Eine Sprache, die jeder versteht. "Café Europa" mit Rainer Forst und Daniel Cohn-Bendit

Es war ausverkauft. Das Interesse an Europa scheint in Frankfurt überwältigend groß zu sein. Denn das Publikum rannte Michael Hohmann die Bude ein. Genauer gesagt: das "Café Europa", wie eine neue, gemeinsam mit dem Institut Franco-Allemand de Sciences Historiques et Sociales organisierte Diskussionsreihe in der Romanfabrik heißt. Zum Auftakt sprachen der Philosoph Rainer Forst, Sprecher des Exzellenzclusters "Normative Ordnungen" an der Goethe-Universität, und der Ex-Europa-Politiker Daniel Cohn-Bendit über die europäische Aufklärung und ihre revolutionären Folgen. Einig waren sie darin, dass sie sich gesprächsweise im geistigen Vorhof Europas befanden. Doch dann musste Forst plötzlich die Aufklärung gegen Cohn-Bendit verteidigen, der sie für die Perversionen während der Französischen Revolution verantwortlich machte.
So spannend kann Dialektik sein. Mit einem Impulsvortrag über die Kernaussagen der Aufklärung stimmte der Philosoph das Publikum auf den "heißen Abend" ein. Zunächst definierte er die Aufklärung als "wirkmächtigste intellektuelle Epoche Europas", die in der Französischen Revolution kulminierte. Forst schlug vor, bei Kant nachzuschlagen, der aufgefordert habe, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Damit habe das Zeitalter der Kritik begonnen, aber nicht das aufgeklärte Zeitalter: "Aufklärung ist nie zu Ende." Die Religionskritik sei der Kern aufklärerischen Denkens, das schon im Mittelalter mit Abaelard begonnen habe. Auch Voltaires Vernunftreligion sei "der christlichen nicht ganz unähnlich gewesen", schmunzelte der Referent. Letztlich sei Aufklärung die Kritik von Machtkomplexen gesellschaftlichen Handelns.
Von Hobbes über Spinoza kam Forst auf Rousseau und dessen "Contrat social" zu sprechen, den Entwurf einer gesellschaftlichen Neugründung über den Gemeinwillen, der andere Menschen hervorbringen sollte. Die Revolution sei von den Zeitgenossen als Realisierung des Rousseauschen Entwurfs wahrgenommen worden. Kant habe sie als "Geschichtszeichen" eines geistreichen Volkes gewertet, das sich aus eigener Kraft gesellschaftlich entwickeln wollte: "So etwas vergisst sich nicht mehr." Dann brachte Forst dialektische Fragen auf. "Wer für die säkulare Vernunft eintritt, ist er auch für die Tolerierung des Kopftuches?" Wie verhält sich die öffentliche Vernunft zur digitalen Kommunikation? Wer hört noch den Ruf nach transnationaler Demokratie? Die französischen Revolutionäre hätten schließlich kein ethnisches, sondern ein Staatsvolk vor Augen gehabt.
So viel Glauben in die Menschheit war für Cohn-Bendit zu viel. Schließlich hat er etliche Jahre und damit auch Enttäuschungen mehr auf dem Buckel als sein Gesprächspartner. Der einstige deutsch-französische Revoluzzer hat sich wundgerieben an den Revolutionen jedweder Couleur - und an ihren geistigen Wegbereitern. "Die Aufklärung war eine Wunschvorstellung von Denkern, die sich befreien wollten von real existierenden Ketten." Erster Fehler: "Für Rousseau ist der Mensch grundsätzlich gut." Der Mensch sei aber weder gut noch schlecht, fuhr Cohn-Bendit fort. Und er sei während und nach der Revolution derselbe gewesen wie vorher mit allem Guten und Bösen in sich. Deshalb hält Cohn-Bendit "die Revolution für eine der größten Betrugswunschvorstellungen" der Geschichte. "Nicht Freiheit wollten die hungernden Menschen haben, sondern Brot."
Von Rousseau zu Che Guevara und Lenin war es für Cohn-Bendit da nur noch nur ein kleiner Schritt. Es sei trügerisch zu glauben, durch die Härten einer Revolution komme ein neuer Mensch heraus. Nicht ganz zufällig sei die Französische Revolution das Modell der Bolschewiken gewesen. Dahinter habe die Idee von der Unmündigkeit der Arbeiterklasse gestanden. "Ich verstehe die Wunschvorstellung der Aufklärung, aber was ist daraus geworden? Kann man mit diktatorischen Mitteln Menschen befreien? Nein!" Fast konnte er einem schon leid tun angesichts solcher Frustration. Nicht Rousseau, Augustinus sprach aus ihm. Und doch fragte er weiter: "Wie können sich Menschen von den Strukturen befreien, die sie unterdrücken? Von innen heraus müssen sie ihre Ketten brechen."
Damit kam er auch auf die unvermeidliche Kopftuchdebatte zu sprechen. "Befreien wir diese Frauen, oder ist es ein Prozess der eigenen Befreiung?" Forst, Vorkämpfer für Toleranz, berief sich auch hier auf die Kernüberzeugung der Aufklärung: "Der Prozess der Aufklärung muss ein autonomer sein." Auch glaube er nicht, dass der Mensch einen verderblichen Kern habe, sondern sei davon überzeugt, dass sich menschliches Verhalten grundsätzlich entwickeln könne. Und nicht zu vergessen: "Aufklärung ist keine europäische Erfindung, sondern eine Sprache, die jeder versteht."
CLAUDIA SCHÜLKE

Von Claudia Schülke. Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 05.06.2019, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 34. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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