Solcher Verzicht zahlt sich aus. Denn die Kirche kann Gaben vertragen: Peter Brown erzählt, wie sich das frühe Christentum mit Geld und Besitz arrangierte, um Rom zu beerben.

Wirtschaftsgeschichte hat wieder Konjunktur, und sie verbindet sich mit der Frage nach gesellschaftlicher Ungleichheit. Thomas Pikettys Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" erreichte Bestsellerzahlen. Auch die Spätantikeforschung befasst sich zunehmend mit derartigen Fragen. Anders als Piketty kann ein Althistoriker sich jedoch nur selten der Rhetorik von Kurven und Tabellen bedienen. Ökonomische Daten werden für diese Zeit hauptsächlich archäologisch gewonnen: Stempel auf Amphoren geben Hinweise auf Herkunft und Inhalt der Gefäße; die chemische Analyse von Metallen zeigt, wo sie abgebaut wurden; Münzfunde erlauben Aussagen zum Geldumlauf; grandiose Mosaiken verweisen auf reichen Besitz. Die Angaben der literarischen Quellen über Besitz sind hingegen oft stilisiert, über- oder untertrieben. Doch zur Frage nach dem Umgang mit Ungleichheit geben die spätantiken Autoren reiche Auskunft.

Ihre Stimmen vernimmt man neu dank Peter Browns im Original 2012 erschienenem Buch "Der Schatz im Himmel". Sein englischer Titel, "Through the eye of a needle", evoziert eine berühmte Sentenz Jesu: "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme." Zuvor hatte Jesus mit einem jungen Mann gesprochen, der das ewige Leben suchte und sich in seinem persönlichen Leben alle Mühe gab. Jesus aber verlangte noch mehr: "Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben!" Da ging der Jüngling, dem viele Güter gehörten, betrübt davon.

Der für die deutsche Ausgabe gewählte Titel ist durchaus treffend, denn das Buch verfolgt ebendie Frage, inwieweit man auf Erden einen Schatz im Himmel gewinnen könne und was das für das irdische Leben bedeutet. Brown handelt darüber in einem klar bestimmten chronologischen und räumlichen Rahmen: für den lateinischen Westen des Römischen Reiches der Jahre von 350 bis 550 - was der deutsche Untertitel leider verschleiert.

Brown erörtert ein Problem, das sich mit der Ausbreitung eines christlichen Glaubens stellte. Wie sollten Christen mit Reichtum umgehen? Das mussten sie sich von Beginn an fragen, da die christliche Mission keineswegs nur die Ärmsten anlockte, sondern auch Handwerker und Hausbesitzer. Reich waren diese nach antiken Maßstäben gewiss nicht, selbst sie hätten aber ihren Besitz aufgeben müssen, wenn der Spruch Jesu wörtlich zu nehmen war. So fragen bei Matthäus die Jünger entsetzt: "Ja, wer kann dann selig werden?", und sie erhalten eine enigmatische, doch auch beruhigende Auskunft: "Bei den Menschen ist's unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich."

Diese Episode steht für eine Debatte, die frühe Christen führten und die nie enden sollte. Noch einmal verschärft und anders stellte sich die Frage nach dem Umgang mit Besitz, als das Christentum die Religion der Kaiser wurde. Denn die unerhört reichen Senatoren wandten sich allmählich dem neuen Glauben zu, und die Kirche sammelte dank ihnen ein gewaltiges Vermögen.

Wie das geschah und welche Folgen es hatte, untersucht Brown in 29 Kapiteln, von denen die meisten der Zeit vom ausgehenden vierten bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts gewidmet sind und davon wiederum ein großer Teil Augustinus von Hippo. Damit knüpft Brown an sein erstes Buch über diesen Kirchenvater an. Dort hatte er bereits gezeigt, dass das Christentum sich im Römischen Reich nicht einfach mit der Bekehrung Constantins des Großen durchsetzte, der als der erste christliche Kaiser firmiert (306 - 337), sondern erst mit einigen Jahrzehnten Verzögerung, als die politisch-militärischen Eliten sich mehrheitlich als Christen verstanden.

Damals lebten Christen in einer "Zeit des Wohlstands", wie Brown sie nennt. Eindringlich beschreibt er den Prunk der gallischen Villen, vor allem aber würdigt er den neuen Umgang mit Reichtum: Seit jeher hatten die Eliten antiker Städte gerne öffentliche Gebäude errichtet, Feste gestiftet oder Mahlzeiten für die Bürger bezahlt und so ihren Ruhm gemehrt. Jetzt ging viel Geld an christliche Institutionen: Prachtvolle Kirchen wuchsen empor, Arme wurden gespeist, und die Reichen sammelten ihren Schatz im Himmel. Um eine Verminderung der gesellschaftlichen Ungleichheit ging es nicht, wenn die Bedürtigen Hilfe erfuhren, sondern um die Erfüllung von Gottes Geboten.

In dieser Zeit kam Hieronymus nach Rom und sorgte für Unruhe, weil er wohlhabende Frauen dazu verführte, so der Vorwurf, einen asketischen Lebensstil zu wählen. Ihr Vermögen erlaubte ihm ein klösterliches Leben in Bethlehem. Im nordafrikanischen Hippo wiederum baute Augustinus, der als ehrgeiziger Rhetor begonnen hatte, mit einem "Haufen erfolgreicher Karrieristen" eine klösterliche Gemeinschaft auf. Der vertraute Lebensstil der Eliten stand in Frage.

Hieronymus und Augustinus erlebten noch die "Krisenzeit" des Reiches, die Brown im nächsten Hauptteil schildert. Gallien entglitt der direkten kaiserlichen Kontrolle. Die neuen Herrscher waren zwar keineswegs von einer grundsätzlichen Feindschaft gegenüber Rom getrieben, sondern gestatteten den Römern, weiter nach ihren Gesetzen zu leben. Dennoch: Allenthalben wuchs ein Gefühl der Bedrohung.

Damals wurden im Umfeld eines britischen Mönches namens Pelagius Stimmen laut, die einen kompletten Verzicht auf Reichtum forderten; manch ein Vornehmer aus Rom ließ sich überzeugen. Augustinus hielt dagegen. Man dürfe nicht überstürzt allen Besitz preisgeben, vielmehr solle der Reichtum kontinuierlich der Kirche zugutekommen. Er witterte bei seinen Gegnern Selbstüberhebung, die Vorstellung, der Mensch könne sich aufgrund seines freien Willens und ohne die Gnade Gottes seiner Sündhaftigkeit entledigen, wenn er nur Verzicht leiste.

Daraus erwuchs die Lehre von der Erbsünde, die bis heute oft als bedrückend erlebt wird. Die Lektüre Browns zeigt, dass sie den Menschen von dem Druck befreien konnte, sittliche Perfektion anzustreben, da sie ihm ohnehin verwehrt sei. Augustinus rief deshalb die Reichen seiner Welt nicht zum vollkommenen Verzicht auf, sondern dazu, ihren Schatz im Himmel durch Großzügigkeit zu mehren. Und diese Großzügigkeit sollte den Armen und damit, wie es der Tradition seiner Heimat entsprach, der Kirche gelten. Kluge Theologie und praktischer Nutzen gingen Hand in Hand.

Viele Begüterte handelten, wie es Augustinus empfahl, zumal sie sich in diesen Krisenzeiten ihres Besitzes ohnehin nicht mehr sicher sein konnten und ihr Unbehagen an dieser Welt wuchs: Musste man nicht die Verheerungen durch Barbaren als Strafgericht Gottes verstehen? Die Frage stellte man sich selbst in der vergleichsweise ruhigen Provence: Inselklöster entstanden, darunter das berühmte Lérins, und Salvian von Marseille wetterte gegen den Sittenverfall.

In Italien wuchs indes über alle Krisen hinweg der Reichtum der Kirche, namentlich der römischen. An vielen Orten entstand ein neuer Typus des Bischofs, der Manager-Bischof, der beachtliche Besitztümer verwalten musste. Mit einem Ausblick auf das sechste Jahrhundert beschließt Brown sein Buch: Die Kirche etablierte sich als Patronin der Armen; es begann vieles, was als charakteristisch für die mittelalterliche Christenheit des lateinischen Westens gilt.

Brown bleibt in diesem funkelnden Werk, dessen Übersetzung sich flüssig liest, der Darstellungsweise treu, die seine Bücher so eingängig macht: Im Zentrum der meisten Kapitel steht eine einzelne Gestalt, die Brown lebendig charakterisiert. Er versucht ihre Motive zu ergründen und nimmt ihre Glaubensnöte ernst, wenngleich freundliche Ironie die Darstellung würzt. Plastisch treten die Persönlichkeiten vor den Leser, nicht zuletzt deswegen, weil Brown keine Scheu hat, zu psychologisieren - da wird ihm nicht jeder folgen.

Die Einzelnen stehen für bestimmte Lebensentwürfe in der spätantiken Gesellschaft, die über individuelle Befindlichkeiten hinausgehen: Man begegnet Symmachus, der die paganen Traditionen verteidigt, seinem Verwandten Ambrosius, der als Bischof von Mailand sogar dem Kaiser widersteht, und Paulinus von Nola, der seinen Reichtum für das Grab des heiligen Felix aufwendet, dieses auch glanzvoll beschreibt und so den Verzicht poetisch überhöht. Brown verwebt Biographien geschickt mit Sozialgeschichte, führt Wirtschaftsgeschichte und theologische Reflexion zusammen. Der Leser lernt, wie sich christlicher Glauben mit sozialer Ungleichheit arrangieren konnte, er lernt aber auch, wie unterschiedlich die Wege sein konnten, die Christen gingen, um ihren Schatz im Himmel zu haben.

HARTMUT LEPPIN.

Peter Brown: "Der Schatz im Himmel". Der Aufstieg des Christentums und der Untergang des römischen Weltreichs.

Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer und Karin Schuler. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017. 957 S., geb., 42,- [Euro].

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Mai 2017, Hartmut Leppin. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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