Neue Regeln für Adornos Nachfolger. Das Institut für Sozialforschung reformiert sich - mit freundlicher Unterstützung des Landes, wie der Direktor berichtet. Ein anderes Frankfurter Institut dient als Vorbild

Von Sascha Zoske

FRANKFURT. Manchmal hat Axel Honneth Lust auf einen Quickie. So hätten "die Alten" rasch organisierte Projekte genannt, wie sie noch möglich waren in jenen Zeiten, in denen das Beschaffen von Geld für die Wissenschaft keine Wissenschaft für sich war. "Die Alten", das waren Honneths Direktoren-Vorgänger am Frankfurter Institut für Sozialforschung - Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Ludwig von Friedeburg.

Honneth, der die berühmte Forschungsstätte seit 2001 leitet, setzt die dort entwickelten philosophischen Theorien gerne in Beziehung zu aktuellen Tendenzen der Gesellschaft - zum Beispiel dem Erstarken des Rechtspopulismus. "Ich wäre glücklich, wenn ich ein paar Leute nach Dresden zu Pegida schicken könnte." Aber das ist nicht so leicht für ein Institut, das mit einem Grundbudget von einer halben Million Euro im Jahr auskommen muss, ungefähr die gleiche Summe an Drittmitteln einwirbt und keine eigenen festangestellten Wissenschaftler beschäftigt.

Von einer Finanzierung, wie sie der geisteswissenschaftliche Exzellenzverbund "Normative Ordnungen" an der Goethe-Uni genießt, können die Sozialforscher an der Senckenberganlage auch künftig wohl nur träumen. Trotzdem sieht Honneth die Zukunft seines Instituts optimistisch. Seine eigene Zeit als Direktor geht dem Ende entgegen: Der 67 Jahre alte Professor wird den Posten im Juli nächsten Jahres aufgeben. Dass er glaubt, seinem Nachfolger ein gut bestelltes Haus hinterlassen zu können, liegt auch an vielversprechenden Verhandlungen, die das Institut derzeit mit dem Land Hessen führt.

Ausgangspunkt dafür war eine wohlwollend-kritische Stellungnahme, die der Wissenschaftsrat im Oktober 2015 abgegeben hatte. Das Expertengremium, das Bund und Länder in forschungspolitischen Fragen berät, lobte einerseits die "sehr gute und in Teilen exzellente" Arbeit, die von den Adorno-Nachfolgern geleistet werde. Andererseits wurde moniert, dass immer wieder Forschungsschwerpunkte in ihrer Existenz bedroht seien. Das liege unter anderem an "eher informellen Arbeitsstrukturen" und schwankenden Drittmitteleinnahmen bei bescheidener Grundausstattung. Es sei deshalb wichtig für die Sozialforscher, sich externe Partner zu suchen.

Auf der Grundlage dieser Ermahnungen traten Land, Institut und Goethe-Uni nach Honneths Worten in "komplizierte Gespräche" ein, die von der früheren Frankfurter Bürgermeisterin Jutta Ebeling moderiert wurden. Ebeling kennt sich aus mit den Besonderheiten von Forschungsstätten, die nicht Teil der Uni, aber eng mit ihr verbunden sind: Sie ist Stiftungsratsvorsitzende des Fritz-Bauer-Instituts für Holocaust-Forschung.

Ähnlich wie dessen Beziehung zur Goethe-Uni soll auch jene zwischen der Hochschule und dem Institut für Sozialforschung gestaltet werden. Wie Honneth berichtet, will das Land eine Professur finanzieren, deren Inhaber sich zu 50 Prozent der Leitung des Instituts widmen soll. Zu welchem Fachbereich der Lehrstuhl gehören solle, stehe noch nicht fest; vermutlich werde er eher den Gesellschaftswissenschaften als der Philosophie zugeordnet. Damit würde es auch ein geordnetes Verfahren für die Besetzung der Direktorenstelle geben. Fixiert werden soll es durch einen Vertrag zwischen Uni und Institut. Den "Alten" waren solche festen Regeln suspekt; nach Honneths Worten fürchteten sie, dass dadurch die Unabhängigkeit des Instituts gefährdet werden könnte. "Mich hat Friedeburg noch durch Handschlag zum Direktor ernannt."

Auch unterhalb der Chef-Ebene soll es mehr Planungssicherheit geben. Die Mitglieder des Institutskollegiums, derzeit sieben externe Professoren und Dozenten, sollen mit Unterstützung des Landes ihr Lehrdeputat an der Uni reduzieren. So sollen sie mehr Freiraum für die Arbeit am Institut bekommen und dort Nachwuchswissenschaftler stärker fördern. Für die wiederum soll es erstmals sechs bis acht feste Stellen geben - freilich nur halbe und zudem auf ein halbes Jahr befristet. Diese Zeit sollen die Jungforscher laut Honneth nutzen, um Drittmittel einzuwerben, mit denen sie ihre Arbeit fortsetzen können.

Die Finanzierung dieser Ideen durch das Land ist nach Angaben des Direktors weitgehend gesichert. Er rechnet damit, dass die Vereinbarungen im nächsten Jahr offiziell besiegelt werden. Nach seinem Eindruck engagiert sich die von CDU und Grünen geführte Regierung "ganz außerordentlich" für die Reform des Instituts, das mit seinem kapitalismuskritischen Blick auf die Gesellschaft nicht unbedingt als staatstragend wahrgenommen wird. Honneth macht sich auch nicht den oft von linker Seite erhobenen Vorwurf zu eigen, die "Neoliberalen" schmückten sich mit Horkheimers und Adornos Glanz, ohne deren Theorien zu schätzen. Er glaube, Land und Hochschule hätten "echtes Interesse" an der Sozialforschung, genauso wie ihnen das Wohlergehen des Fritz-Bauer-Instituts am Herzen liege.

Anders als Horkheimer, der in solchen Dingen sehr autoritär gewesen sei, wolle er das Institut in seiner Arbeit nicht auf eine bestimmte Linie festlegen, beteuert Honneth. Zwei Empfehlungen allerdings will er einem Nachfolger dann doch mit auf den Weg geben. Die eine lautet, das "Alleinstellungsmerkmal" beizubehalten, welches die Frankfurter weltweit auszeichne - nämlich die Verbindung von Philosophie und empirischer Sozialwissenschaft. Der zweite Rat lautet, weiterhin interdisziplinäre Projekte zu pflegen. So wie jenes, das die Sozialforscher derzeit mit Unterstützung der VW-Stiftung verwirklichen: Es geht darin um unerwünschte Nebeneffekte von eigentlich erfreulichen Veränderungen wie etwa der Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Familie.

Auch wenn die Anbindung des Instituts an die Uni formal künftig enger sein soll - räumlich wird die Distanz zwischen den Sozialforschern und ihren Kollegen wachsen. Die Geisteswissenschaftler sind längst von Bockenheim ins Westend umgezogen. Auf dem alten Campus, wo sich einst Studenten und Professoren über das richtige Leben im falschen stritten, sieht Honneth vor seinem geistigen Auge immer mehr "Luxushäuser" emporwachsen. Innig hofft er, dass mit dem Wachsen des Kulturcampus auch neues akademisches Leben in Bockenheim erblüht. Ein Austausch etwa zwischen den Sozialforschern und der Musikhochschule fände Honneth großartig; es wäre wohl auch ganz im Sinne des Musikgelehrten Adorno gewesen.

Dessen Bücher und Noten werden wohl auch künftig an der Senckenberganlage aufbewahrt, denn ein Auszug des Instituts aus dem denkmalgeschützten Fünfziger-Jahre-Bau steht nicht zur Diskussion. Sein künftiger Direktor kann wie Honneth an Adornos Schreibtisch sitzen, und ist er traditionsbewusst, wird er auch die Schilder an den Bürotüren so lassen, wie sie sind. Zumindest was sie betrifft, ist das Institut nämlich nach gutem linken Brauch eine hierarchiefreie Zone. Hier gibt es kein "Prof." und kein "Dr." vor dem Namen, hier ist man einfach nur "Axel Honneth".

Kasten:
Geburtsstätte der Kritischen Theorie

- 1923 Der Nationalökonom Felix Weil gründet das Institut für
Sozialforschung. Es soll sich wissenschaftlich mit dem Sozialismus
und der Arbeiterbewegung befassen.

- 1930 Max Horkheimer wird Direktor. Es entstehen die Grundlagen
der späteren Kritischen Theorie, die nicht nur
Produktionsverhältnisse, sondern die gesamte Gesellschaft im Licht
der Erkenntnisse von Marx und Freud betrachtet.

- 1933 Die Nationalsozialisten schließen das Institut.

- 1950 Wiedererrichtung des Instituts als private Stiftung mit
öffentlichen Mitteln. Land und Stadt übernehmen die
Grundfinanzierung.

- 1951 Die Wissenschaftler beziehen den Neubau an der
Senckenberganlage.

- 1959 Theodor W. Adorno übernimmt die Leitung des Instituts.

- 1969 Tod Adornos.

- 1976 Ludwig von Friedeburg, zuvor hessischer Kultusminister,
kehrt an das Institut zurück und bleibt dort bis 2001 Direktor.
(zos.)


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Mai 2017, Sasche Zoske © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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