag an der Goethe-Universität erläuterte Kepel, welche Strategie die Dschihadisten im Kampf mit dem Westen seiner Meinung nach verfolgen. Dabei stützte er sich im Wesentlichen auf sein neuestes Buch, das den Titel "Der Bruch - Frankreichs gespaltene Gesellschaft" trägt.

Laut Kepel bezwecken die Terroristen eine Spaltung der Gesellschaft. Je mehr Muslime sich ausgegrenzt fühlten, desto leichter falle es den islamistischen Menschenfängern, Nachwuchs für den Dschihad zu gewinnen. Wie groß die Verunsicherung nach Attentaten sei, spiegele sich in dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen wider - sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa.

Die französischen Attentäter, so Kepel, seien zumeist Jugendliche aus Zuwandererfamilien, die in den Vorstädten, den Banlieues, lebten. In den fünfziger und sechziger Jahren waren dort Siedlungen für Einwanderer aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nord- und Westafrika entstanden. Anfangs galten die Banlieues als modern, weil die Wohnungen dort Bäder und Fahrstühle hatten. Als Mitte der siebziger Jahre viele Einwanderer ihre Arbeit verloren, entwickelten sie sich jedoch zu sozialen Brennpunkten. Mittlerweile herrsche dort eine Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent, so Kepel. Problematisch sei zudem, dass die Jugendlichen nicht die französischen Werte teilten: Der Islam stehe für sie über dem Gesetz.

Die Genese des Terrorismus unterteilte Kepel in drei Phasen. Begonnen habe er mit Terrorkampagnen in der arabischen Welt. Als das nicht die gewünschte Wirkung erzielt habe, sei man dazu übergegangen, den Westen direkt anzugreifen. Als Beispiel nannte Kepel die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon 2001. Diese Strategie sei aber an mangelnden Ressourcen gescheitert. Den Eintritt in Phase drei datiert Kepel auf das Jahr 2005, in dem es in den Banlieues zu wochenlangen gewaltsamen Ausschreitungen kam. Seitdem verfolgten die Dschihadisten einen Guerrilla-Terrorismus mit einfachen Mitteln, der oft auf Einzeltäter setze.

gaf.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. April 2017, gaf. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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