"Ich möchte jungen Frauen Mut machen"

Im Gespräch: Die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln

Die Vereinigung der Volkswirte trifft sich in den kommenden Tagen in Leipzig und debattiert auch über Gleichberechtigung. Deren Vorsitzende erklärt, warum es so wenige Frauen an den Lehrstühlen gibt - und wie das zu ändern ist.
Frau Fuchs-Schündeln, der Frauenanteil in der Volkswirtschaftslehre ist sehr gering. Im Verein für Socialpolitik zum Beispiel, dem Sie seit diesem Jahr vorsitzen, sind weniger als 20 Prozent der Mitglieder weiblich. Woran liegt das?

Der geringe Frauenanteil in höheren Positionen ist ein generelles Problem in Deutschland und nicht nur eines der Wirtschaftswissenschaften oder der akademischen Welt. Im Top-Management zum Beispiel ist der Frauenanteil in Deutschland im internationalen Vergleich auch sehr gering. Mit Blick auf die Volkswirtschaftslehre gibt es allerdings nicht nur in Deutschland wenige Frauen, sondern weltweit. Für die Vereinigten Staaten und Großbritannien gibt es Daten, die zeigen, dass der Frauenanteil auf jeder nächsthöheren Karrierestufe abnimmt. Für Deutschland gibt es noch keine belastbaren Zahlen. Im Verein bereiten wir aber gerade eine solche statistische Erhebung vor, die dann über die Jahre weitergeführt werden soll. Darauf basierend wird sich dann feststellen lassen, ob wir Fortschritte machen und an welchen Karrierestufen die Frauen besonders verlorengehen.

Liegt der Frauenmangel an den Lehrstühlen nicht vielleicht auch einfach nur daran, dass sich wenige Frauen für ein VWL-Studium entscheiden?

Die Langzeitdaten aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien belegen, dass es sich nicht um ein reines Nachwuchsproblem handelt, das sich über die Zeit von selbst lösen wird. Es gibt sehr gute Forschung, die zeigt, dass Frauen während ihrer akademischen Karriere immer wieder impliziter, also nicht beabsichtigter Diskriminierung ausgesetzt sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Fehlen expliziter Diskriminierung noch nicht Gleichbehandlung bedeutet. Die Diskriminierung im Unterbewusstsein abzuschaffen, das ist der nächste Schritt.

Wie macht sich diese Diskriminierung bemerkbar?

Zum Beispiel in der Bewertung von Ko-Autorenschaften, wie sie bei uns in wissenschaftlichen Veröffentlichungen üblich sind. Da wird die Arbeit von Frauen weniger gewürdigt als die der Männer. Für Männer spielt es für die Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu bekommen, kaum eine Rolle, ob sie alleine oder mit anderen publiziert haben, während für Frauen ein Papier in Ko-Autorenschaft mit Männern diese Wahrscheinlichkeit nur wenig erhöht. Auch in den Evaluierungen von Lehrveranstaltungen gerade in mathematiklastigen Fächern schneiden Frauen systematisch schlechter ab als männliche Kollegen, obwohl ihre Studierenden in standardisierten Examina die gleichen Noten erzielen. Das sind alles kleine Effekte. Zusammengenommen können sie aber über den akademischen Lebenszyklus große Wirkung entfalten.

Gibt es diese frauenspezifischen Hindernisse nur in der wissenschaftlichen Karriere?

Die Studien zur impliziten Diskriminierung kommen oft aus der akademischen Welt, weil wir dafür gute öffentlich zugängliche Daten haben, aus der Privatwirtschaft hört man aber ähnliche Anekdoten. Zum einen hat die akademische Welt einige Vorteile für Frauen: Wir Forscher und Forscherinnen arbeiten weitestgehend selbstbestimmt und haben große Flexibilität, wann und wo wir arbeiten. Das macht es Eltern einfacher als in der Privatwirtschaft. Allerdings erfordert eine akademische Karriere oft Mobilität genau zu dem Zeitpunkt, in dem die Frage der Familiengründung ansteht. Hier hilft hoffentlich die Umstellung auf ein System, das eine Karriere an der eigenen Universität ohne ständigen Ortswechsel ermöglicht.

Wenn man über Sie oder andere Wirtschaftsprofessorinnen in der Presse liest, erfährt man oft die Anzahl Ihrer Kinder. Im Gegensatz zu Ihren männlichen Kollegen. Wie erklären Sie sich das?

Das spiegelt wider, dass es immer noch Erstaunen hervorruft, wenn eine Mutter in Deutschland Karriere macht. Wenn ich jungen Frauen damit Mut machen kann, diesen Weg einzuschlagen, bin ich gerne bereit, meine Kinder zu erwähnen. Wenn die wissenschaftlichen Aussagen dann allerdings in den Hintergrund rücken und bereits im Titel oder in einem Großteil des Artikels über diesen Privataspekt berichtet wird, bekommt die Wissenschaftlerin weniger Raum, um ihre Forschung bekanntzumachen. Dann werden Wissenschaftlerinnen wieder systematisch anders behandelt als die Männer in diesem Beruf.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in Deutschland also ändern?

Wichtig wäre eine gesamtgesellschaftliche Änderung. Väter müssen zu gleichberechtigten Partnern in der Erziehung der Kinder werden. Frauenkarrieren müssen in der Familie den gleichen Stellenwert haben wie Männerkarrieren. Wir sind in Deutschland weit davon entfernt. Ich möchte aber den jungen Frauen Mut machen: Probieren Sie es aus! Wir sind in der Volkswirtschaftslehre in der glücklichen Position, dass ein Verlassen der akademischen Welt selbst in einem fortgeschrittenen Stadium nicht das Ende der beruflichen Erfüllung oder Karriere bedeuten muss.

Sind die Frauen nicht auch selbst dafür verantwortlich, dass sie es seltener nach oben schaffen?

Es gibt schon viele Mentoring-Programme, die konkret bei den Frauen ansetzen. Was dagegen fehlt, sind systematische Bemühungen, die Hürden für Frauen zu beseitigen.

Leidet die Volkswirtschaftslehre darunter, dass es unter den Spitzenforschern in der Disziplin nur wenige Frauen gibt?

Glaubt man an die Gleichverteilung der Talente unter den Geschlechtern, dann ist das so. Denn dann geht dadurch, dass Frauen in der Forschung unterrepräsentiert sind, zunächst einmal viel wissenschaftliches Potential verloren. Spitzenforschung gelingt außerdem nur, wenn der Forscher oder die Forscherin wirklich für die Frage brennt. Mehr Vielfalt in der Spitzenforschung könnte zu mehr Vielfalt in den Fragestellungen führen.

Wie stehen Sie zu einer Frauenquote?

Eine Frauenquote könnte helfen, die implizite Diskriminierung schneller zu überwinden. Diese entsteht ja nicht aus bösem Willen, sondern weil unser Gehirn mit Mustern arbeitet. Ein größerer Frauenanteil in gehobenen Positionen würde die Muster schneller verändern. Allerdings ist eine Quote gewiss nicht immer nützlich, kann sogar schaden. An den Universitäten werden zum Beispiel vermehrt Frauenquoten in Kommissionen implementiert: Die wenigen Frauen reiben sich dadurch in manchmal bedeutungsloser Kommissionsarbeit auf, während die Männer an der eigenen Forschung arbeiten.

Was tun Sie als größte Ökonomenvereinigung des Landes konkret für die Frauen?

Die Frauenförderung ist uns ein sehr wichtiges Anliegen. Wir erstellen gerade eine Liste von Frauen in den verschiedenen Feldern der Volkswirtschaftslehre. Damit wollen wir es Berufungskommissionen, Konferenz- und Podiumsveranstaltern oder anderen erleichtern, geeignete Kandidatinnen zu identifizieren. Auf der diesjährigen Vereinstagung werden wir außerdem einige der Studien zur impliziten Diskriminierung vorstellen und über die Frage diskutieren, wie sich der Frauenanteil in der Volkswirtschaftslehre erhöhen lässt. Und unter den Panels der Jahrestagung wird man keines mehr ohne Frauenbeteiligung finden.

Das Gespräch führte Maja Brankovic.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.09.2019, Wirtschaft, Seite 20. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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