Dschihadisten als Elitetruppe des Islams. Eine klare Ablehnung dieser Position durch islamische Verbände in Deutschland fehlt / Von Susanne Schröter

Die letzten Anschläge in Spanien, England, Frankreich, Belgien, Deutschland und Finnland zeigen in aller Deutlichkeit, dass die militärische Niederlage des IS keinesfalls ein Ende der islamistischen Gewalt bedeutet. Vielmehr scheint es, als ob der berüchtigte "Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand", den der dschihadistische Stratege Abu Musab al-Suri im Jahr 2005 veröffentlichte, mit einiger Verspätung in die Tat umgesetzt wird. Durch eine Intensivierung des Terrors sollten, so Suri, bestehende Gesellschaften destabilisiert und die muslimische Jugend zum Aufstand motiviert werden. Der erste Teil des Programms gelingt unübersehbar. Die Zahl der Anschläge erhöht sich sprunghaft - allein in Deutschland gab es im Jahr 2016 fast so viele durchgeführte und vereitelte Anschläge wie in den fünfzehn Jahren zuvor.

Der anvisierte Bürgerkrieg bleibt zwar in Europa aus, doch in Regionen, deren staatliche Strukturen fragil sind, gelingt es Dschihadisten, die Macht an sich zu reißen. Dabei geht es nicht nur um die notorischen Beispiele Syrien, Irak oder Libyen, sondern auch um Teile des nördlichen Afrikas, begrenzt von Kamerun im Westen und Kenia im Osten. Es geht auch um Zentral-, West- und Südostasien, darunter die Philippinen, wo sich Dschihadisten nicht nur in der Inselwelt des Sulu-Archipels wie Fische im Wasser bewegen, sondern jüngst sogar die Stadt Marawi überrannten und dem Militär wochenlang standhalten konnten.

Dschihadismus ist eine globale Bewegung mit regionalen Brennpunkten und einer ungebrochenen Attraktivität für Jugendliche. Dschihad gilt als cool. Es gibt T-Shirts, Kappen und Buttons mit den wichtigsten Slogans; es gibt Kämpfer, die wie Popstars gefeiert werden, eine eigene Mode, Musik, Sprache. Dschihadistische Symbolik hat hohen Wiedererkennungswert. Die Medienspezialisten des Dschihad sorgen dafür, dass Botschaften, wie die von Suri, gleichermaßen im syrischen Raqqa und in Frankfurt, in Maiduguri und Pattani abgerufen werden können, oft übersetzt in die entsprechenden Landessprachen.

Man mag nachvollziehen, dass für junge Muslime ein gewisser Reiz darin liegen kann, einer weltumspannenden Bewegung anzugehören, die als Totalopposition zur Realität aller bestehenden Gesellschaften daherkommt und sich für die Elitetruppe des Islams hält. Eine ähnliche Hybris kennen wir auch von säkularen sozialen Bewegungen. Reicht das schon aus, um ein Phänomen zu verstehen, das uns permanent herausfordert?

In Deutschland bemüht man gern die Pädagogik, die Sozialpsychologie oder die Soziologie, um zu erklären, was vor allem junge Menschen in den Dschihad treibt. Schulversagen, mangelnde Berufsperspektiven, Diskriminierungserfahrungen, fehlende Väter oder familiäre Krisen werden zitiert und die Verantwortung dafür tendenziell der Gesellschaft zurückgespielt. Tatsächlich haben viele europäische Dschihadisten prekäre Lebensläufe, doch es gibt auch solche, bei denen eigentlich alles im Lot war. Es gibt Gymnasiasten, Hochschulabsolventen und Jugendliche, die von ihren verzweifelten Eltern gesucht werden. Außerhalb Europas ist dies noch verstörender. Hier finden wir häufig junge Leute mit guter Bildung aus intakten sozialen Verhältnissen. Was reizt sie am Dschihad?

Befragen wir die Dschihadisten selbst. Wie rechtfertigen sie die Gewalt? Wenn man die Posts, die Videoansprachen und die Schlachtgesänge analysiert, fällt auf, dass die Motive recht klar sind. Genau genommen lassen sie sich in vier miteinander verbundene Narrative gliedern. Eine dieser Erzählungen stellt den Dschihad als Selbstverteidigung dar. Muslime seien überall durch den Westen unterdrückt, so die Erzählung, die mit dramatischen Bildern im Internet illustriert wird, sie würden entrechtet, vergewaltigt und abgeschlachtet. Männer mit Ehre im Leib seien daher aufgefordert, dem Unrecht ein Ende zu bereiten. Die zweite Erzählung spannt die erste in einen größeren theologischen Rahmen: die Trennung der Welt in ein "Haus des Islams" und ein "Haus des Krieges" - mit Letzterem ist die nichtmuslimische Welt gemeint. Zwischen beiden Häusern herrsche naturgemäß der Krieg, heißt es, wenngleich es Formen des Vertrages gebe, die diesen einhegen könnten.

Die Vorstellung eines fundamentalen und nicht überbrückbaren Gegensatzes zwischen Muslimen und anderen Menschen bleibt jedoch auch beim Vertrag bestehen, untermauert von Meidungsgeboten gegenüber Christen und Juden, die im Koran niedergelegt sind. Die dritte Erzählung betrifft die eschatologische Prophezeiung einer Endzeitschlacht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, nach deren Ende ein weltumspannendes islamistisches Reich errichtet werden soll. Kämpfer mit schwarzen Bannern aus Khorasan, einem Gebiet, das mehrere Regionen Zentralasiens umfasst, sollen diese apokalyptische Wende ankündigen. Aus den drei genannten Narrativen ergibt sich eine vierte, nämlich die Pflicht zum Dschihad - einerseits, um islamisches Territorium zu verteidigen und Angriffe auf den Islam oder die Muslime zu rächen, andererseits, um zu expandieren und den göttlichen Auftrag eines islamischen Reiches zu erfüllen.

Selbstredend gibt es zu diesem Thema sowohl in der islamischen Theologie als auch in der muslimischen Alltagskultur unterschiedliche Auffassungen, doch unbestreitbar ist, dass der Dschihad bereits in der Frühzeit des Islams konstitutiv für die muslimische Gemeinschaft war und sich dazu sowohl Koranverse als auch Texte aus den prophetischen Überlieferungen finden lassen. Auf solche Quellen berufen sich dschihadistische Theoretiker des 20. Jahrhunderts wie Hassan al-Banna, Gründer der Muslimbruderschaft, der den Dschihad als probates Mittel zur Etablierung einer islamischen Ordnung stilisierte, die ägyptischen Dschihadisten Sayyid Qutb und Abd al-Salam Faraj und der jementisch-amerikanische Prediger Anwar al-Awlaqi. Popularisiert werden sie zurzeit in den Hochglanzbroschüren des IS, dessen jüngstes Erzeugnis "Rumiyah", übersetzt "Rom", heißt und das Fernziel, die Eroberung Europas, gleichsam im Namen trägt.

Angesichts dieser Befunde ist es beunruhigend, dass deutsche muslimische Verbände mit stoischer Unbeirrbarkeit tönen, der islamistische Terror habe nichts mit dem Islam zu tun; Islam sei Frieden. Nur gequält von der als penetrant empfundenen Mehrheitsgesellschaft nötigen sie sich überhaupt eine distanzierende Stellungnahme zu Anschlägen ab. Zu eigenen Aktionen mag man sich schon gar nicht aufraffen, lehnt diese sogar vehement ab, wie die Reaktion auf den Vorstoß Lamya Kaddors im Juni 2017 zeigte. Allerdings empfehlen sich islamische Vereine neuerdings für Präventionsmaßnahmen und bewerben sich erfolgreich um Fördermittel. Dass die Politik dabei mitunter den Bock zum Gärtner macht, wurde bereits beim Skandal um den "Deutsch-Islamischen Vereinsverband Rhein-Main" deutlich. Der beherbergt unter seinem Dach Organisationen, denen eine bedenkliche Nähe zur Muslimbruderschaft vorgeworfen wurde. Andere lassen klare Grenzen zum Salafismus und Dschihadismus vermissen.

Problematisches ist auch der Ditib, dem größten muslimischen Verband, vorzuwerfen. Wiederholt war auf lokalen Ditib-Homepages juden- und christenfeindliche und antiwestliche Hetze zu lesen. Die Ditib duldete in Wolfsburg und Dinslaken nachgewiesene Verbindungen in die salafistische Szene und pries zuweilen in Predigten das Märtyrertum. Ihre Jugendgruppe stellte in diesem Jahr bei einer Mekka-Reise ein stolzes Selfie mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel ins Netz.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland, medienwirksam vertreten durch den jovialen Aiman Mazyek, muss sich ebenfalls fragen lassen, ob er ein geeigneter Partner für die Radikalisierungsprävention ist. Sein mitgliederstärkster Einzelverband, die "Islamische Gemeinschaft in Deutschland", gilt nach Auskunft des Verfassungsschutzes als wichtigste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft, ein anderer sieht sich in der Tradition türkischer Ultranationalisten, und ein dritter fungiert als Sprachrohr der Islamischen Republik Iran. Dass aus diesen Kreisen keine überzeugenden Auftritte gegen den Dschihadismus kommen, liegt auf der Hand.

Wenn muslimische Vereine Kooperationspartner des Staates sein wollen, müssen sie sich zu den Texten, die den Dschihad legitimieren, positionieren. Man darf erwarten, dass sie begründet abgelehnt werden. Das zeigen Gelehrte wie Mouhanad Khorchide, der einen hermeneutischen Zugang zu den Quellen des Islams vorschlägt und den Islam überzeugend als Religion der Barmherzigkeit darstellt. Für diese Vordenkerarbeit, das wirkungsvollste Mittel gegen Islamfeindlichkeit, hat der Professor aus Münster von seinen organisierten Glaubensgeschwistern wenig Anerkennung erhalten. Verbandsvertreter lehnten seine Ideen bislang entrüstet ab und haben in der Vergangenheit große Anstrengungen unternommen, ihn zu diskreditieren und aus dem Amt zu treiben.

Progressive Muslime wie Saida Keller-Messahli, Elham Manea, Abdel-Hakim Ourghi, Ahmad Mansour und jüngst auch Kyai Haji Yahya Cholil Staquf, Generalsekretär der Nadhlatul Ulama, der größten muslimischen Vereinigung Indonesiens (F.A.Z. vom 19. August), fordern seit langem eine Auseinandersetzung mit gewaltlegitimierendem Gedankengut innerhalb der muslimischen Gemeinschaften. Die Tatsache, dass fast alle Attentäter einen klaren Moscheebezug hatten und ihre Ideologie des Hasses nicht nur heimlich aus dem Internet bezogen, macht diese Forderung umso dringlicher.

Die Autorin leitet das Forschungszentrum "Globaler Islam" an der Goethe-Universität Frankfurt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. August 2017, Susanne Schröter © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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