Heiratsfragen können sehr weit führen. Vom brasilianischen Urwald zu den Unsterblichen der Akademie: Emmanuelle Loyers großartige Biographie von Claude Lévi-Strauss

Claude Lévi-Strauss zählte schon zu seinen Lebzeiten zu den großen Autoren des vorigen Jahrhunderts. Als er 2009 im Alter von hundert Jahren starb, war es um ihn allerdings bereits merklich ruhiger geworden. Doch bahnt sich mittlerweile eine Renaissance an, die manchmal weniger dem Werk als der Person selbst gilt. Philosophen entdecken in ihm den kritischen Zeitdiagnostiker, der den distanzierten Blick des Ethnologen auf die eigene Gesellschaft richtet, Literaturwissenschaftler den Schriftsteller, dessen Nähe zum Surrealismus oft übersehen wurde.

Die großartige Biographie der französischen Historikerin Emmanuelle Loyer kommt daher zum richtigen Zeitpunkt. Die wichtigsten Etappen des langen Lebenswegs von Lévy-Strauss sind zwar aus seinen biographischen Selbstzeugnissen bereits bekannt: die knapp zwei Jahre, die er nach seinem Studium an einem französischen Provinzgymnasium Philosophie unterrichtete; seine Berufung auf eine Professur in São Paulo, die Expeditionen, die er von dort aus zu den Indianervölkern des Mato Grosso unternahm; die dramatische Flucht ins Exil und schließlich die Pariser Jahre, in denen er mit dem Strukturalismus ein neues Paradigma der Humanwissenschaften schuf. Doch gelingt es Emmanuelle Loyer durch die Auswertung zahlreicher bisher unbekannter Dokumente, auf viele dieser Episoden ein neues Licht zu werfen. Bisweilen demystifiziert sie die Selbststilisierungen, zu denen Lévi-Strauss manchmal neigte, weit öfter aber bewundert sie ihn für die Tatkraft, mit der er seine Ziele erreichte.

Die äußeren Umstände eines Forscherlebens hat Lévi-Strauss selbst einmal als "taubes Gestein" bezeichnet, das auf dem Weg zur Wahrheit nur hinderlich sei. Gerade diese Umstände aber werden für Emmanuelle Loyer zum eigentlichen Schlüssel für sein Werk. Dabei geht sie weit zurück, bis zur Herkunft seiner Vorfahren, die aus dem Elsass stammten und denen es nach der Erlangung der rechtlichen Gleichstellung der Juden gelang, sich schnell einen Platz in den höheren Etagen der französischen Gesellschaft zu sichern. Erstaunlich ist etwa die Karriere seines Urgroßvaters Isaac Strauss, der 1828 aus der Provinz nach Paris zog, dort zum gefeierten Komponisten aufstieg und sogar die Leitung der Oper übernahm. Die Liebe zur Musik sollte auch noch sein Urenkel teilen, der seine Abhandlung über die indianische Welt der Mythen zu den Klängen von Richard Wagners Opern zu verfassen pflegte.

Als er 1908 geboren wurde, hatte das Glück die Familie freilich schon wieder verlassen. Sein Großvater konnte zwar zunächst an der Börse reüssieren, verlor sein beträchtliches Vermögen aber wieder. Seinem Vater, einem wenig erfolgreichen Kunstmaler, bereitete es einige Mühe, seine Familie zu ernähren. Doch konnte er meist auf die finanzielle Unterstützung seiner weitverzweigten Verwandtschaft zurückgreifen, wobei ihm zugutekam, dass er seine patrilaterale Kusine zweiten Grades geheiratet hatte. Über diese und andere weltweit verbreitete Formen der Heiratsallianz schrieb Lévi-Strauss dann vierzig Jahre später sein erstes großes ethnologisches Werk. Die Bedeutung verwandtschaftlicher Beziehungen war ihm schon von früher Kindheit an geläufig.

Gekonnt fängt Loyer auch die politische Atmosphäre der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ein, in der Lévi-Strauss sich für die Schriften von Karl Marx begeistert, einer sozialistischen Arbeiterpartei beitritt und zeitweise sogar Generalsekretär ihrer Studentenvereinigung wird. Es hätte ihm mithin auch eine politische Laufbahn offengestanden, doch nahm er stattdessen das Angebot an, sich einer Delegation jüngerer Wissenschaftlern anzuschließen, die 1935 von den französischen Kulturbehörden an die neu gegründete Universität von São Paulo geschickt wurde. Lévi-Strauss hält dort Vorlesungen in Ethnologie, obgleich er auf diesem Gebiet eigentlich Autodidakt war. Die langen Semesterferien nutzt er, um zusammen mit seiner Frau Dina Reisen in das Landesinnere zu unternehmen. Im Mato Grosso studiert er die dualen Organisationsformen der Bororo, denen er wichtige Anregungen für die Entwicklung seiner strukturalistischen Theorien verdankt. Gegen Ende seines Aufenthalts unternimmt er zusammen mit drei weiteren Wissenschaftlern eine halbjährige Expedition zu den bis dahin kaum kontaktierten Nambikwara. Doch sie endet in einem Desaster. Die sprachliche Kommunikation mit den Mitgliedern dieser Gruppe von nomadisierenden Jägern und Sammlern erweist sich als nahezu unmöglich. Zwischen den Expeditionsteilnehmern kommt es immer wieder zu Konflikten. Schließlich breitet sich eine schwere Augeninfektion aus, an der auch seine Frau erkrankt, die halberblindet nach São Paulo und von dort aus nach Paris zurückreist. Das Ende der Expedition bedeutet auch das Ende ihrer Ehe. Über ihre Beteiligung an seinen ethnographischen Forschungen hat er sich später ausgeschwiegen.

Die Jahre des amerikanischen Exils verschlagen ihn wiederum in ein ganz anderes soziales Milieu. In New York unterhält er enge Kontakte zu den amerikanischen Kollegen, die ihm ein Einreisevisum und eine Stelle an der New School for Social Research verschafft hatten. Die anderen französischen Exilanten bleiben dagegen unter sich und sehnen den Zeitpunkt herbei, zu dem sie wieder in ihr Vaterland zurückkehren können. Für Lévi-Strauss aber beginnen in New York die produktivsten Jahre.

In den ruhigen Räumen der Public Library beginnt er mit den Vorstudien zu seiner Abhandlung über die elementaren Verwandtschaftsstrukturen. Ein "großes Buch" sei im Entstehen begriffen, so schreibt er 1943 in einem Brief an seinen Mentor Paul Rivet, das den jungen französischen Ethnologen nach dem Krieg den Anschluss an die internationale Entwicklung des Faches ermöglichen werde. An Selbstvertrauen hat es Lévi-Strauss nie gemangelt. Von seiner eigenen Bedeutung war er schon zu einer Zeit überzeugt, zu der er noch nicht sehr viel mehr vorzulegen hatte als ein paar, allerdings originelle wissenschaftliche Aufsätze.

Seine hohen Erwartungen wurden jedoch enttäuscht, als er 1949 endgültig nach Frankreich zurückkehrte. Obgleich er mit der Einreichung seiner "Elementaren Strukturen" als Thèse d'Etat eigentlich alle formalen Voraussetzungen erfüllt hatte, blieb die Berufung auf eine Professur zunächst aus. Loyer zeigt, wie schwierig sich in den Nachkriegsjahren auch in der französischen Gesellschaft die Reintegration der Exilanten gestaltete. In den Universitäten herrschte zum Teil noch der Geist von Vichy. Ein unterschwelliger Antisemitismus kam hinzu.

Der Durchbruch gelang Lévi-Strauss erst, nachdem er 1955 seinen Reisebericht "Traurige Tropen" veröffentlicht hatte. Paradoxerweise war es gerade diese, keinem der üblichen Genres eindeutig zuordenbare und von der Literaturkritik begeistert gefeierte autobiographische Abhandlung, die ihm die lange ersehnte akademische Laufbahn eröffnete. Endlich erhielt er die Professur am Collège de France, um die er sich bereits zwei Mal vergeblich bemüht hatte.

1958 veröffentlicht er mit der Aufsatzsammlung "Strukturale Anthropologie" das eigentliche Manifest des Strukturalismus. In kurzen Abständen folgen "Das Ende des Totemismus" (1962), "Das wilde Denken" (1962) und der erste Band seiner "Mythologica" (1964). Sie zeigen die Fruchtbarkeit des von ihm entwickelten Ansatzes. Zu seiner Popularität trägt auch seine scharfe Abrechnung mit Jean-Paul Sartres Geschichtsphilosophie bei.

Er trifft damit den Nerv der Zeit. Die europäischen Kolonialmächte verloren damals ihre letzten Kolonien. Selbst Algerien musste Frankreich nach einem blutigen Krieg aufgeben. In einer Situation, in der sich die Dynamik des historischen Wandels gegen Europa zu wenden scheint, findet man Trost in der Vorstellung der unwandelbaren und sich überall gleichenden Strukturen des menschlichen Geistes. Der Strukturalismus wird zur großen intellektuellen Modeströmung der sechziger Jahre.

Als er 1973 in die Académie française aufgenommen wird, die er in seiner Antrittsrede spöttisch mit einem indianischen Männerbund vergleicht, hat er den Zenit seiner Popularität allerdings bereits überschritten. Lévi-Strauss empfindet dies eher als Erleichterung. Unbeirrt fährt er in den folgenden Jahren fort, zu forschen und zu publizieren. Längst zu einer nationalen Ikone geworden, kann er sich dem Medienrummel aber selbst in seinen letzten Lebensjahren nicht immer entziehen.

In seinen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen erscheint er nun wie der alte Weise vom Berg. Dabei schreckt er auch vor Provokationen nicht zurück, wenn er zum Beispiel die Beschneidung verteidigt und zugleich den neuen Ehe- und Partnerschaftsformen das Wort redet. Der radikale Kulturpessimismus seiner jungen Jahre weicht in den Äußerungen des Hochbetagten einer optimistischeren Zukunftsvision. Auf die gegenwärtige Periode der globalen Einebnung aller Unterschiede könne bald eine der neuen Vielfalt folgen. Denn wirklich linear sei die Geschichte noch nie verlaufen.

So umfangreich Emmanuelle Loyers Biographie auch ist - sie liest sich fesselnd bis zur letzten Seite. In der bewegten Lebensgeschichte des Hundertjährigen mit all ihren Höhen und Tiefen spiegelt sich die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Der versöhnliche Ausgang zeigt, dass es nicht nur aus Katastrophen bestand.

Emmanuelle Loyer: "Lévi-Strauss". Eine Biographie.

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.

1092 S., Abb., geb., 58,- [Euro].

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Oktober 2017, Karl-Heinz Kohl © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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