Wie man mit Gewinn den Schwiegersohn verspeist. Der Brasilianer Eduardo Viveiros de Castro hat in der Anthropologie Maßstäbe gesetzt - jetzt kann man ihn endlich auf Deutsch lesen

Der Strukturalismus in der Ethnologie ist gelegentlich als das Einzelunternehmen von Claude Lévi-Strauss bezeichnet worden. So groß die Beachtung auch war, die sein Ansatz in den Nachbarwissenschaften fand, zu einer Schulbildung habe er nicht geführt. Das ist allerdings nur zum Teil richtig. In Frankreich hat Lévi-Strauss in Maurice Godelier, Françoise Héritier und Philippe Descola Nachfolger gefunden, die zwar ihre eigenen Theorien entwickelten und zu ihm zum Teil in kritischer Distanz standen, aber den Einfluss nie leugnen würden, den er auf sie ausgeübt hat.

Als legitimster Erbe von Lévi-Strauss muss aber wohl der brasilianische Kulturanthropologe Eduardo Viveiros de Castro angesehen werden. Sein Beitrag zum Fach, durch den er die jüngste "ontologische" Wende in der Anthropologie mit ausgelöst hat, ist ohne das Vorbild des Meisters nicht denkbar. Dass er in Deutschland bisher kaum bekannt ist, liegt an der Sprachbarriere. Seit drei Jahren liegen immerhin neben einigen kleineren Schriften seine "Kannibalischen Metaphysiken" auf Englisch vor. Die vom Merve Verlag seit längerem angekündigte deutsche Übersetzung des Buches steht leider immer noch aus, wird aber hoffentlich gegen Ende des Jahres vorliegen; dann wird das Frankfurter Weltkulturen Museum Viveiros de Casro eine Ausstellung widmen. Der Wiener Turia+Kant Verlag ist ihr nun mit der deutschen Ausgabe eines stattlichen Bandes zuvorgekommen, der neun Essays des vielbeachteten Ethnologen enthält.

Die Orientierung an Claude Lévi-Strauss' berühmter Aufsatzsammlung "Strukturale Anthropologie", dem Manifest des ethnologischen Strukturalismus, ist unverkennbar: Abhandlungen zur Verwandtschaftsethnologie, zur Mythologie, zum Schamanismus und zum Gabentausch, dazwischen eingesprengt gelungene philosophische Aperçus, allein der Bezug zur Linguistik fehlt.

Den Auftakt bildet ein früher Aufsatz zur Kosmologie der Yawalapíti, einer indigenen Gesellschaft des brasilianischen Mato-Grosso-Gebiets, bei der der Autor vor mehr als vierzig Jahren seinen ersten Feldforschungsaufenthalt verbrachte. Es folgt eine Auseinandersetzung mit Lévi-Strauss' Theorie der matrimonialen Allianz, in deren Mittelpunkt die Figur des "Affinen" steht: des in eine exogame Gruppe eingeheirateten Schwagers. Schon in diesen frühen Aufsätzen klingen die Themen an, denen der Autor sich später noch intensiver widmen sollte. Fast alle indigenen Gesellschaften Amazoniens unterscheiden zwischen essbaren und nicht essbaren Tieren, zwischen den Beutetieren, auf die sie Jagd machen, und den Raubtieren, die wiederum auf sie selbst Jagd machen. Zu die letzteren zählt vor allem der Jaguar, doch fallen in diese Kategorie auch die Geister. Zu dieser wechselseitigen Feindschaft ist es nach den indigenen Überlieferungen erst gekommen, nachdem die menschlichen und die nichtmenschlichen Wesen, die in Urzeiten noch friedlich miteinander lebten, sich voneinander getrennt hatten.

Seither gilt, dass Affen und andere Tierarten das Jagdwild der Menschen, die Menschen aber das Jagdwild der Jaguare sind. Ihrem innersten Wesen nach sind die Jaguare aber gar nicht so verschieden von den Menschen. Denn sie handeln nicht nur wie Menschen, sondern nehmen sich selbst auch als solche wahr. Sie wohnen in ihren eigenen Dörfern, pflegen Verwandtschaftsbeziehungen, beraten sich gemeinsam und beziehen ihre Nahrung aus dem Busch. Für die Beutetiere gilt Gleiches, auch sie glauben in den Augen der Yawalapíti von sich selbst, Menschen zu sein.

Den nach allen Regeln der strukturalistischen Beziehungsaxiomatik formulierten Satz, dass sich die Jaguare zu den Menschen wie die Menschen zu den Affen verhielten, wählt Viveiros de Castro als Ausgangspunkt seiner Theorie des indianischen Perspektivismus. Sie besagt, dass das Weltbild der Bewohner des Amazonasbeckens auf anderen Prämissen aufbaut als das unsere. In ihm findet gewissermaßen eine Verkehrung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses statt. Während das europäische Denken die Natur als das objektiv Vorgegebene nimmt, betrachten die Amazonasindianer als das Unwandelbare und Substantielle den Geist: Er bedient sich der stets wandelbaren Natur, um die unterschiedlichsten äußeren Gestalten anzunehmen.

Die Welt der Amazonasindianer ist daher voll von Transformationen. Wie die Menschen sind auch die Tiere Personen, deren äußere Form lediglich Hülle oder Kleid ist, unter dem sich das gemeinsame menschlich-geistige Wesen verbirgt. Geht der westliche Naturalismus davon aus, dass am Anfang der Evolution das Tier stand, aus dem sich allmählich der Mensch entwickelte, so sehen die Erzählungen amazonischer Völker diesen Prozess ganz anders: die "Menschlichkeit" erscheint ihnen als die Substanz, aus der alle Arten von Tieren, Pflanzen und selbst Dinge in der Vielfalt ihrer Formen hervorgingen.

So fremd, wie diese Weltsicht uns zunächst erscheinen mag, ist sie indes gar nicht. Denn auch aus unseren Märchen und Fabeln kennen wir die sprechenden Tiere, die sich wie die Menschen verhalten. Der Wolf, der die Großmutter verschlingt und ihre Kleider anlegt, um das kleine Mädchen in die Falle zu locken, dann aber selbst dem Jäger zum Opfer fällt, könnte auch aus der Mythologie der Amazonasindianer stammen. Predatorische oder Raubtierbeziehungen wie diese spielen in ihrer Welt eine zentrale Rolle. Sie bestimmen nicht nur das Verhältnis der Menschen zu ihren Beutetieren, sondern auch das der menschlichen Gruppen untereinander. Viveiros de Castro verhandelt diese Beziehungen unter der Kategorie des Kannibalismus. In seinen Überlegungen zur Ontologie der Amazonasindianer nehmen sie einen prominenten Platz ein.

Ausgangspunkt sind in diesem Fall nicht die Selbstzeugnisse indigener Brasilianer, sondern die Greuelgeschichten, die seit dem sechzehnten Jahrhundert über den Brauch der Menschenfresserei nach Europa gelangten. Als besonders merkwürdig beschreibt einer von ihnen den Brauch der Tupinamba, ihre Opfer vor der Hinrichtung viele Monate festlich zu bewirten und sogar mit Frauen aus ihrer eigenen Gruppe zu verheiraten. In dieser Zeit käme es zu heftigen Rededuellen mit ihren Feinden, die sich ihrerseits rühmten, wie viele ihrer Gegner sie ihrerseits bereits gefressen hätten.

Viveiros de Castro nimmt diese und andere Stellen zum Anlass, eine kühne Theorie der Alterität zu entwickeln. Der Feind, so meint er, sei zugleich auch immer der potentielle Affine. Da man glaube, dass das Blut durch zu nahe Heiraten "beschmutzt" werde, sei er der ideale Ehepartner für die eigenen Schwestern und Töchter. Indem die Gruppe sich ihn in einem doppelten Sinn einverleibe, als Schwager und als Opfer im gemeinsamen Mahl, erkenne sie ihn sowohl in seiner Differenz als auch in seiner Ähnlichkeit an. Auf diese Weise werde er zum "eingeschlossenen Dritten", der zwischen den Gruppen vermittelt. Der Kannibalismus diene letztlich der "Selbstbestimmung durch den Anderen".

Damit nicht genug, sieht Viveiros de Castro hinter dem "kannibalischen Axiom" noch weit mehr am Spiel, nämlich eine originäre indigene Seinslehre. Als ein Prozess ohne Ende sei die menschenfresserische Rache eine "Maschine", die die Zeit nicht vernichte, sondern sie überhaupt erst hervorbringe und durch stete Wiederholung eine Verbindung zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft stifte.

Ist das nun tief und gar auf den Spuren Heideggers gedacht, oder wollte Viveiro de Castro mit seiner kannibalischen Metaphysik seine Leser auf den Arm nehmen? Der Marburger Ethnologe Mark Münzel hat jüngst in einer kritischen Auseinandersetzung mit Viveiros' Werk auf den selbstironischen Umgang brasilianischer Intellektueller mit dem Thema Kannibalismus hingewiesen. Einer von Münzels brasilianischen Kollegen weiß zu berichten, dass er bei der ersten Kontaktaufnahme von einem Dorfhäuptling mit den Worten empfangen wurde: "Ich bin der Allerwildeste von all meinen Kriegern. Ich werde dich auffressen." Woraufhin der Ethnologe geantwortet haben will: "Ich bin noch wilder! Ich fresse alles!" Dass es auch Zweifel an der realen Existenz des brasilianischen Kannibalismus gibt, erwähnt Viveiros de Castro nirgends, vielleicht mit gutem Grund.

Wie dem auch sei: In allem folgen mag man ihm zwar nicht, aber anregend sind seine Überlegungen allemal. Vor allem die Ausführungen zum indianischen Perspektivismus zeigen, dass das Zusammenspiel von Ethnologie und Philosophie noch Potential hat. Wohltuend heben sie sich vom Glück in den Furchen der Feldarbeit ab, dem zurzeit allzu viele Ethnologen huldigen. Mehr Mut zu universalen Aussagen wäre dem Fach zu wünschen, auch auf die Gefahr hin, dabei bisweilen über das Ziel hinauszuschießen.

KARL-HEINZ KOHL.

Eduardo Viveiros de Castro: "Die Unbeständigkeit der wilden Seele".

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Oliver Precht. Verlag Turia + Kant, Wien/Berlin 2017. 458 S., br., 42,- [Euro].

Eduardo Viveiros de Castro: "Cannibal Metaphysics". Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Peter Skafish. Univocal/University of Minnesota Press, Minneapolis 2014. 230 S., br., 27,- [Euro].

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Augusti 2017, Karl-Heinz Kohl © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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