Die Entdeckung der Arten. Späte Buße der alten Kolonialherren? Europa will beim Blick auf andere Völker und Kulturen die eurozentrische Brille abnehmen. Es kann sein, dass es sich dadurch auf die Dauer selbst abschafft

Eurozentrismus war gestern. Am Wochenende fiel, wenn man so will, seine letzte Bastion, die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde. Sie warf hoch offiziell die Völkerkunde aus ihrem Namen. In einem Schuldbekenntnis hatte die Fachgesellschaft das koloniale Erbe Europas zuvor bereitwillig auf ihre Schultern genommen: Die Völkerkunde habe, so ließ die Gesellschaft verlauten, "einen nicht unerheblichen Anteil an der wissenschaftlichen Produktion und Legitimierung von Rassen-Theorien, denen zufolge insbesondere außereuropäische ,Naturvölker' auf den unteren Stufen einer evolutionären Rang- und Werteordnung eingeordnet und entsprechend diskriminierenden und gewalttätigen Praktiken unterworfen waren".

Das, was mit einem sprichwörtlich gewordenen, aber vermutlich missverstandenen Gedichttitel in der kolonialen Geschichte als "Bürde des weißen Mannes" (Rudyard Kipling) ausgegeben worden war - der Zivilisierungsauftrag -, rechtfertigte sich seinerzeit mit einer verblüffend freimütig vorgetragenen Borniertheit. Mit wissenschaftlicher Deckung der Völkerkunde inszenierte die Firma Hagenbeck ihre legendären Völkerschauen, die letzte gastierte 1931 auf dem Münchner Oktoberfest unter dem Titel "Kanaken der Südsee". Und noch 1987 hielt Hermann Pollig in einem Ausstellungskatalog fest: "Es muss festgestellt werden, dass nach über hundert Jahren Ethnologie, angesichts weltweiter Informations- und Mediensysteme mit ihrer überreichen Nachrichtenflut das Bild außereuropäischer Kulturen noch immer aus exotischen Stereotypen besteht und das Verständnis wie die Wertung fremder Kulturformen weitgehend nach unangemessenen, eurozentrischen Parametern vorgenommen wird."

Nicht zuletzt um solchen "öffentlichen Assoziationen von ethnologischer Forschung mit vermeintlich exotischen ethnischen Gruppen entgegenzutreten", wollen die Völkerkundler nicht länger Völkerkundler heißen und nannten nun ihre Zunftvertretung um. Deren Name wurde auf der Mitgliederversammlung mit Zweidrittelmehrheit geändert in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie, womit der ethnologischen Zunft der eurozentrische, kolonial vergiftete Stachel gezogen scheint. Dafür nimmt sie das Missverständnis in Kauf, eine Wissenschaft für einen Kessel Buntes zu sein. Frei nach der Richtlinie: Nichts Menschliches ist der Kulturanthropologie fremd, wenn sie nur vom Geruch der Exotisierung von anderer Leute Sitten und Gebräuche befreit.

Wie aber soll Perspektivität entfaltet werden, wenn sie erkenntnistheoretisch nicht von einem Zentrum ihren Ausgang nimmt? Gewiss, auch sprachlich soll kein Zweifel daran bestehen, dass die Beurteilung außereuropäischer Gesellschaften nach europäischen Vorstellungen der Vergangenheit angehört. Aber was verspricht man sich von solchen Signalen, wenn damit schon das Vergleichen unter Verdacht gestellt wird? Nur im Vergleich lassen sich doch Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen feststellen und in ihrer jeweiligen Erheblichkeit gewichten. Wie will man immerzu seine eigene Kultur befragen, wenn man sie nicht mit anderen vergleicht? Man ahnt es: Der Eurozentrismus ist nicht nur böse, von ihm her und seinen Vergleichen lassen sich auch Maßstäbe gegen Rassismus gewinnen.

Europa soll, wie es stattdessen heißt, der Welt nur noch auf Augenhöhe begegnen, jedenfalls in der wissenschaftlichen Repräsentation seiner Völkerkundler, wenn sich auch die Entwicklungszusammenarbeit weniger mit Augenhöhe als mit Einbahnstraße, jener anderen politischen Lieblingsmetapher, beschreiben lässt, der Einbahnstraße zwischen Nord und Süd, auf der mit den materiellen auch die ideellen Güter des Westens zu den ehemals "Naturvölkern" genannten Anderen exportiert werden, bis auch diese sich nicht mehr anders denn als Hybride, als radikal dezentrierte Kulturen verstehen können.

Und zwar so radikal dezentriert, wie das Europa der Völkerkundler nun entschieden sein möchte. Nach den jahrelangen Debatten, die ihrer Umbenennung vorausgegangen waren, nach dem Bröckeln des Völkerkunde-Begriffs in Völkerkundemuseen (sie heißen jetzt Weltkulturen-Museen oder Museum Fünf Kontinente) ist hier eine europäische Befreiungstat vollbracht: die Absage an jede Form von "Othering", von einer Zuschreibung als Fremden. Laut Karl-Heinz Kohl, der die Aporien der Eurozentrismuskritik gründlich durchdacht hat, ist solches Othering zum "Inbegriff der schlimmsten Sünde" geworden, "die sich Ethnologen zuschulden kommen lassen können, obgleich der mit ihm bezeichnete Vorgang eigentlich konstitutiv ist für ein Fach, das die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen zur epistemologischen und methodischen Prämisse hat". Kohl rührt im ethnologischen Spiegel an ein Dilemma, das aufkommt, sobald Europa es darauf anlegt, sich im Zeichen der "Identität" über sich selbst zu verständigen. Jedwedem Zentrismus zu entsagen soll gerade die Identität Europas ausmachen.

Doch wie sollen sich mit einer Prämisse, die den Anderen nicht denken will, Außengrenzen sichern lassen? Diese stellen, als militante Sicherung eines Eigenen, das zugleich immer schon aufgehoben ist, den universalistischen Anspruch der Menschenrechte als Alibi-Formel bloß. Praktisch bleiben solche Rechte an den Boden gebunden; dem Flüchtling, der von fremdem Boden aus übersetzt, kommen die Rechte anders zu als den Bodenständigen. Und wer deswegen stutzig wird, dem wird im Namen des westlichen Universalismus gesagt, man dürfe nun einmal Ungleiche nicht gleich behandeln wollen, als steckte in der imperialen Auszeichnung des Ungleichen, Zurückgebliebenen, defizitär Abweichenden nicht eben das Gift des neokolonialen Stachels.

Die Weigerung, kulturell zentriert zu denken, einen universalen Maßstab der Menschenrechte nicht nur zu propagieren, sondern ohne Ansehen von Person und Rendite auch durchzusetzen, diese Weigerung hält Europa gefangen in einem Doublebind zwischen post- und neokolonialem Gebaren. Der coole Frantz Fanon, Bezugsfigur nicht nur für den algerischen Befreiungskampf, sondern auch für die westliche Neulinke, hat deshalb nicht aufgehört, den europäischen Humanitarismus als Farce zu entzaubern. Wie wäre, bei allem Kulturgebundenen der eigenen Normen, deren Geltung überhaupt zu denken? Solange diese Frage nicht anders als ideologisch beantwortet wird (Rettung des Abendlandes, Ausbau der Absatzmärkte), kann der universale Standpunkt nur herrenmenschlich behauptet werden.

Das macht die Zivilisierungsidee in neokolonialer Zeit so fadenscheinig: Mit zivilreligiöser Inbrunst betet Europa seine vorgeblich universalen "Werte" hoch und runter und kann doch nicht verhindern, dass jede Gerechtigkeit in ihrer konkreten kulturellen Umsetzung eine neue Ungerechtigkeit nach sich zieht. Wie sollte eine europäische Öffentlichkeit da anders denn als Plenum der Kulturrelativisten wahrgenommen werden? Bisher ist jedenfalls nicht ersichtlich, wie sich mit der fragmentierten europäischen Flüchtlingspolitik die universale Gegenprobe machen ließe.

Warum dann aber nicht ein offenes europäisches Bekenntnis zum Prozessdenken? Warum dieses Verharren in folgenloser, im Streitfall versagender Werterhetorik des angeblich Nichtverhandelbaren? Warum, probeweise gefragt, macht sich Europa nicht zum Vorreiter einer evolutionären Kulturauffassung, bei der es Kultur nur im Plural gibt und jede dieser Kulturen ein Zentrum für sich bildet? Die Forderung nach Erhalt der Mannigfaltigkeit menschlicher Kulturen wurde in der Ethnologie paradoxerweise erst zu einem Zeitpunkt erhoben, als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die meisten sogenannten genuinen Kulturen bereits in ein übergreifendes ökonomisches und politisches Interdependenzsystem einbezogen worden waren. Anders gesagt: als es diese Kulturen schon gar nicht mehr gab, als es für kulturellen Artenschutz bereits zu spät war - erst da suchte man das schon lange nicht mehr Zentrierbare zu zentrieren.

Und dennoch führt der kulturelle Relativismus in Europa, zuendegedacht, wie in seiner Ethnologie zu einer Aporie. Karl-Heinz Kohl beschreibt diese Aporie für sein völkerkundliches Fach so: "Wenn die Annahme tatsächlich zuträfe, dass die menschliche Psyche eine Art tabula rasa ist, die im Verlauf der Enkulturation durch das jeweilige kulturelle Milieu in einem solchen Maße konditioniert wird, dass alle unsere Anschauungen, Vorstellungen, Erfahrungen und Gefühle kulturabhängig sind, dann müsste ein Verstehen fremdkultureller Erscheinungsformen und deren Übersetzung in den eigenkulturellen Erfahrungshorizont eigentlich unmöglich sein. Damit hätte aber die Ethnologie einen Teil ihrer Existenzberechtigung verloren." Wie auch ein Europa, das sich nicht als Dolmetscher der Kulturen verstünde, sehenden Auges seine friedensstiftende Legitimation unterliefe.

Die zarte Ermutigung zu einem universal zentrierten Kulturbegriff, die Kohl hier nahelegt, ist für eine europäische Öffentlichkeit existentiell, die sich nicht in romantischer Kulturphilosophie verlieren möchte. Statt sich bloß neue Etiketten zuzulegen, könnte eine europäisch zentrierte Völkerkunde helfen, den fremden Blick auf Europa zu schärfen, das Eigene von diesem fremden Blick berühren und verändern zu lassen. Die diskriminierende Idee der Völkerschauen würde dann tatsächlich abgelöst von einer Kulturanthropologie, die den Menschen nicht dem Exotismus ausliefert. Frei nach dem Motto: Bei uns in Europa kann man mit dem Studium fremder Kulturen vor der eigenen Haustüre beginnen.

CHRISTIAN GEYER

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 2017, Christian Geyer © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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