Wissenschaft zwischen Forschung und Vermittlung. Hessischer Kulturpreis an Lutz-Bachmann und Mosbrugger

Wie steht es um die Wissenschaft im Zeitalter der "alternativen Fakten"? Das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft sei in Bewegung, vieles verliere an Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der Wahrheitsansprüche nicht mehr an Sach-, sondern an Machtfragen geknüpft seien, sagte Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, am Freitagabend in seiner Laudatio zur Verleihung des Hessischen Kulturpreises.

Der mit 45 000 Euro höchstdotierte Kulturpreis der Bundesrepublik, der seit 1982 jährlich für besondere Leistungen in Kunst, Wissenschaft und Kulturvermittlung vergeben wird, ist im Festsaal der Goethe-Universität am Campus Westend an zwei verdiente Professoren der Hochschule verliehen worden. Ausgezeichnet worden sind der Philosoph und Direktor des Forschungskollegs Humanwissenschaften Matthias Lutz-Bachmann und der Paläontologe und Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft Volker Mosbrugger nicht nur für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch für ihren Einsatz als Wissenschaftsmanager und Kommunikatoren. Eine "Riesenehre", wie Universitätspräsidentin Birgitta Wolff in ihrer Begrüßung sagte, die beide als "besonders wertvolle Ratgeber und Unterstützer" bezeichnete. Lutz-Bachmann und Mosbrugger verbindet die gemeinsame Arbeit in zahlreichen Gremien und Projekten.

Wissenschaftler fanden sich bisher nur selten in der langen Reihe der Kulturpreisträger, weshalb die Vergabe als Signal gedeutet wurde. Wissenschaftsminister Boris Rhein, der in Vertretung des erkrankten Ministerpräsidenten Volker Bouffier (beide CDU) den Preis überreichte, schlug als erster Redner den Bogen von der identitätsstiftenden Wirkung der Kultur zur Bildung und zur Wissenschaft. "Das friedliche Zusammenleben der Menschen und die Bewahrung der Schöpfung" seien wesentliche Themen, denen sich auch die beiden Preisträger widmeten.

Strohschneider würdigte in seiner Laudatio die Leistungen Lutz-Bachmanns und Mosbruggers und erfüllte selbst mit Eleganz, was er an der Arbeit der beiden Preisträger pries: dass sie eine "gebildete Wissenschaft" betrieben, die kritisch und mit der Fähigkeit zur Distanz reflektiere. Eine beharrliche "Wissenschaft, die immer mitkommuniziert, wo Grenzen und Ambivalenzen" seien, sei nötig in einer Zeit, in der Argumente oft nur Ressentiments gegen das Argumentieren selbst hervorriefen.

Diesen Faden griff auch Lutz-Bachmann auf, indem er seinen "kritisch erweiterten Begriff der Aufklärung" erläuterte, der zumal sein Interesse an Religionswissenschaft, Islamkunde und die Arbeit des Exzellenzclusters Normative Ordnungen verbindet. Volker Mosbrugger nutzte die Tatsache, als Naturwissenschaftler einen Kulturpreis zu erhalten, für ein lebhaftes Plädoyer, weniger in Schubladen zu denken. Als Paläontologe führte er aus, dass vor 2,5 Millionen Jahren mit den ersten Werkzeugen die Kultur des Menschen begonnen habe - als inhärenter Teil der Natur. Wissenschaft sei mithin eine Form der Kultur. Das von der Wissenschaft bereitgestellte Verfügungswissen, von dem es momentan so viel wie nie zuvor gebe, benötige ein Orientierungswissen.

Angesichts des aktuellen Mangels an Orientierung forderte Mosbrugger auf, neu über den Zusammenhang von Wissenschaft und Kultur zu diskutieren - mit einem lokalpolitischen Appell: Der Frankfurter Kulturcampus, so Mosbrugger, sei eine wunderbare Option, die Auseinandersetzung von Wissenschaft und Kunst strukturell zu befördern. Das Sinfonie-Orchester der Universität, das in voller Besetzung schwungvoll den Abend gestaltet hatte, verlieh seiner Rede unversehens Nachdruck: Zum Ausklang spielte es den Torero-Marsch aus der Oper "Carmen" .

emm.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Oktober 2017, emm. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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