Das Paradies in der Einöde

Die Wüstenväter des frühen Christentums gaben asketischen Praktiken einen neuen Sinn. Mit Anerkennung ihrer Verzichtleistungen konnten sie aber nicht nur bei ihren Glaubensbrüdern rechnen / Von Hartmut Leppin

Wer um 300 durch die ägyptische Wüste reiste, stieß vielleicht auf einen Menschen, der ein Obergewand aus Fellen trug, ein Untergewand mit Haaren, der vor Schmutz starrte. Antike Christen wussten, dass dieser Mann höchste Verehrung verdiente. Beeindruckend berichteten andere Asketen, was sie in der Nacht mitbekommen haben wollten: Sie hörten Lärm, viele Stimmen und Getöse wie von Waffen; und den Berg sahen sie nachts voller Funken; sie beobachteten den Antonius auch, wie er kämpfte, gleich als ob er sichtbare Gegner vor sich habe, und wie er gegen sie betete. Dieser Kampf des Asketen gegen Dämonen hat die Zeitgenossen beeindruckt. Durch die radikale Askese tat sich, so meinten sie, Gottes Wirken in der Welt kund. In den Jahrzehnten nach Antonius war die Wüste voller Gestalten dieses Schlages, zu denen Pilger von überall her reisten.
Antonius steht für einen Neuanfang, doch asketische Praktiken waren der Welt der ersten Christen keineswegs fremd. Die Evangelisten zeichnen Jesus als einen Mann, den die Güter der Welt nicht kümmern, der auch zu fasten vermag, der den Verzicht auf die Familie verlangt und dazu mahnt, nicht materiell für das Morgen zu sorgen; doch hat er keine Scheu, an Essen teilzunehmen, zu denen er geladen wird, und das Vaterunser enthält auch eine Bitte um Brot. Sein Bruder Jakob hingegen war für asketische Verhaltensweisen bekannt. Doch anderes war für die frühen Christus-Anhänger wichtiger: die Nähe zu Jesus, die Fähigkeit, Wunder zu wirken. Vor allem aber erwarteten die ersten Christen ohnehin sehnsüchtig die baldige Wiederkehr ihres Heilands. Gegenüber dieser Hoffnung wog alles andere gering und war ein Nachdenken über langwierige Askese nachrangig. Auch als die Naherwartung schwand, waren Christen sich darüber einig, dass man sich von Weltlichem nicht bestimmen lassen solle. Geringschätzung von Besitz, Lösung aus sozialen Zusammenhängen, Einschränkung von Sexualität und Nahrung besaßen eine hohe symbolische Bedeutung und mussten immer wieder neu ausgehandelt werden.
Sieht man, wie das kaiserzeitliche Rom in modernen Filmen dargestellt wird, mit dem Luxus, den Orgien, der Dekadenz, so könnte man glauben, dass die christliche Askese einen klaren Gegensatz zur Umwelt markierte, doch das wäre eine schiefe Wahrnehmung. Asketische Praktiken, die auf Verzicht und Selbstkontrolle zielten, waren keineswegs ein Spezifikum antiker Christen.
"Áskesis" bedeutete ursprünglich schlichtweg Einübung, bisweilen nachgerade Training, bei Sportlern, aber auch bei Denkern. Zunehmend gewann das Wort in der Kaiserzeit die Bedeutung einer Enthaltsamkeitsaskese. Weisheitslehren, oft die Sammlung mehr oder weniger klarer Sprüche, mahnten zu Zurückhaltung und Verzicht, auch stoische Lehren gingen in diese Richtung. Extreme, auch provozierende Verzichtleistungen zeigten die Kyniker und Anhänger verschiedener Kulte: Zwischen den verschiedenen asketischen Praktiken von Heiden bestanden erhebliche Unterschiede. Die meisten bessergestellten Griechen und Römer, die derartigen Praktiken huldigten, zielten darauf, sich selbst zu verbessern, Formen der Selbstkontrolle zu erreichen und ein gutes Leben im Sinne der antiken Philosophie zu führen. Das sollte gerade nicht als eine Selbstoptimierung im Sinne beruflicher Leistungssteigerung verstanden werden. Oft war vielmehr von Autarkie die Rede, einem Genügen an sich selbst.
Man begegnet aber auch anderen Formen anspruchsvoll begründeter, nichtchristlicher asketischer Praktiken, die eine transzendente Dimension hatten, etwa in neuplatonischen, vor allem aber in sogenannten neupythagoräischen Kontexten, wo man auch für Vegetarismus warb. Autoren der Kaiserzeit sprachen anscheinend vermehrt über Sittenstrenge, als Teil der Selbstsorge, durch die der Einzelne sich als Subjekt in einem doppelten Sinne entwirft, als jemand, der handelt, aber auch als jemand, der bestimmten Regeln unterworfen ist. Das ist ein Zusammenhang, in dem christliche Positionen Resonanz erlebten und auch verstärkt werden konnten.
Unter Juden wurden nicht nur Speiseregeln praktiziert, sondern auch verschiedene Formen der Askese gepflegt. Die Nasiräer gelobten, für eine bestimmte Zeit auf berauschende Getränke zu verzichten, sich Bart und Haar nicht zu schneiden, jeglichen Kontakt zu Leichen und Gräbern zu meiden. Allerdings galt dies meistens nur für eine gewisse Zeit und wurde mit einem Opfer im Tempel abgeschlossen. Ebenso stößt man auf Gruppen, die gemeinsame Verzichtleistungen erbrachten. Dies wird etwa von sogenannten Essenern berichtet, die abgesondert zusammenlebten, tägliche Reinigungsrituale pflegten, freiwillige Armut praktizierten, oft auch Keuschheit.
Die asketische Landschaft der Antike war mithin vielfältig. Zeitgenossen konnten damit rechnen, dass eine Gruppe, die ihre religiösen Überzeugungen ernst nahm, asketischen Praktiken huldigte. Dennoch bleibt es wichtig, sich den Unterschied von Christen gegenüber den Verzichtleistungen zu Angehörigen der traditionellen Eliten in Erinnerung zu rufen: Christen waren sich darin (prinzipiell) einig, dass sie sich in Abhängigkeit von Gott sahen, dass sie um des Himmelreichs willen asketische Praktiken verfolgten, nicht ihrer sozialen Stellung wegen. Sie zielten auf spirituelle Erhöhung, Annäherung an ein höheres Leben, aufgrund der Befehle Gottes, nicht aufgrund der eigenen philosophischen Erkenntnis. Sie konnten aber mit ihren Verzichtleistungen Nichtchristen beeindrucken, jedenfalls diejenigen unter ihnen, die in moralischen Diskursen den Ton angaben.
Bei den allermeisten Christen genossen Formen der Askese Hochachtung; allerdings muss man mit erheblichen regionalen Unterschieden rechnen: Schwer zu fassen ist die Gruppe der bnay qeyama, der Söhne des Bundes, von denen syrische Quellen seit dem frühen 4. Jahrhundert sprechen, die aber schon länger existiert haben müssen. Sie waren anscheinend Menschen, die keusch lebten, aber im Kontext einer Gemeinde oder auch von Familien, weder in Zurückgezogenheit noch in Askese. Aphrahat, ein um die Zeit Konstantin des Großen (306-337) in Persien wirkender syrischer Christ, feiert die Bundessöhne (und auch -töchter) in einer seiner "Unterweisungen" ("Demonstrationes"). Er preist sie als diejenigen, die nach der Taufe rein bleiben wollen, die vorbereitet sind auf die Wiederkehr Christi. Es waren durchaus Formen der Gemeinschaft, die sie praktizierten, wenngleich bei Trennung der Geschlechter. Luxusgüter waren zudem verboten, negative Äußerungen über andere untersagt, ebenso verächtliches Gelächter, Geldgier und Zinsnehmen und noch vieles mehr. Dies war eine christliche Elite, die aber offenbar nicht in Zurückgezogenheit lebte, sondern den Versuchungen des alltäglichen Umgangs mit seinen Eitelkeiten ausgesetzt war.
Doch wie passt Antonius in das Bild, ein, wie es scheint, extrem individualisierter Asket, der sich in die Wüste zurückzog und damit von der Gemeinde löste? Der Beginn einer Askese, wie er sie vertritt, ist schwer zu greifen. Lange war die Forschung überzeugt, der Anfang sei im Ägypten des ausgehenden 3. Jahrhunderts zu suchen, doch sprechen einige Indizien dafür, dass ungefähr gleichzeitig in Syrien eine ähnliche Entwicklung stattfand, die aber weniger gut dokumentiert ist.
Antonius ließ sich in die Hierarchie einbinden; das besagt jedenfalls seine schon zitierte Lebensbeschreibung, die zu einem Klassiker der europäischen Literatur geworden ist und die Gattung der Mönchsvita, der Lebensbeschreibung eines Mönches, prägen sollte. Als Verfasser gilt traditionell (aber nicht unstrittig) Athanasius, von 328 bis 373 Bischof von Alexandria und als Gegner christlicher Kaiser, denen er Häresie vorwarf, eine der funkelnden Gestalten der Kirchengeschichte. Eindringlich berichtet er von seinem Helden, der vielleicht 251 geboren wurde: Christlich erzogen, habe er unter dem Eindruck eines Bibelverses, laut dem Jesus einen jungen Mann zur Preisgabe seines Besitzes aufforderte, alles verschenkt und sich in die Einsamkeit zurückgezogen. Was der Autor beschreibt, ist eindrucksvoll: Er trug stets dieselbe Körperbedeckung, ließ sich nie nackt sehen und badete nie. Nur wenig nahm er zu sich, Oliven, Hülsenfrüchte, Öl. Selten verließ er seine Eremitenwelt, und auch nur, um seinen Glaubensfreunden im Kampf gegen heidnische Verfolger und Häretiker beizustehen. Einige Mönche, die ihn als Lehrer betrachteten, sahen nach ihm und versorgten ihn. Trotz seines Rückzugs suchten ihn immer wieder Besucher auf, selbst hochrangige Militärs, die er mit Heilungswundern und Visionen beeindruckte - selbst Kaiser Konstantin soll ihm geschrieben haben.
Obwohl ihn immer wieder Dämonen quälten, schrieb man ihm das Ideal des klassischen Weisen zu, die innere Ruhe: "Er war niemals in Unruhe, da seine Seele voll heiteren Friedens war." Allerdings bedeutete das, anders als klassisch Gebildete erwartet hätten, keine Leidensfreiheit. Tief empfundenes Leiden galt als Ausdruck des wahren Asketentums. Obwohl der Autor Antonius in der Semantik des antiken Weisen beschreibt, ist die Vorstellung dahinter eine ganz andere. Seine Askese trieb ihn an den Rand der Kraftlosigkeit.
Aufschlussreich ist noch ein anderer Unterschied. Antonius erscheint in seinem Ringen auf den ersten Blick völlig selbstbestimmt. Doch eine Autorität respektiert er: "Seinem Wesen nach war er langmütig im Ertragen von Unrecht und demütig in seiner Seele; in dieser Gesinnung ehrte er das Gesetz der Kirche über die Maßen und wollte, dass jeder Kleriker den Vorrang habe; vor den Bischöfen und Presbytern das Haupt zu neigen, schämte er sich nicht . . ." Der Respekt vor der kirchlichen Autorität, dem Bischof, kennzeichnet in dieser Darstellung die Lebensweise des Antonius, der so für die organisierte Kirche als Vorbild dienen kann. Man merkt, dass der Verfasser der Lebensbeschreibung auch ein politischer Kopf war, der zumindest in das Umfeld des Athanasius gehörte.
Der Hinweis auf den Gehorsam des Antonius verweist darauf, welche Schwierigkeiten das Asketentum für die kirchliche Ordnung aufwarf. Sie lebten ihren Glauben außerhalb der Gemeinschaften, viele entzogen sich der Teilnahme am Gottesdienst. Gerade die Abwendung vom normalen Leben verlieh jedoch diesen Gestalten Autorität in ihrer Umwelt, der sie sich doch zu entziehen suchten. Es war für die Gläubigen keineswegs selbstverständlich, einem Bischof, der in Alltagskonflikten stand und der nicht selten die Freuden sozialer Repräsentation genoss, den Vorzug gegenüber einem Mann zu geben, der sich so sinnfällig durch extreme asketische Praktiken auszeichnete und so seine Glaubensstärke präsentierte. Die lauter werdende Forderung nach Ehelosigkeit für Kleriker stellt eine Antwort darauf dar, ebenso die "Vita" des Antonius, die den Gehorsam gegenüber Klerikern zur Norm erhebt. So versuchten Bischöfe, diese überaus vorzeigbaren Christen wieder einzufangen. Die Alternative war, sie als Häretiker abzustempeln - doch dann bestand die Gefahr, dass sie ihre eigene Gefolgschaft gewannen.
Noch stärker eingebunden wurden Asketen, wenn sie Teil eines Klosters, somit einem Abt zu Gehorsam verpflichtet waren. Anfänge des gemeinschaftlichen, koinobitischen Mönchtums unter Konstantin (306-337) sind mit dem Namen des Pachomios (gest. 346) verbunden. Doch sollte das Klosterwesen erst in späterer Zeit zur Blüte gelangen. Es wäre falsch, diese Entwicklung zu einem nachgerade militärisch disziplinierten Klosterleben, das im europäischen Mittelalter so erfolgreich war, als das eigentliche Ziel der Entwicklung frühchristlicher Askese zu sehen.
Unumstritten waren asketische Praktiken keineswegs. Der demonstrative Verzicht konnte betrügerisch, er konnte eitel sein, das Vegetieren des Asketen eine Form der Selbstinszenierung und Selbsterhöhung bilden. Starke Forderungen nach einem Leben des Verzichts lösten schon früh Bedenken aus: Da das Geschaffene gut ist, soll man es auch annehmen, eine Haltung, die unter antiken Christen oft hörbar wird und modernem Denken wieder entgegenkommt.
Irenäus und Clemens von Alexandria, die später zu den orthodoxen Theologen rechnen sollten, formulierten durchaus Lehren, die zu Verzicht aufriefen. Doch wollten sie bezeichnenderweise den Eindruck vermeiden, dass Gottes Schöpfungswerk schlecht sei, weswegen sie nicht zu Formen der Abtötung des Fleisches rieten. Damit wandten sie sich gegen eine Ablehnung des Geschaffenen, das nicht von Gott selbst stamme, wie sie im gnostischen Spektrum immer wieder zum Ausdruck kam. Respekt vor der Askese und Respekt vor der Schöpfung waren theologisch nicht leicht zu vereinbaren.
In ihrem Rückzug führten Asketen vor Augen, was einem Christenmenschen möglich war. Sie verzichteten auf alles und lösten sich aus der zivilisierten Welt, deren Angehörige ihnen umso größere Verehrung entgegenbrachten. Mit ihrer Selbstüberwindung stellten sie aus der Sicht der Gläubigen zugleich eine Verbindung zum Himmel her. Obwohl sie dem Anschein nach auf alle Machtmittel verzichteten, besaßen die Asketen etwas potentiell Disruptives für christliche Gemeinschaften. Sie bezeugten die Bedeutung eines individualisierten Christentums. Asketische Autorität beruhte nicht auf einem Amt, sondern auf eigener Leistung, in der Lebensweise erwies sich die Glaubensstärke eindringlich und oft aufsehenerregend. Das Paradox des Christentums verkörpert sich in den Asketen ganz besonders: Aus Schwäche wird Stärke. So firmiert Antonius, dem so viel Demut zugeschrieben wird, bei Späteren oft als Antonius der Große.

Hartmut Leppin ist Professor für Alte Geschichte an der Goethe-Universität zu Frankfurt am Main.
Der Text ist die gekürzte Fassung eines Kapitels des nächste Woche in der Historischen Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung im Verlag C. H. Beck erscheinenden Buchs "Die frühen Christen. Von den Anfängen bis Konstantin".

Von Hartmut Leppin. F.A.Z., 10.09.2018, Feuilleton (Feuilleton), Seite 13. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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