Ist Europa zu retten? Ja, nein, vielleicht heißt es bei den Römerberggesprächen

So manches läuft schief in Europa. Darüber schienen sich die Zuhörer schon einig gewesen zu sein, bevor Ina Hartwig, Frankfurter Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, am Samstag die Römerberggespräche eröffnete. Was genau aber auf dem Kontinent nicht stimmt, dazu gab es mehr Thesen als Referentinnen und Referenten, denn immer wieder brachte sich auch das Publikum ein, das den Chagall-Saal im Frankfurter Schauspiel bis auf wenige Plätze füllte. Weitgehender Konsens herrschte ferner darüber, dass Populismus eines der zentralen Probleme Europas ist und darüber, dass ausgerechnet dieses Problem sich nach der Europawahl noch verschärfen könnte.
Der Populismus in der Europäischen Union war das inoffizielle Thema des ganzen Tages. Zunächst zeigte der Politikwissenschaftler Philip Manow anhand der Ergebnisse aller Europawahlen in der Vergangenheit, warum tendenziell eher radikale und europaskeptische Politiker ins Europaparlament gewählt werden. Ein in der Tat überraschender Umstand, der weitgehend unbekannt sein dürfte, weil eine "echte" europäische Öffentlichkeit fehle, wie Christine Landfried beklagte. Sie führte das nicht zuletzt darauf zurück, dass viele Bereiche der europäischen Union von großer Komplexität und also schwer zu vermitteln und debattieren seien. Gegen die Versuchung metaphorischer Verkürzung von Tatsachen und für mehr Differenziertheit plädierte wiederum der Historiker Andreas Rödder. Behauptungen wie jene, dass Europa scheitere, wenn der Euro scheitere, hält er für potentiell populistisch, weil sie eine Alternativlosigkeit suggerierten, die so nicht bestehe.
Die Frage nach der Zukunft des europäischen Staatenverbunds stellte Stefan Kadelbach, womit er Ulrike Guérot das Stichwort gab. Diese argumentierte leidenschaftlich für eine Umwandlung der Europäischen Union in eine europäische Republik und erntete damit tosenden Beifall. Dass da auch noch die Philosophin Mara-Daria Cojocaru mit auf dem Podium saß, schien sie wenig zu kümmern. Wenn sie etwa ausbreitete, dass Europa sich im Zustand eines Bürgerkriegs befinde, übertönte sie Cojocaru und den Moderator Alf Mentzer einfach. Natürlich meinte sie dabei nicht einen Bürgerkrieg mit Panzern und Verletzten, sondern nur im strengen Sinn von Giorgio Agamben. Sie sprach so engagiert für ihre Sache, dass die Zeit für Verwunderung fehlte.
Zwischen den rednerischen Spezialeffekten war Guérots Beitrag von erfrischender Handfestigkeit. Mit ihrer europäischen Republik brachte sie eine Utopie ins Spiel, unter der man sich wenigstens grosso modo etwas vorstellen konnte, während an diesem Tag vieles andere im Unkonkreten blieb. Davon, dass "die demokratische Fläche erodiert", wurde geredet und davon, dass Europa eigentlich viel mehr als nur die EU sei. Ausführungen dessen, was damit genau gemeint war, blieben die Redner schuldig.
So verwundert es auch nicht, dass sich die Rednerinnen und Redner zwar auf das Feindbild des Rechtspopulismus verständigen konnten, über diesen aber nur wenig sagten. Dass es den sogenannten Populisten gelinge, "die Finger auf die richtigen Stellen zu legen", deutete Ulrike Guérot nur an. Statt auf diesen wichtigen Punkt weiter einzugehen, unterstrich sie aber, einen Populismus keinesfalls verteidigen zu wollen. Aus Angst, bereits für diese Andeutung diskreditiert zu werden, wiederholte sie ihre Beteuerung noch zweimal in aller Deutlichkeit für die anwesenden Medienvertreter. Da bekam man eine Ahnung davon, dass es vielleicht wirklich um unsere Debattenkultur nicht besonders gut bestellt ist, wenn selbst furchtlose Rednerinnen wie Guérot vorsichtig werden. Und das wiederum haben wir möglicherweise wirklich den Populisten zu verdanken.
Die treffende Ergänzung, dass nicht nur Populismus der europäischen Sache schade, hörten viele Zuhörer schon gar nicht mehr. Denn sie wurde erst ganz zum Schluss geäußert. Daniel Röder war es, der zu Recht darauf hinwies, dass die Zahl derer, die am kommenden 26. Mai überhaupt keine Wahlzettel ausfüllen werden, die Zahl der Populisten um ein Vielfaches übersteigt. Diese Bevölkerungsteile gelte es zu mobilisieren, wenn ein Wandel gelingen soll, sagte er, der für seine Bemühungen um "Pulse of Europe" mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden war. Denn eine apathische Mehrheit unterminiere ein demokratisches System mindestens genauso sehr wie die offene Demokratiefeindlichkeit einer Minderheit.
Einen Vorgeschmack darauf, wie schwer es werden könnte, neue Zielgruppen an politische Fragestellungen heranzuführen, lieferten die Römerberggespräche gleich selbst. Von den Rednern abgesehen, saßen kaum fünf Menschen im Saal, die unter vierzig Jahre alt waren.
OLIVER CAMENZIND

Von Oliver Camenzind aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. Mai 2019, Feuilleton, Seite 13. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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