Wie der deutsche Film in Zukunft sein könnte. Der erste Lichter Film Kongress bringt Forderungen

Weg mit der Filmförderung, wie sie derzeit besteht, mehr Kunstfreiheit: Ein "Frankfurter Manifest", wie es sich das Lichter Filmfest Frankfurt International gewünscht hatte, hat es gestern abend im Zoo-Gesellschaftshaus zwar nicht gegeben. Dafür aber eine Handvoll teilweise sehr konkreter Aufgaben für den deutschen Film und das Kino, die als Aufträge an die Politik und die Branche verstanden werden können: um vielfältigere und interessantere Filme zeigen zu können.

Das Thema liegt in der Luft: Seit geraumer Zeit wird die Ineffizienz des zwar im Europa-Vergleich gut ausgestatteten deutschen Fördersystems beklagt: Zu langsam, zu viel Geklüngel, zu wenig internationales Renommee. Und vor allem: Zu wenig einheimisches Publikum. Nur 27,5 Prozent der deutschen Kinogänger sehen deutsche Filme - kaum mehr als 8000 Zuschauer hat eine deutsche Kinoproduktion im Schnitt. Um sie zu realisieren, braucht man einen Fernsehsender als Koproduzent - das "Nadelöhr" müsse weg, hieß es gestern.

Die ehemalige Direktorin des Deutschen Filminstituts, Claudia Dillmann, die Regisseurin Julia von Heinz, Alfred Holighaus, der Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft und der Produzent Martin Hagemann durften die Ergebnisse von drei Fachrunden des Zukunftskongresses deutscher Film vortragen. Die Kernforderungen: die intransparente Gremienförderung von Bund und Ländern, die Abhängigkeit vom Fernsehen als Koproduzenten und andere innovationshemmende Modelle sollen abgelöst werden. Kinos sollen für Programme und Publikumspflege gefördert werden, Kinoabspiel und digitales Video on Demand sollen zusammenspielen - und alle Akteure beteiligen. Gefordert wird eine Talentförderung, die den Jungen unabhängig von ihrer Ausbildung eine Finanzierung ihrer Filme ermöglicht. Und Film soll Teil der Schulbildung werden.

Den "Perspektiven der deutschen Film- und Kinokultur" mit denen dem Filmfestival erstmals eine Tagung beigesellt hat, ist es zwar kein Manifest, aber in zwei Tagen des Kongresses gelungen, an drei runden Tischen Fachleute zusammenzubringen, die sich in stundenlangen, nichtöffentlichen Diskussionen zu Filmförderung und Finanzierung, Ausbildung sowie Film- und Kinokultur auf die gestern präsentierten Postulate einigen konnten. Die Hälfte der jährlichen Mittel etwa der Filmförderungsanstalt sollen nicht an voraussichtliche Kassenerfolge, sondern an Filme gehen, die künstlerischen Impuls versprechen, ausgewählt von Kuratoren, so eine konkrete Forderung. Auch für die Entkoppelung der Kinoproduktion vom Fernsehbetrieb haben die Fachleute Vorschläge. Das Geld der Sender aber, etwa 120 Millionen Euro im Jahr hätten sie weiter gern.

Da war so mancher jüngere Künstler radikaler: Neben den geschlossenen runden Tischen tagten in Foren deutsche und internationale Film- und Kinomacher. Während jedermann an einer großen Tafel im Foyer Wünsche ankleben konnte, die in Gemeinplätzen etwa nach mehr "Achtsamkeit" in der Filmproduktion endeten, redeten die Filmleute auf den Podien durchaus Tacheles.

Derjenige allerdings, der die Frankfurter Tagung angestoßen hat, bleibt wohl ungeschlagen in der Schärfe seiner "Vier Thesen zur Zukunft des deutschen Films", die leider bis Redaktionsschluss nur als internes "Arbeitspapier" des Kongresses dienen durften: Altmeister Edgar Reitz hatte immerhin einiges daraus vorgetragen. Darin hat er Erfahrung - der Mann hat, Jahrgang 1932, schließlich auch das "Oberhausener Manifest" 1962 mitunterzeichnet. "Der deutsche Gremienfilm hat ausgedient" verlas Reitz also, denn jeder Film, der das oft Jahre währende deutsche Fördersystem durchlaufe, zeige dessen "Gebrauchsspuren". Film müsse als Kulturgut gelten, das Kino als Ort der Sammlung und der menschlichen Teilhabe am öffentlichen Leben verstanden werden.

Wie also können der deutsche Film, das Kino sein? Vielleicht hilft es auch, aus der Vergangenheit zu lernen, zum Beispiel eben von Edgar Reitz, der mit einer so jugendfrischen Verve für das Kino und die Filmkunst plädierte, dass mancher sich davon eine Scheibe abschneiden könnte. Und noch dazu als Highlight des Festivals im Café des Kinos Mal sehn zeigte, wie Kino anders zu denken vor 50 Jahren ging: Damals zeigte Reitz die von ihm und Ula Stöckl gedrehten "Geschichten vom Kübelkind" in der Kneipe - nach Wunsch des Publikums. Das war auch diesmal begeistert: Kneipe, Film, Kunst, Gespräch, vielleicht ist dieses alte auch eine der hybriden neuen Formen, in denen sich der Film als Gemeinschaftserlebnis weiter pflegen lässt.

Eva-Maria Magel, F.A.Z., 07.04.2018, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 42. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

 


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