Sie glauben, sie handeln im höheren Auftrag. Nervöse Geselligkeit beim Absacker: Drei Soziologen widmen sich der Erforschung von Leben und Streben der Investmentbanker

Der Soziologe Michael Hartmann hat vor zwei Jahren den Mythos der globalen Wirtschaftselite durch den Nachweis demontiert, dass die Karrieren der meisten Unternehmensführer und Vorstände erstaunlich bodenständig verlaufen. Hartmanns Raster entging damals, dass Globalität nicht zwangsläufig an Ortswechsel gebunden ist, sondern über Internet und kurze Auslandsreisen hergestellt werden kann. Als erster Anwärter auf Zugehörigkeit zu dieser hybriden Globalität gelten Akteure der Finanzwirtschaft, die das weltweit vereinheitlichte Marktgeschehen heute vom Computer aus dirigieren.
Spätestens seit der Finanzkrise haftet dieser Branche das Klischee einer abgekapselten, ihrer Umwelt gleichgültig gegenüberstehenden Elite an, die ihr kurzfristiges Denken über den Shareholder Value auf Realwirtschaft und Gesellschaft überträgt und die dort verursachten Brände der Politik zuschiebt. Wenn in kapitalismuskritischen Schriften vom "space of flows" die Rede ist, der alles Ortsgebundene aus den Angeln hebt, dann bleiben die Akteure meist im Dunkeln. Man stellt sich Männer mit schwarzen Anzügen vor, die ihre Rollkoffer durch den Flughafen schieben und große Zahlen in Headsets murmeln.
Das Buch von Sighard Neckel, Lukas Hofstätter und Martin Hohmann hat den großen Vorzug, von den Protagonisten der globalen Finanzklasse ein klares und fassbares Bild zu zeichnen. Die drei Soziologen weisen die Einheit dieser Klasse, wenn es denn eine ist, nicht über Einkommen und Mobilität, sondern über geteilten Lebensstil und Werte auf. Sie untersuchen dafür die Finanzplätze Frankfurt und Sidney, die sich im Gespräch mit 42 Vertretern der Branche trotz mancher lokaler Unterschiede und unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Traditionen - hier Manchesterkapitalismus, da Deutschland AG - als relativ homogen erweisen. Die Untersuchung konzentriert sich auf den offensivsten Zweig der Branche, das Investmentbanking, das die globalen Standards am besten erfüllt.
Durch die Virtualisierung und weltweite Vernetzung der Märkte ist Internationalität, wie die Autoren zeigen, in diesem Segment tatsächlich nur bedingt auf Ortswechsel angewiesen. Die Karrieren sind ein Abbild des rasch fluktuierenden Marktgeschehens. Schneller Aufstieg, schneller Jobwechsel, hohes Risiko. Kündigungen werden stoisch hingenommen, dem Markt als der Basis des eigenen Erfolgs widerspricht man nicht. So bildet sich eine Mentalität heraus, die nicht mehr Kunden und Unternehmen, sondern den Markt als zentralen Bezugspunkt hat, was auch die Akzeptanz des eigenen Unternehmens findet, das von der Fähigkeit seiner Angestellten profitiert, Gelegenheiten zu erkennen - und zu nutzen. Es herrscht deshalb ein systemstabilisierender Opportunismus, der durch den Übergang zur mathematischen Modellierung der Märkte und Produkte forciert worden ist. Er entfernte den Banker von Kunden und Unternehmen, setzte den Anreiz, gegen sie zu wetten, und verlagerte die unbeliebten Jobs ins Backoffice.
Das Lokale ist bei all dem nicht ohne Belang, nicht umsonst haben sich die Finanzdistrikte himmelstrebende Kulissen zugelegt. Netzwerkpflege vor Ort ist oberstes Gebot, wer sie nicht beherrscht, ist arm dran; das Netzwerk dient nicht nur der Weitergabe von geschäftswichtigen Informationen, sondern auch dem Taxieren der eigenen Position auf einem glatten Parkett. Für die Unternehmen ist es ein Testfeld, ob die Person die Branchenmentalität verinnerlicht hat und reibungslos in schnell wechselnden Teams funktioniert. In den After-Work-Bars, die diesen Namen eigentlich nicht verdienen, herrscht deshalb den Autoren zufolge eine "nervöse Geselligkeit". Die Gespräche drehen sich fast nur um Arbeit und Geld, aber es geht nicht mehr um die Besprechung von Geschäften, sondern um die Taxierung des persönlichen Marktwerts und die Herstellung von Konsens. Wer daran zweifelt, kann sich beispielsweise im Frankfurter "Envy" umschauen. Er findet dort alle Stereotypen wieder, bis hin zu den exzentrischen Socken, die den Konformismus pointieren.
Und in der Tat, die Selbstauskünfte der Banker bestätigen noch das platteste Klischee. Von der derben, sexistischen Sprache im Büro, der Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen des eigenen Tuns, dem Prahlen mit Zahlen und dem hochwichtigen Überbietungsstil in der Öffentlichkeit: zu allem finden sich Belege. Es ist wohl so. Und nicht weiter schlimm: Rechtfertigung bietet in der Binnensicht ein Weltbild, das Handeln im höheren Auftrag des Markts als Dogma präsentiert, welches objektiv und mathematisch abgesichert ist. Wenn man, wie die Autoren mit dem Soziologen Akos Rona-Tas einwenden, darauf schaut, wie subjektiv die Verwandlung von Werten in Preise ist, dann ist das glatter Betrug.
In der Außendarstellung herrscht ein auffälliges Bemühen um Sauberkeit. Nachhaltigkeit ist in die Leitlinien fest integriert. Der Kleidungsstil, ein wichtiges Erkennungsmerkmal, ist streng normiert, aber für individuelle Facetten wie das Monogramm im Hemd offen. Stimmig dazu fällt die Entscheidung bei Neueinstellungen laut Selbstauskunft oft nach äußerlichen Kriterien: gepflegtes Erscheinungsbild, smartes Auftreten, gute Herkunft.
Es ist kaum noch zu erwähnen, dass der von von der Branche gefeierte Kosmopolitismus ein Scheingebilde ist. Ihre Internationalität ergibt sich nach den Autoren zwangsläufig durch die Harmonisierung der Märkte, sie ist kein Anzeichen für Interesse am Fremden, sondern, wie einer der Interviewten sagt, erfahrungsarm und engstirnig. Das Bekenntnis zu Weltoffenheit, Toleranz und Diversität steht erkennbar in Widerspruch zum exklusiven Charakter der Branche, der sich am deutlichsten in der nach außen verschwenderischen, nach innen opaken Architektur ausdrückt. Man gibt sich weltoffen im Bewusstsein sicherer Distanz und zelebriert Werte, denen man im eigenen Handeln, das Gleichförmigkeit produziert und die Verschärfung materieller Unterschiede hinnimmt, permanent widerspricht. Das gibt der Rede von Diversität und Weltoffenheit einen zweideutigen Klang, den eine kulturalistische Linke, die auf dem wirtschaftlichen Auge blind ist, aber nicht wahrnimmt oder aus verdeckter Resignation nicht wahrhaben will. Eine auf Pump lebende Politik, die sich in Abhängigkeit der Finanzmärkte begeben hat, sieht dem Schauspiel zu.
All das mag wenig überraschen, man hat während der Finanzkrise viel davon gehört, und doch ist davon nur noch wenig die Rede. Solange die Politik die Finanzmärkte nicht stärker reguliert, wird sie weiter Brandherde löschen müssen. Beeindruckend ist die Systematik, mit der die Autoren den Typus des Investmentbankers aus strukturellen Mechanismen - in erster Linie die Digitalisierung - herleiten. Überraschen mag die Bestätigung durch die Protagonisten, die offensichtlich in innerer Distanz zu ihrer Arbeit leben. Als Rechtfertigung dient ein Bewusstsein des Provisorischen. Man mache es ja nicht mehr lange.

Sighard Neckel, Lukas Hofstätter und Martin Hohmann: "Die globale Finanzklasse". Business, Karriere, Kultur in Frankfurt und Sydney.
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2018.
250 S., br., 29,95 [Euro].

Von Thomas Thiel. F.A.Z., 17.08.2018, Neue Sachbücher, Seite 10  © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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