Im Prinzip ist die globale Energiewende machbar. Im Gespräch: Der Klimaphilosoph Darrel Moellendorf

Der Klimawandel trifft vor allem Entwicklungsländer. Müssen sie deshalb auf Entwicklungschancen verzichten?
Sie betrachten den Klimawandel unter dem Aspekt globaler Gerechtigkeit. Wird der Klimawandel das Gefälle zwischen stark und schwach entwickelten Ländern verstärken?
Darrel Moellendorf: Mit Sicherheit. Zumindest solange nichts getan wird, um die Erwärmung zu bremsen und ihre Effekte zu lindern. Die Entwicklungsländer sind Opfer der Geographie. Nehmen wir den Meeresspiegel: In den Entwicklungsländern leben überproportional viele Menschen an der Küste. Besonders gefährdet sind große Mündungsgebiete wie das Ganges-Delta. Hier leben nicht nur sehr viele Menschen, sie haben auch eine viel geringere Schutzmöglichkeit als beispielsweise die Bewohner von New York. Zudem werden die Entwicklungsländer übermäßig von Dürre und Massenhunger betroffen sein.
Die globale Klimapolitik hat ein Vollzugsdefizit. Die weltweiten CO2-Emissionen sind ja bis dieses Jahr weiter gestiegen. Wie lassen sich die Industrieländer, die ja besonders dafür verantwortlich sind, zu gemeinsamen Anstrengungen über den Grad eigener Betroffenheit hinaus bewegen?
Man muss es als ein Problem kollektiven Handelns betrachten. Zunächst einmal hat jeder Staat das Interesse, den Temperaturanstieg so niedrig wie möglich zu halten. Andererseits will aus Wettbewerbsgründen niemand allein oder als Erster die Kosten übernehmen. Klimaschutz ist teuer. Das Pariser Klimaabkommen ist da schon ein sehr wichtiger Schritt. Aber das vom IPCC angestrebte Klimaziel von 1,5 Grad wird sich damit noch nicht erreichen lassen. Das Problem ist, dass der Aufbau von Institutionen für kollektives Handeln auf globaler Ebene sehr viel Zeit braucht, die uns das 1,5-Grad-Ziel nicht lässt. Wir müssen auf die bestehenden Institutionen bauen. Noch schwieriger sind Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel, da es in diesem Fall kein wirkliches Gemeinschaftsinteresse gibt. Die ärmeren Staaten müssen also einen Weg finden, um die reicheren Staaten zu verpflichten. Ein Hoffnungszeichen ist, dass der Kampf gegen die Erwärmung immer leichter wird, je weiter der Preis der erneuerbaren Energien sinkt. Hier kann der Markt der Politik unter die Arme greifen.
Kann man Entwicklungsländern das Emissionsniveau der westlichen Länder verweigern? Verzicht auf Energieverbrauch bedeutet für sie ja geringere Entwicklungschancen.
Zunächst einmal ist der Klimawandel nicht das einzige Problem, mit dem sich die Welt beschäftigen muss. Unter den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung steht der Kampf gegen die Armut an erster Stelle. Die Armutsüberwindung ist wiederum eng mit dem Energieproblem verbunden. Drei Milliarden Menschen leiden unter Energiearmut, haben entweder keinen Zugang zu Elektrizität oder zu modernen Brennmaterialien zum Kochen. Wenn der Klimaschutz also unter das Ziel der nachhaltigen Entwicklung und der Armutsbekämpfung fällt, dann müssen die Lasten besonders den entwickelten Ländern zufallen. Das heißt auch, dass sie die größten Anstrengungen bei der Verringerung der CO2-Emissionen unternehmen müssen.
Um das Klimaziel zu erreichen, muss der durchschnittliche CO2-Ausstoß laut IPCC weltweit bei einer Tonne pro Kopf liegen. In den Vereinigten Staaten werden heute rund siebzehn Tonnen je Einwohner verbraucht, in Tschad 0,02 Tonnen. Können die Entwicklungsländer ihren Lebensstandard verbessern, ohne ihre CO2-Emissionen anzuheben?
Im Prinzip ja. Aber sie können es nur, wenn die Industriestaaten sie bei der Umstellung auf erneuerbare Energien unterstützen. Solange erneuerbare Energie teurer als fossile Energie ist, wird man diese Umstellung nicht wagen. Die gute Nachricht ist, dass der Preis erneuerbarer Energien, besonders der Photovoltaik, rapide sinkt. Dazu kommt, dass es in den Entwicklungsländern anders als in den Industrieländern viel weniger fossile Kraftwerke gibt, die erst gegen Widerstand ersetzt werden müssten. Das Klimaziel des IPCC, den Kohlendioxidverbrauch bis 2050 auf null zu senken, könnte hier also aufgehen.
Was muss dafür getan werden?
Das Wichtigste ist, die Kohlesubventionen sofort zu beenden. Das würde die Wettbewerbschancen erneuerbarer Energien verbessern. Die Entwicklungsländer könnten beispielsweise auf die Solarenergie setzen, bei der sie einen geographischen Vorteil haben. Dafür muss auch in die Batterieentwicklung und den Energietransport nach Europa investiert werden.
Können die Industrieländer das Klimaziel des IPCC ohne Verzicht auf Konsum und Wirtschaftswachstum erreichen?
Prinzipiell ja. Wirtschaftswachstum und sinkender CO2-Verbrauch lassen sich kombinieren, wenn man konsequent auf erneuerbare Energie setzt. Das erfordert aber eine völlige andere Art des Investierens. Es finge damit an, fossile Emissionen mit einem Preis zu belegen und die Subventionen für Kohle und Öl abzubauen. Mit dem Ausstieg aus einer Wachstumswirtschaft wäre für den Klimaschutz dagegen nicht viel gewonnen. Das zeigte die Rezessionsphase während der Finanzkrise, in der die Emissionen kaum sanken. Außerdem würde sinkendes Wachstum den Kampf gegen Armut erschweren. Jede Wirtschaftskrise in den Industriestaaten wird automatisch in die Entwicklungsländer transportiert. Ein Ausstieg aus dem Wachstumsmodell wäre außerdem kontraproduktiv bei der Entwicklung neuer Technologien, die wir für die Bewältigung des Klimawandels unbedingt brauchen.
In den Vereinigten Staaten geht die Entwicklung ja gerade in eine ganz andere Richtung.
Das ist vor allem ein Problem der politischen Ökonomie. Traditionelle Energiesektoren wie die Ölindustrie haben in dem Übergang viel zu verlieren, und sie haben eine große Lobbymacht. Hier müsste nicht am Wirtschaftsmodell angesetzt werden, sondern an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft. Man brauchte eine völlig andere Wahlkampf- und Parteienfinanzierung.
Die UN-Framework-Convention verpflichtet die Industriestaaten auf die Hauptverantwortung beim Klimaschutz. Unter anderem sollen sie in einen durch die Weltbank verwalteten Klimafonds einzahlen, dessen Volumen von 2020 an bei hundert Milliarden Dollar pro Jahr liegen soll. Wie viel ist bisher eingegangen?
Bis jetzt wurden nur rund zehn Milliarden Dollar gesammelt. Der Klimafonds ist gegenwärtig dramatisch unterfinanziert. Der Fonds speist sich aus freiwilligen Spenden von Staaten und Privatkapital. Bisher hat es wenig Begeisterung für das Spenden gegeben.
Welche Hoffnungen setzen Sie auf den Emissionshandel? Davon könnten ja auch die Entwicklungsländer profitieren.
Das ist auf jeden Fall ein Teil der Lösung. Es ist eine fundamentale Gerechtigkeitsfrage, wie sie strukturiert sein werden und ob die Emissionen durch Auktionen versteigert oder an die Unternehmen mehr oder weniger verschenkt werden. Wenn sie durch Auktionen versteigert werden, dann kann der Emissionshandel einen Beitrag zur öffentlichen Kasse leisten.
Wenn die Weltbevölkerung bis zum Jahrhundertende wie prognostiziert auf elf Millionen Menschen wächst, würde sich der Energiebedarf noch einmal deutlich erhöhen. Lassen sich die Klimaziele nur durch eine begleitende Bevölkerungspolitik erreichen?
Das Bevölkerungswachstum ist sicherlich ein Faktor des Klimawandels. Der Zeitdruck bei den Klimazielen macht es aber unmöglich, schnell etwas zu erreichen. Trotzdem muss das Problem angegangen werden. Hier wäre es das Beste, menschliche Entwicklung zu fördern, besonders die Bildung und Unabhängigkeit von Frauen. Dadurch würde auch die Geburtenrate fallen.
Der Klimawandel fördert eigentlich ein kosmopolitisches Denken. Gegenwärtig dominiert dagegen das Freund-Feind-Schema. Ist das eine Zwischenetappe oder das Endergebnis der Globalisierung?
Der Klimawandel zwingt uns auf vielen Feldern zu gemeinsamem globalen Handeln. Das heißt nicht, dass wir zwangsläufig an der Stufe zu einem kosmopolitischen Zeitalter stehen. Aber es stellt sich die Frage, welche Art von Globalisierung wir wollen. Es ist natürlich eine Frage der Zeit, ob die Phase der nationalen Orientierung rechtzeitig aufhört, bevor die Klimaprobleme zu groß werden.

Das Gespräch führte Thomas Thiel.

F.A.Z. 24. Oktober 2018 von Thomas Thiel.© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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