Muss man jedem Bettler etwas geben?

Überall in der Stadt bitten arme Menschen um Almosen. Wer nicht achtlos an ihnen vorbei gehen will, steht vor einem Dilemma.

Von Hans Riebsamen

Die erste Hand, die sich einem nach dem Verlassen der U-Bahn-Station Hauptwache entgegenstreckt, gehört einem verwahrlosten Mann mit einem Hund. Einer Hündin, genauer gesagt. Ihretwegen sei er hier, sagt er und deutet auf das Tier. Sie sei operiert worden, und jetzt brauche er Geld, um die Rechnung zu begleichen. Der Mann, der da an der Zeil am Eingang zur Liebfrauenstraße sitzt, will kein normaler Bettler sein. Er bitte um Geld, weil er seine Hündin retten müsse. Neben sich hat er ein Schild aufgestellt, auf dem zu lesen ist: "Wir sind keine Bettelmafia."
Auf diese Art will er sich von jenen Bettlern distanzieren, die meistens aus Südosteuropa stammen und organisiert auftreten. Angeblich werden sie morgens vom Clanchef abgesetzt und müssen abends ihre Einnahmen abliefern. Ob der Mann mit dem Bart, der einige Meter entfernt von dem bettelnden Hundeherrchen einen liegenden Hund aus Sand geformt hat, wohl zu dieser "Bettelmafia" gehört? Er spricht kein Wort Deutsch und sagt auf die Frage nach seiner Herkunft so etwas wie "Roma" oder "Romania". Er könnte durchaus ein Rom aus Rumänien sein.
Hunde aus Sand sind zurzeit offenbar die Attraktion unter Bettlern. Wir sehen derartige Skulpturen beim Rundgang durch die Innenstadt später auf dem Paulsplatz und der Zeil. Sie unterscheiden sich deutlich in ihrem künstlerischen Wert: Der Hund auf dem Paulsplatz genügt dem Ideal der realistischen Wiedergabe deutlich stärker als seine Artgenossen auf Zeil und Liebfrauenstraße. Ob er aber seinem Schöpfer mehr Euro-Münzen einbringt als jene beide anderen etwas verunglückten Skulpturen, ist schwer zu sagen.
Denn beim Betteln kommt es vor allem auf den Standort an. Der ideale Platz, nämlich direkt neben der Eingangstür des Kaiserdoms, ist von frühmorgens bis spätabends besetzt. Nicht nur, dass hier jeden Tag Tausende von Touristen vorbeikommen. Wer in den Dom eintritt oder ihn verlässt, bewegt sich in einer Sphäre der christlichen Werte, zu denen Mildtätigkeit und Nächstenliebe gehören. An solch einem heiligen Ort verliert manch einer seinen harten Sinn und gibt ein Almosen.
Der König der Frankfurter Bettler ist Eisenbahn-Reiner. Seinetwegen hat es sogar schon einmal Krach in der Römerkoalition gegeben. Als der Mann, der seit vielen Jahren vor dem Kirchenladen an der Liebfrauenkirche sein Nippes-Wunderland mit einer kleinen Eisenbahn in der Mitte ausstellt, seinen Stammplatz räumen sollte, erhob sich ein Sturm der Entrüstung, in den sogar Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) einfiel und der das Ordnungsamt zum Rückzug zwang. Eisenbahn-Reiner ist recht eigentlich kein Bettler, sondern eine Frankfurter Institution, der manche Bürger regelmäßig ihren Tribut in Form einer Münze entrichten.
Um die Mittagszeit an einem normalen Werktag begegnen wir bei einem Rundgang von der Hauptwache zum Römerberg und dann weiter vom Dom zur Zeil knapp zwei Dutzend Bettlern - nicht eingerechnet sind dabei die Straßenmusikanten, die sich oft zwischen Bettelei und Kunst bewegen. Das größte Mitleid erweckt ein hagerer Obdachloser, der zitternd vor dem Eingang der Kleinmarkthalle steht und offensichtlich krank ist. Ihm werfen wir einen Euro in seinen Pappbecher.
An den vielen anderen gehen wir vorbei. Wir trösten uns oft mit der Ausrede, dass es sich um organisierte Bettler handele, die von Rumänien oder Bulgarien hierher gekarrt worden seien und im Auftrag eines Clans betteln. Eigentlich sind diese Männer und Frauen doppelt geschlagen: Sie haben nichts, und das meiste, was sie erbetteln, wird ihnen am Ende wieder weggenommen.
Soll man mit der Roma-Frau, die auf der Zeil vor dem Kaufhof sitzt und die ganze Zeit stumm auf den Boden starrt, kein Mitleid haben? Soll man an dem bärtigen Alten mit dem handgeschriebenen Schild "Bitte ich haben Hunger" vorbeigehen? Soll man den Invaliden im Rollstuhl, der seine beiden Beine im jugoslawischen Bürgerkrieg verloren haben will, unbeachtet lassen?
Irgendwie plagt einen immer ein wenig das schlechte Gewissen, wenn man an einem Bettler vorbeigeht und so tut, als ob man ihn nicht bemerke. Doch wer kann es sich leisten, in jeden Becher, der einem hingehalten wird, einen Euro zu werfen? Ein angesehener Stadtältester, der hohe Funktionen im Magistrat innehatte, hat das moralische Problem für sich so gelöst: Einmal im Jahr übergibt er Bruder Paulus, dem Leiter des Franziskus-Treffs, einer Hilfseinrichtung für Obdachlose, eine größere Spende. Damit, so sagt er, habe er seine Christenpflicht erfüllt.
 
Ansgar Wucherpfennig.
Rektor der Hochschule Sankt Georgen.
"Selig die Bettelnden, denn ihnen gehört Gottes Reich", so Jesus. Die vertraute Übersetzung mit "Arme" verallgemeinert; gemeint sind Bettler, Frauen und Männer, die zu Boden niedergegangen sind, denn in der Gesellschaft können sie sich nicht mehr aufrecht halten. Silber und Gold können auch die Apostel einem Bettler im Tempel nicht geben. Allen Menschen, die betteln, schulde ich als Christ aber zumindest Achtung und Aufmerksamkeit für das, was sie brauchen. Gott möchte, dass sie in seinem Reich aufrecht gehen.

Jutta Ditfurth.
Politikerin und Autorin.
Grundsätzlich wäre es gut, aber so viel Geld habe ich nicht. Ich habe dafür einen kleinen Etat im Monat und gebe einmal am Tag drei Euro an den ersten Menschen, der mich um Geld bittet. Ich mache es niemals von einer Bedingung abhängig, weder vom Aussehen noch von Dankbarkeit oder dem Versprechen, es nicht für Alkohol oder Ähnliches auszugeben. Das wäre unverschämt und übergriffig. Es geht mich schlicht nichts an, wofür der Mensch das Geld ausgibt, das ist Teil seiner Würde.

Rainer Forst.
Philosophie-Professor an der Universität Frankfurt.
Bettelnde Menschen sprechen uns in verschiedenen Rollen an. In unserer Eigenschaft als BürgerInnen einer Demokratie appellieren sie an unsere politische Mitverantwortlichkeit, die Gesellschaft so einzurichten, dass niemand aus ihrem sozialen System herausfällt, aus welchen Gründen auch immer. Hier sind individuelle Schuldfragen fehl am Platz, sondern soziale Solidarität ist gefragt. Als Mitmenschen appellieren sie zudem an unsere moralische Pflicht, anderen, die in Not sind, zu helfen. Wir sollten uns nicht zu Richtern über sie machen, denn wer ist vor Schicksalsschlägen gefeit?

Daniela Birkenfeld.
Frankfurter Sozialdezernentin.
Ich begrüße es, wenn Bürgerinnen und Bürger sich für Menschen in schwierigen Lebenslagen engagieren. Für Außenstehende ist allerdings nicht immer zu erkennen, ob sie mit ihrem Obolus eventuell eine organisierte Bettlerbande unterstützen. Ich rate deshalb dazu, lieber an freie Träger der Wohlfahrtspflege zu spenden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen sich aus und achten darauf, dass die Hilfe wirklich bei bedürftigen Menschen ankommt.

Gerhard Bereswill.
Frankfurter Polizeipräsident.
Hier in Frankfurt betteln täglich viele Menschen in verschiedensten Formen auf der Straße. So unterschiedlich die Meinungen über diese direkten Aufforderungen, Geld zu geben, sind, so unterschiedlich sind die Reaktionen der Passanten. Ich bin der Auffassung, dass es jedem selbst überlassen bleibt, darüber zu entscheiden, etwas zu geben oder eben nicht. Als Polizist überlegt man auch, ob die dargelegte Bedürftigkeit tatsächlich existiert, eine gewisse Notlage gar vorgetäuscht oder diese Vorgehensweise sogar strafwürdig organisiert ist.

Ulrike Schmidt-Hesse.
Darmstädter Stadtdekanin.
Jede Person hat das Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Ich mache mich dafür stark, dass der Sozialstaat dies gewährleistet. Zu den staatlichen kommen zivilgesellschaftliche Angebote. Dafür zahle ich gerne Steuern, und dafür spende ich gerne. In Kirche und Diakonie engagieren wir uns in beiden Bereichen. Auch persönliche Begegnungen finde ich wichtig. Ich sehe täglich Bettler. Ein respektvoller Umgang mit ihnen ist mir ein Anliegen. Wenn ich angesprochen werde, sage ich etwas zu den Unterstützungsangeboten. In besonderen Situationen gebe ich auch Geld, das entscheide ich intuitiv.

Johannes zu Eltz.
Frankfurter Stadtdekan.
Bei allen abrahamitischen Religionen gibt es den Gedanken, dass "in Ansehung der Ewigkeit" nicht vor allem der Bettler für die Gabe soll dankbar sein müssen, sondern der Angebettelte fürs Gebendürfen. Ich glaube, da ist etwas dran. Trotzdem gebe ich nicht jedem Bettler Geld.
Oft auch einfach, weil ich keines dabei habe. Essen und Trinken verweigere ich nie, auch nicht Notunterkunft bei Kälte. Und immer versuche ich, ein gutes Wort oder wenigstens einen wertschätzenden Blick übrig zu haben.

Julian Chaim Soussan.
Frankfurter Rabbiner.
Die kurze Antwort ist: Ja! Das Judentum kennt konkrete Gebote, wie der Einzelne und die Gesellschaft helfen sollen. Der übliche Begriff hierfür ist "Zedaka". Das wird oft mit "Spende" übersetzt, heißt aber eigentlich "Gerechtigkeit". Wenn nun der Obdachlose mit den Almosen Alkohol kauft? Wir sind in erster Linie verpflichtet zu geben, nicht zu prüfen, was mit dem Geld geschieht. Was ist mit organisiertem Betteln? Im Judentum gilt, dass man eine offene Hand nicht ausschlagen soll. Manch einer löst das Dilemma, indem er immer kleine Münzen dabei hat, die er etwa auf der Zeil parat hat.

Von Hans Riebsamen. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. April 2019, Seite 31. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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