"Märtyrer" Wendt. Diskussion an Uni über Meinungsfreiheit

Eines hat dieser Freitagabend jedenfalls bewiesen: Die Gefahr, dass sich Angehörige der Goethe-Universität durch Vorträge von Rainer Wendt und seinesgleichen mit "rassistischen" Ideen infizieren, ist gering. In der Diskussion über Meinungsfreiheit an der Uni mochte niemand die Thesen des Polizeigewerkschafters verteidigen, der an der Hochschule einen Vortrag über "Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft" hatte halten sollen, dann aber ausgeladen worden war.

Explizit tat das nicht einmal die Ethnologin Susanne Schröter, die Wendt als Gast in einer Vortragsreihe hatte sehen wollen. Unterschiedlicher Meinung waren die Diskutanten aber darüber, ob die Absage von Wendts Auftritt eine gute Entscheidung war. Im Publikum wiederum schienen die Sympathien - der Lautstärke des Applauses nach zu urteilen - klar auf der Seite der Ausladungs-Befürworter zu liegen.

Was genau der Grund für die Absage war, ließ sich auch diesmal nicht klären. Schröter sprach von "verschiedenen Kreisen", auch "außeruniversitären", aus denen ihr vorgeworfen worden sei, sie lade mit Wendt einen Rassisten ein. Die Professorin sagte, sie habe sich "überfordert" gefühlt und mit ihrem Team entschieden, die Einladung an Wendt zurückzuziehen. Sie selbst halte den Gewerkschafter nicht für einen Rassisten: "Ich finde nach wie vor, dass jemand wie Herr Wendt hier seine Positionen vertreten können sollte." Uni-Präsidentin Birgitta Wolff stützte Schröters Haltung. Wenn "irgendein Kollege" mit Wendt reden wolle, müsse die Uni ein Forum bieten.

Das bezweifelt Maximilian Pichl, Jurist und einer der Unterzeichner eines offenen Briefs, die gegen Wendts Einladung protestiert hatten. Die Universität sei kein Ort für Auftritte "rechter Populisten"; damit würde gegen das universitäre Leitbild verstoßen. Auch Bernd Belina, Professor für Humangeografie, hält Wendt nicht für einen geeigneten Diskussionspartner. Der Funktionär denke im "Freund-Feind-Schema" und heize nur Gerüchte an: "Dieser Diskurs hat in einer Reihe von Fachvorträgen nichts zu suchen."

Schröter hielt dem entgegen, dass es an der Goethe-Uni "gute Praxis" sei, nicht nur Wissenschaftler einzuladen, sondern auch andere gesellschaftliche Akteure. Als es um die Frage ging, ob Wendt "Racial Profiling" - also das Kontrollieren von Menschen aufgrund ethnischer Merkmale - befürworte, hielt Schröter Belina vor, dieser sei wie sie bei einem Vortrag anwesend gewesen, auf dem Wendt sich gegen eine solche Praxis ausgesprochen habe. Warum habe er, Belina, da nicht nachgefragt? Die Antwort, die dieser gab, klang für einen Professor und Polizeiforscher etwas befremdlich: Er fühle sich Wendts Polemik "nicht gewachsen" - und außerdem habe er an jenem Abend feindselige Reaktionen des offenbar konservativen Publikums gefürchtet.

Gestern wiederum reagierten die Zuhörer nicht immer freundlich auf Rainer Forst. Als der Philosoph kritisierte, mit ihrem Protest hätten die Wendt-Gegner diesen zum "Märtyrer" gemacht, schallte ihm der Ruf "Blödsinn!" entgegen. Forst ist jeder Sympathie für Wendts Thesen unverdächtig. Dennoch rechtfertigte er die Freiheit, umstrittene Referenten einzuladen, mit so eindringlichen Worten, dass vielleicht doch der eine oder andere Rassistenjäger am Ende des Abends nachdenklich wurde. "Wir können nicht wollen, dass an der Universität eine Zensur eingeführt wird." Wenn Wissenschaftler ideologische Reden von Leuten wie Wendt für so gefährlich hielten, dass sie sie nicht argumentativ zerlegen, sondern nur verhindern wollten, "dann haben wir ein Problem".

Sascha Zoske, F.A.Z., 20.01.2018, Frankfurt (Rhein-Main-Zeitung), Seite 39. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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