Ein Dschihadist wählt rechts. Der Soziologe Gilles Kepel prognostiziert in Frankfurt, dass der Islamismus keine breite politische Basis finden wird

Der islamistische Terror wird in Europa ein schleichendes Ende nehmen, wird langsam abflauen, weil er sein Ziel nicht erreicht. Der mit seinen Publikationen zum Dschihad namhaft gewordene Soziologe Gilles Kepel stellt diese These am Frankfurter Exzellenzcluster Normative Ordnungen mehr andeutend als ausführend in den Raum. Eine beruhigende Perspektive ist das nicht, auch weil ein weiterer Strategiewechsel des Dschihad, es wäre der nunmehr vierte, möglich ist.

Dass der gegenwärtige Terror-Plan aufgeht, Europa in einen Bürgerkrieg zu ziehen und auf dessen Ruinen ein islamisches Kalifat zu errichten, ist nach der französischen Präsidentschafts-Vorwahl aber nicht wahrscheinlicher geworden. Ein Dschihadist, sagt Kepel, hätte Le Pen gewählt, in der Hoffnung, dass unter ihrer Regentschaft die Islamfeindschaft wächst und französische Muslime verstärkt für den Terror empfänglich werden.

Kepel wirft die Titelseite von "Le Monde" an die Wand: "Les deux Frances", titelte diese am Tag nach der Wahl, die Nation gespalten in das Grau des Front National und das Ocker von Macron. Dass den Dschihadisten der nächste Schritt, die breite Politisierung und Militarisierung der französischen Muslime, gelingt, hält Kepel für unwahrscheinlich. Zwar habe eine salafistische Minderheit in den Banlieues die Deutungshoheit übernommen, niemand besuche hier im Ramadan ein Restaurant. Politisch hält Kepel dies aber für folgenlos, eine breite Sympathie für den Dschihad sei nicht zu erkennen. Man hätte sich an dieser Stelle mehr Konkretion gewünscht.

Die neue Taktik des islamistischen Terrors hat der syrische Ingenieur und Al-Qaida-Kämpfer Al-Suri 2005 in dem Traktat "Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand" vorgegeben: Der Terror gegen den Westen, meinte Al-Suri, hätte nach dem 11. September sein großes Ziel verfehlt. Die Vereinigten Staaten besetzten den schiitischen Irak, wo der sunnitisch geprägte Dschihad keine Wurzeln schlug. Der Terror sollte nun nach Guerrilla-Taktik in den weichen Bauch des Westens, den europäischen Alltag, getragen werden.

Im Unterschied zur Politik nahm Kepel das Manifest ernst, las es im arabischen Original, übersetzte es in Auszügen und wurde belächelt. Welcher potentielle Terrorist würde sich durch die mehr als tausend Seiten des Traktats kämpfen, bevor er die Waffe in die Hand nimmt? 2005 war aber auch das Jahr, in dem Youtube auf Sendung ging und die Terrorbotschaften in konsumfreundlicher Kürze diffundierte. Kepel, der ein robustes Selbstvertrauen ausstrahlt, wird heute in der Politik gehört. Während des Vortrags schaltet er, halb scherzend, sein Handy aus. Sollte Macron anrufen, um ihn für sein Schattenkabinett gewinnen, müsse er es später noch einmal versuchen. Eitelkeit des späten Triumphs.

Kepel, der die französischen Banlieues bereits in den Achtzigern erforschte, fühlte sich intellektuell vorbereitet, als dort die Unruhen 2005 losbrachen. Der Politik wirft er vor, sie hätte damals den religiösen Hintergrund ignoriert und ihre Möglichkeiten verspielt. Innenminister Sarkozy, der gerade noch mit dem konservativen muslimischen Wählerpotential kokettiert hatte, präsentierte sich damals als harter Hund, die Sozialisten verloren mit der Homo-Ehe die Sympathien eines gemäßigten Islams. Bis heute habe die französische Politik ein diffuses Bild des Islams. Kepel führt einen Aktivisten des Front National an, der Muslime als Partner im Kampf gegen Kapitalismus und Globalisierung gewinnen will. Nicht weit davon entfernt eine abstraktionsselige Linke, die den Islam in die vakante Position des Proletariats einrücken lassen will. "Der Cop ist tot, na und?", hieß es unlängst aus diesen Kreisen nach dem Mord an dem Polizisten Xavier Jugelé.

Wolkige Abstraktionen hält Kepel auch seinem intellektuellen Antipoden, dem in Florenz lehrenden Politikwissenschaftler Olivier Roy, vor. Roy betrachtet den Dschihad als Revolte einer nihilistischen Jugend, die im Islam nur die höhere Weihe sucht. Kepel, der sich mit Roy erbitterte Schlachten lieferte, begnügt sich in Frankfurt mit einer Empfehlung an den "geschätzten Kollegen": Lest die Texte, erforscht die Milieus! Soziale Ursachen des Terrors will er nicht herunterspielen, anders als Roy hält er die Religion aber nicht für sekundär. Der Salafismus, auch wo er sich quietistisch versteht, bereite den Bruch mit der westlichen Gesellschaft vor, indem er die muslimische Identität absolut setze und seine Anhänger in ein archaisches Weltbild ziehe. Kepel sieht sich durch das vergangene Jahr bestätigt. Hieß es einmal, Deutschland sei vom Terror weniger verwundbar, weil es anders als Frankreich keine Wirtschaftskrise und kein koloniales Erbe zu bewältigen habe, so wurde es 2016 sogar häufiger als der rheinische Nachbar vom Terror getroffen. Es könne also nicht allein das Soziale oder der Anpassungsdruck des französischen Laizismus sein, der den Dschihad provoziere.

THOMAS THIEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. April 2017, Thomas Thiel. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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