Innere Führung in der Hitze des Gefechts. Das neue Ideal des Kämpfers: ein ethnologischer Blick auf die Führungsdebatte in der Bundeswehr

Ein Ethnologe in Uniform ist ein ungewohntes Bild, es dürfte davon in Deutschland nur wenige, vielleicht nur einen Einzigen geben. Philipp Fritz, Doktorand am Frankfurter Exzellenzcluster Normative Ordnungen, ist Oberstleutnant der Bundeswehr, war vor zwei Jahren im KFOR-Einsatz im Kosovo und gelangte auf biographischem Weg zu seinem Forschungsfeld, das er "militärische Subkulturen" nennt.

Wenn die Streitkräfte schon für die oberste Dienstherrin ein zuweilen schwer durchschaubares Gebilde sind, dann gilt das noch mehr für die Ethnologie. Zwar bietet die Bundeswehr Sozialwissenschaftlern Einblick in ihr Innenleben, sie tut es - auch aus Sicherheitsgründen - aber nicht gern, und in der Praxis stehen Militär-Ethnologen vor weiteren Hindernissen. Fritz erzählt die Anekdote von einem missglückten Feldversuch, die, mag sie wahr sein oder nicht, zumindest gut erfunden ist: Ethnologen wurden im Rahmen dieses Experiments mit Uniformen höheren Dienstgrads ausgestattet. Als sie den jungen Rekruten nun ihre Fragen stellten, ernteten sie nur ehrfürchtige Blicke auf ihre Schulterklappe.

Aber auch als teilnehmende Beobachter in Zivil hätten sie es vermutlich nicht leicht gehabt. Denn innerhalb der Truppe, berichtet Fritz aus eigener Erfahrung, herrschen durchaus eigentümliche Gewohnheiten, ein ausgeprägtes Hierarchiedenken und die ständige Furcht vor Sanktionen. Dazu kommt, wie der Skandal um Franco A. zeigte, eine mit Händen zu greifende Orientierungslosigkeit, die über die Novellierung des Traditionserlasses jetzt schnell behoben werden soll. Der heute gültige Erlass wurde 1982 verabschiedet und verpflichtet die Bundeswehr auf das Grundgesetz und Werte wie Tapferkeit, Treue und Wahrhaftigkeit. Der Soldat soll idealerweise kein Dienstleister an der Waffe sein, sondern ein reflektierter politischer Bürger, der sein Gewissen im Zweifelsfall über den Gehorsam stellt. Ein wichtiger Punkt ist die Traditionspflege, die das ethisch korrekte Verhalten stabilisiert.

Nach dem Bruch des Nationalsozialismus gibt es aber nur wenige traditionsstiftende Symbole wie das Eiserne Kreuz oder den Großen Zapfenstreich. Gleichzeitig fehlt es an greifbaren historischen Bezügen. Für das Ideal des Staatsbürgers in Uniform führt der Erlass die preußische Heeresreform von 1807-1813 an. Der Widerstand vom 20. Juli, der zweite Bezugspunkt, soll die Soldaten daran erinnern, den Dienst nicht in blindem Gehorsam zu leisten. Beide Daten liegen weit zurück und erlauben - die Umstände waren damals anders - keine bruchlose Identifikation. Und der dritte Bezug des Erlasses, die an symbolischen Ereignissen arme Geschichte der Bundeswehr, fällt für die Traditionsbildung bislang mehr oder weniger aus. Viele Bundeswehrsoldaten, meint Fritz, hätten daher ein positiveres, auf militärische Tugenden verkürztes Bild der Wehrmacht als vom Erlass gewollt. Dieser fordert ein kritisches Bekenntnis zur deutschen Geschichte, sage den Soldaten aber nicht konkret, was erlaubt und verboten ist.

Ähnlich ist es mit der Inneren Führung, die 1955 von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren im Geist der jungen Demokratie verfasst und 2008 zum letzten Mal novelliert wurde. Am wenigsten ist diesem Ethikkodex mangelndes Demokratieverständnis vorzuwerfen. Problematisch ist vielmehr der Kontrast zwischen der politisch sensiblen, ja behutsamen Sprache und der von Fritz geschilderten militärischen Realität. Das Ideal des mündigen Bürgers in Uniform und seines stets achtsamen und reflektierten Vorgesetzten, so Fritz, bricht sich hart an der Wirklichkeit in den Kasernen, wo Fehler aus Angst vor Disziplinierung und Karriere-Rückschritten lieber vertuscht als im freien Austausch der Argumente diskutiert werden. Zweitens formuliert der Kodex keine Regeln für die neuen Kampfsituationen, sondern geht davon aus, dass anspruchsvolle ethische Prämissen auch in Gefahr durch internalisierte Reflexe abgerufen werden. Das setzt einen intellektuellen Transfer voraus, der am einfachen Soldaten und der Gefechtswirklichkeit vorbeigeht. Lässt sich noch herleiten und diskutieren, wenn die Gefahr in Sichtweite ist?

Die Kluft zwischen Anspruch und Realität provoziert nach Fritz eine schleichende Indifferenz, ja Ignoranz in Teilen der Truppe. Nach der Streitkräfte-Befragung von 2013 hatte nur ein Bruchteil der unteren Dienstgrade überhaupt einen näheren Begriff der Inneren Führung, in den oberen Dienstgraden sah es etwas besser aus, aber nicht gut. Über die Bedeutung der politischen Bildung wird zwar viel geredet. Die dafür reservierte monatliche Dreiviertelstunde, meist lustloser Frontalunterricht, wird nach der Erfahrung von Fritz aber eher zum Abbau von Schlafdefiziten benutzt oder sie fällt "dringlichen Tätigkeiten" zum Opfer, die es anscheinend auch wirklich gibt. Fritz korrigiert das Bild von einer träge vor sich hinübenden Armee: Die Hälfte der Soldaten war inzwischen im Auslandseinsatz und sei auch in der Heimatkaserne mit logistischer Rückendeckung in der auf 41 Stunden verkürzten Dienstzeit gut beschäftigt.

Der Konflikt zwischen Reformern und Traditionalisten, die Bundeswehrsoldaten für verweichlicht halten, hat selbst eine lange Geschichte und bekommt durch die Auslandseinsätze eine neue Schärfe. Die Kontroverse über die Innere Führung artikuliert jetzt ein allgemeines Problem, das die Gesellschaft mit den Soldaten hat - und diese mit ihr. Teile der Truppe sehen Werte wie Treue, Kameradschaft und Wahrhaftigkeit, auch die Bereitschaft zum Töten und Getötet-Werden, von der Gesellschaft geringgeschätzt, ja mit Füßen getreten. Diese Gesellschaft ist für sie selbst nur ein Sinnbild von Unordnung und Zerfall. Wie erbittert dieser Gegensatz ist, zeigte vor zwei Jahren ein Sammelband von Soldaten der Hamburger Bundeswehr-Universität (F.A.Z. vom 25. Februar 2015).

Von der Politik vermissen die Soldaten klare Weisungen und eine gewisse Härte in zugespitzten Situationen. Über die Auslandseinsätze wird das nach der Einschätzung von Fritz gefährlich: Hier dringe das unpolitische Ideal des Kämpfers in das ideelle Vakuum. Der einsatzerprobte Soldat bediene die gesteigerte Sehnsucht nach Vorbildern für die existentielle Situation des Kampfes, der die Soldaten heute zumindest der Möglichkeit nach ausgesetzt sind. Das Bild des neuen Helden, der meist aus unteren, politisch vergleichsweise wenig gebildeten Dienstgraden kommt, sei mit der Abwendung von der Politik verbunden, von der sich die Soldaten im Auslandseinsatz ohnehin eher behindert fühlten.

Wenn Europa, wie die Kanzlerin meint, sein Schicksal ein Stück weit selbst in die Hand nehmen muss, dann muss auch die Innere Führung den Soldaten erklären, was das im Extremfall heißen kann. Zurecht fordert Fritz, sie müsse einfacher und konkreter werden - und dürfe die Härten des Auslandseinsatzes nicht übergehen, für die sie bisher keine Worte hat.

THOMAS THIEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Juni 2017, Thomas Thiel © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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