Tacitus blieb leider hängen. Andreas Fahrmeir über die Idee deutscher Nation

Neue Sachbücher

"Die Deutschen und ihre Nation" ist das neue Buch des Frankfurter Historikers Andreas Fahrmeir überschrieben. Ein Titel, der schon einmal prominent verwendet wurde, für die zweite Abteilung der "Deutschen Geschichte", die der Siedler Verlag in den frühen achtziger Jahren herausbrachte. Das war damals ein schöner Einfall: Die Deutschen, nicht einfach eine Nation, aber auch nicht ohne Verhältnis zu ihr - und welcher Art dieses Verhältnis sei, das blieb mit dem einfachen "und" offen. Nun sind wir 35 Jahre weiter, und das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation ist positiver, aber immer noch undeutlich, findet Fahrmeir: Das Land hat sich, und dies vor 2015 schon, als vergleichsweise großzügig bei der Zuwanderung erwiesen, aber kleinlich bei der Zubilligung der Staatsbürgerschaft. Deutlich ist allerdings, dass im Konzept der "Nation" weiterhin politische Kraft steckt. Europagedanke und Internationalismus haben an Glanz verloren, und der Regionalismus, zwischendurch als zweites Heilmittel gegen die Verirrungen des Nationalen angesehen, hat sich im Falle Schottlands oder Kataloniens als dem Nationalismus recht nahe verwandt gezeigt.
Den Kern unseres Problems findet man schon im Mittelalter: die Überzeugung, dass die Welt aus "klar geschiedenen Nationen zusammengesetzt" ist. Die deutsche Nation hat früh ihr Profil: tapfer, dabei in Sitten und Gedanken schlicht. Das sind Überlegungen, die eine kleine Elite anstellt, im politischen Handeln spielen sie noch keine große Rolle. Ganz wirkungslos sind sie deswegen nicht. Dass die theologischen Überzeugungen Luthers so rasch zu einem unheilbaren Konflikt mit der Kurie führen, das hat auch damit zu tun, dass beide Seiten, die deutsche wie die römische, sich nach etablierten Klischees beurteilen; die "Germania" des Tacitus spielt eine besondere Rolle. Im Inneren des deutschen Raums wirkt das Nationenkonzept dagegen begütigend. Mit der Hochschätzung der Nation mildern sich die brisanten konfessionellen Gegensätze.
Das Nationenmotiv gewinnt an Kraft in der Aufklärung, es wächst die Überzeugung von der Gleichheit der Nationsangehörigen, die die Schranken von Stand und Glaubensbekenntnis überwindet. Mit dem Interesse an den fremden Welten in Übersee diskutiert man über den "Zusammenhang zwischen Abstammungs-, Kultur- und Sprachgemeinschaften", womit auch das Zentrum des nationalen Diskurses berührt ist: Was macht eine Nation aus? Die gemeinsame Abstammung oder eher die gemeinsame Sprache und Kultur? Zu einer klaren Antwort kommt es nicht. Für den Antisemitismus und seine Gegner wird diese Frage hundert Jahre später von entscheidender Bedeutung sein.
Dabei spielte für Zuwanderung und Staatsangehörigkeit das nationale Kriterium lange keine große Rolle. Wer kommt, sollte etwas haben und können. Im späten neunzehnten Jahrhundert erst beginnt die Homogenisierung der Gesellschaft im Zeichen der Nation. Fahrmeir sieht die Gründe weniger in kulturellen als politischen Bedingungen, wie er immer wieder nach der Beziehung von Staat und Nation fragt. Der Staat intensiviert seine Tätigkeit, und damit haben nicht nur die Bürger immer mehr mit der Obrigkeit zu tun, sie rücken auch aufeinander zu, etwa in den Sozialversicherungen. Die hässliche Seite zeigt Preußen in der Politik gegen die polnischen Zuwanderer, die man loswerden will. Und doch ist das Reich national nicht so vergiftet, wie man leicht denkt. In der letzten Reichstagswahl 1912 entfallen fast zwei Drittel der Stimmen auf die wenig nationalistischen Parteien SPD, Zentrum und Fortschrittliche Volkspartei.
Die Zwischenkriegszeit bringt einen Höhepunkt des Nationenprinzips: international durch das Selbstbestimmungsrecht der Völker wie die Sorge um die nationalen Minderheiten, in Deutschland durch die Zentralisierung, die Einzelstaaten haben mit dem Ende der Monarchien an Gewicht verloren. Der Nationalsozialismus steigert den Rang der Nation in den Exzess und raubt ihr zugleich das Versprechen auf politische Teilhabe der Bürger.
Es ist der Vorzug Andreas Fahrmeirs, das heikle Thema mit Ruhe und Umsicht zu behandeln. Und es ist der Nachteil seines Buches, dass ihm dafür zu wenig Platz zur Verfügung steht. Gerade weil der Autor vor und zurück, nach links und rechts schaut, brauchte er mehr Gelegenheit, anschaulich zu werden. Stattdessen gerät manches nur aufzählend, handbuchartig. Für eine zweite Auflage sollte der Verlag großzügiger kalkulieren. Und Anlass für eine zweite Auflage müsste es geben, wenn der Autor recht hat mit seiner Vermutung: "Für eine post-nationale Ordnung gibt es deutlich weniger Konzepte als für eine nationale, zumal wenn es darum geht, funktionierende Äquivalente für die durch die Loyalität zur Nation generierte Integrationskraft zu identifizieren." Und auf Integration kommt es an.
STEPHAN SPEICHER

Andreas Fahrmeir:
"Die Deutschen und ihre
Nation". Geschichte einer Idee.
Reclam Verlag, Ditzingen 2017. 214 S., geb., 20,- [Euro].

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Oktober 2017, Stephan Speicher © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

 


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