"Kein Grundrecht gilt grenzenlos"

Was zählt bei der Bekämpfung der Pandemie mehr: Der Lebensschutz oder die Freiheit? Seit Tagen hält diese Debatte die Öffentlichkeit in Atem. Aber lassen sich Grundrechte überhaupt derart gegeneinander abwägen? Ein Gedankenaustausch zwischen dem Philosophen Jürgen Habermas und dem Rechtstheoretiker Klaus Günther.

Von Jürgen Habermas und Klaus Günther

Der Druck, die strengen Regeln bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie zu lockern, nimmt zu. Doch die Politik der Bundesregierung stößt nicht nur auf den Widerspruch von Ökonomen und wirtschaftlichen Interessengruppen; der Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet, und der FDP-Vorsitzende Christian Lindner können sich auch auf prominente Juristen und andere Experten stützen, wenn sie auf die erheblichen sozialen, physischen, seelischen und kulturellen Schäden als Nebenfolgen der Quarantänepolitik hinweisen und gegen eine "Verabsolutierung des Lebensschutzes" die Freiheits- und Partizipationsrechte der Bürger zur Geltung bringen. Schon der Deutsche Ethikrat hatte festgestellt: "Der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut"; ein "allgemeines Lebensrisiko" sei "von jedem zu akzeptieren". Der Präsident des Deutschen Bundestags, Wolfgang Schäuble (CDU), hat diesen Konflikt mit der Bemerkung zugespitzt: Wenn "ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen." Doch wie lässt sich das Verhältnis zwischen unantastbarer Menschenwürde und dem Schutz von Leben und körperlicher Unversehrtheit bestimmen? Über diese Fragen haben sich der Philosoph Jürgen Habermas und der mit ihm als Diskussionspartner seit Jahren verbundene Klaus Günther ausgetauscht, Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Jürgen Habermas:
Politische Äußerungen sind keine juristischen Kommentare. Aber im gegebenen Kontext beunruhigt mich, wie nun auch Juristen in den Chor derer einstimmen, die den im zweiten Satz des zweiten Artikels unseres Grundgesetzes gewährleisteten "Lebensschutz" gegenüber der in Artikel 1 genannten, gewissermaßen über allen Grundrechten thronenden "Menschenwürde" relativieren und zur "Abwägung" mit allen übrigen Freiheits- und Teilnahmerechten gewissermaßen freigeben. Das kann zu Entgleisungen wie der des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer ermutigen. Demgegenüber appelliert Wolfgang Schäuble bei seiner Unterordnung des Lebensschutzes unter die Menschenwürde an eine zunächst einleuchtende moralische Intuition: Zu einem menschlichen Leben gehört mehr als das "bloße" Leben, das wir Tieren zuschreiben – Aristoteles hat es das "gute" Leben genannt.

Heute ist es ein selbstbestimmtes und selbst zu verantwortendes, eben das "würdige" Leben. Es kann entwürdigende Situationen geben, etwa Umstände einer unheilbaren Krankheit, des überwältigenden Elends oder der erniedrigenden Unfreiheit, unter denen eine Person wünscht, lieber tot zu sein, als ein solches Leben führen zu müssen. Aber abgesehen von tragisch ausweglosen Situationen kann eine Entscheidung dieser Art nur in erster Person, also vom Beteiligten selbst getroffen werden. Kein anderer, erst recht keine an Grundrechte gebundene Staatsgewalt darf Bürgern eine solche Entscheidung abnehmen. Ist der Staat berechtigt, das Überleben einiger Bürger oder auch nur eines Einzigen gegen das Wohlergehen, sagen wir: das mehr oder weniger gute Leben großer gesellschaftlicher Gruppen abzuwägen?

Was täte eine Regierung anderes, wenn sie unter den gegenwärtigen Umständen eine Politik verfolgen würde, die angesichts eines wissenschaftlich, aber fallibel vorhersehbaren Risikos der Überlastung von Intensivstationen eine wahrscheinliche, obwohl vermeidbare Erhöhung der Todesraten unter den infizierten Kranken in Kauf nähme? Würde sie damit den betroffenen Personen nicht doch mehr als ein "allgemeines Lebensrisiko" zumuten – und sei es auch mit dem legitimen Ziel, die wirklich schwer erträglichen Freiheitseinschränkungen und vielleicht sogar langfristig unumkehrbaren Schäden von Kindern, Schülern und Eltern, von Industrie und Handel, von Gaststätteninhabern und protestbereiten Bürgern abzuwenden? Was kann in dieser Lage die geforderte "Abwägung" des Lebensschutzes gegen schwerwiegende Eingriffe in andere Grundrechte heißen?

Klaus Günther:
Die Notwendigkeit, Grundrechte abzuwägen, ergibt sich aus dem Umstand, dass es mehr als ein Grundrecht gibt und kein Grundrecht grenzenlos gilt. Sie können miteinander kollidieren. Daher dürfen auch die meisten Grundrechte (wie Leben und Freiheit) ausdrücklich durch Gesetze eingeschränkt werden, nicht nur, um vorhersehbare Kollisionen zu verhindern, sondern auch, um andere verfassungsrechtlich legitimierte Ziele zu erreichen.

Der eigentlichen Abwägung zwischen zwei oder mehreren Rechten wie Leben und Gesundheit gegen Freiheit vorgeschaltet ist aber die Überprüfung der Verhältnismäßigkeit des Eingriffs. Neben der verfassungsrechtlichen Legitimität des damit verfolgten Zwecks – hier Lebens- und Gesundheitsschutz – müssen seine Gebotenheit für die Erreichung dieses Zwecks und seine Erforderlichkeit angesichts von Alternativen überprüft werden, die weniger intensiv in das Grundrecht – zum Beispiel die Versammlungsfreiheit – eingreifen, ohne das Ziel des Infektionsschutzes zu gefährden.

Bei diesen drei Schritten hat der Staat – der Gesetzgeber, die Gesundheitsverwaltung – eine Einschätzungsprärogative. Der Kerngedanke des Verhältnismäßigkeitsprinzips ist, dass der Staat nicht willkürlich und nicht mehr als unbedingt nötig Grundrechte einschränken darf, um ihren jeweiligen Wesensgehalt zu wahren. Erst auf der vierten und letzten Stufe geht es dann um die ausschließlich rechtliche Abwägung, die freilich vorstrukturiert sein kann durch einen Vorrang des Rechts auf Leben oder den Würdeschutz.

Die aktuelle Krise macht eine solche Verhältnismäßigkeitsprüfung zumindest auf der Ebene der allgemein geltenden Rechtsverordnungen jedoch aus mindestens zwei Gründen schwierig: Ohnehin geht es ja nicht um Lebensschutz im umfassenden Sinne, sondern um das sogenannte Flachhalten der Kurve und die Senkung der Reproduktionsrate unter eins. Damit soll sichergestellt werden, dass das Gesundheitssystem mit seinen vorhandenen Mitteln adäquat reagieren kann und nicht mit tragischen Entscheidungssituationen konfrontiert wird, was gewiss ein verfassungsrechtlich legitimes Ziel ist.

"Behält das Recht auf Leben immer Vorrang?"

Die Antwort auf die Frage, ob die aktuellen Freiheitsbeschränkungen aber auch geeignet und erforderlich sind, dieses Ziel zu erreichen, ist angesichts der Vielzahl zu berücksichtigender Faktoren von erheblichen Prognoseunsicherheiten belastet und kann sich nicht oder nur zum Teil auf Erfahrungs- und Vergleichswissen stützen.

Damit bin ich beim zweiten Grund für die Schwierigkeiten mit dem Verhältnismäßigkeitsprinzip: Das Recht auf Leben in Artikel 2 Absatz 2 GG war ursprünglich vor allem ein Abwehrrecht gegen einen Staat, der häufig mit Zwang und Gewalt willkürlich in das Leben seiner Untertanen eingegriffen hat. Infolge von Krankheiten sterben zu müssen gehörte in früheren Zeiten dagegen zum allgemeinen Lebensrisiko, das sich nur selten vermeiden oder reduzieren ließ. Erst seitdem wir über ein hochkomplexes und aufwendiges medizinisches Versorgungssystem verfügen, stellt sich überhaupt die Frage, was und wie viel Staat und Gesellschaft tun können und müssen, um vorhersehbar lebensgefährliche Krankheitsverläufe zu verhindern oder abzumildern.

Innerhalb des Rechts auf Leben tritt damit eine zweite Bedeutungskomponente hervor – die Verpflichtung des Staates, Leben und Gesundheit zu schützen, und zwar nicht nur, wie schon immer, vor rechtswidrigen Angriffen Dritter, sondern auch durch die Bereitstellung adäquater medizinischer Versorgung. Das steht jedoch unter dem Vorbehalt des Möglichen; keine Gesellschaft kann alle ihre Ressourcen in das Gesundheitssystem stecken. Je nachdem aber, wie gut eine Gesellschaft ihr Gesundheitssystem ausstattet und funktionsfähig hält, verschiebt sie die Grenze zwischen unvermeidbaren und vermeidbaren tödlichen Folgen der "allgemeinen Lebensrisiken". Hier scheint mir der Kern des Abwägungsstreits zu liegen: Es herrscht Uneinigkeit darüber, wo die Grenze zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren tödlichen Krankheitsverläufen angesichts des hohen und in seinen Folgen nicht absehbaren Aufwands an Freiheitsverzichten gezogen werden soll – zwischen Minimum und Maximum.

Jürgen Habermas:
Ihre Beschreibung der unübersichtlichen Folgen der rigorosen Eindämmungspolitik leuchtet mir ein. Wir müssen den Spielraum für rechtlich unbedenkliche Lockerungen erst ausloten. Aber Ihre Beschreibung berührt den kontroversen Punkt erst, wenn Sie im Vorbeigehen sagen, dass die Abwägung "vorstrukturiert" sein kann durch einen Vorrang des Rechts auf Leben: Soll das heißen, dass es "immer" Vorrang behält? Worauf könnte sich dieser Vorrang stützen, wenn das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gegen alle übrigen Grundrechte abgewogen werden kann?

Schon Ronald Dworkin hat uns vor der Metapher der Waagschale gewarnt. Rechte beziehen sich nicht auf "Güter", die man nach Gewicht abwiegen könnte. Rechte sind auch keine "Werte", die man nach politisch-kulturell geteilten Vorlieben in eine transitive Ordnung bringen könnte. Die Entscheidung, ob ein Recht auf einen Fall zutrifft, erlaubt nur entweder ein "Ja" oder ein "Nein". Im Laufe des richterlichen Abwägungsprozesses können Grundrechte miteinander konkurrieren. Aber im Ergebnis behält eines die Oberhand, das heißt, es sticht alle anderen aus, auch wenn es erforderlichenfalls im Hinblick auf die Beeinträchtigung der anderen, "zurücktretenden" Grundrechte eingeschränkt werden muss.

Ihrer beiläufigen Bemerkung entnehme ich nun, dass ein "Zurücktreten" nicht in gleicher Weise auf den Lebensschutz wie auf alle übrigen Grundrechte zutrifft. Dieser zieht jedenfalls der Abwägung eine strikte Grenze, sobald eine Regierung den Versuch machen sollte, für die Berücksichtigung konkurrierender grundrechtlicher Ansprüche das voraussehbare Risiko des Todes von ein paar mehr oder weniger Alten, die ihr Leben ja ohnehin gelebt haben, in Kauf zu nehmen. Hat der Kerngehalt des Lebensschutzes vielleicht aufgrund des individualistischen Charakters unserer Rechtsordnung einen Sperrklinkeneffekt, den andere Grundrechte nicht haben?

Klaus Günther:
In der Tat suggeriert die Praxis des Abwägens mit der Verhältnismäßigkeitskontrolle, dass sich mit Ausnahme der in Artikel 1 GG genannten Menschenwürde alle Grundrechte wechselseitig relativeren ließen und dass mal diesem, mal jenem mehr Gewicht als den jeweils anderen eingeräumt werden dürfe. Die Abwägungsrhetorik enthebt den Rechtsanwender der Mühe, das zu tun, was Dworkin von einer guten Richterin fordert: jedes Recht als Teil einer umfassenden politisch-moralischen Theorie der gesamten Verfassungsordnung zu deuten. Dass es keine Rangordnung unter den Grundrechten gebe, ist insofern zutreffend, als kaum ein konkreter Kollisionsfall ohne Einschränkungen des einen Rechts zugunsten des anderen und umgekehrt lösbar ist. Deshalb auch der Gesetzesvorbehalt, der Einschränkungen unter Beachtung des Verhältnismäßigkeitsprinzips erlaubt und gemäß Artikel 1 Absatz 2 Satz 3 GG ausdrücklich auch für das Grundrecht auf Leben gilt.

Aber einschlägige Fälle sind rar. Vor dem Inkrafttreten des Grundgesetzes war es die Todesstrafe, später die allgemeine Wehrpflicht. Ein anderer Fall ist der nicht ganz unumstrittene sogenannte finale Rettungsschuss, mit dem es der Polizei erlaubt ist, unter engen Voraussetzungen einen Geiselnehmer zu töten. Aber hier steht das eine Lebensrecht gegen das andere, während wir es aktuell ja mit dem Verhältnis zwischen Leben, Freiheit und weiteren wichtigen Grundrechten zu tun haben.

Diejenigen, die jetzt im Namen der Freiheitsgrundrechte für noch weiter gehende Lockerungen plädieren und sich dafür auf die Relativierbarkeit des Grundrechts auf Leben berufen, glauben dies vermutlich deswegen tun zu dürfen, weil die oben genannte Grenze zwischen noch vermeidbaren und nicht mehr vermeidbaren tödlichen Krankheitsverläufen so schwer zu ziehen ist. Aber sie müssten dann nicht nur sagen, wie hoch die Zahl der vorhersehbaren Todesfälle denn ansteigen dürfe, ohne das Recht auf Leben ad absurdum zu führen, sondern sie müssten eben auch dem ersten Patienten, der infolge der Lockerungen nicht mehr beatmet werden kann, erklären, dass er um der Freiheit anderer willen zu sterben habe.

"Die Abwehrfunktion gegen einen willkürlich handelnden Staat"

Vor allem wird dabei übersehen, dass es das Bundesverfassungsgericht ist, das in seiner Rechtsprechung dem Recht auf Leben einen hohen Rang beimisst. In seiner ersten Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch von 1975, die einem Argument des späteren Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde folgt, leitet es aus dem Grundrecht auf Leben für den Staat das Gebot ab, sich "schützend und fördernd" vor das Leben zu stellen, und weist ihm "innerhalb der grundgesetzlichen Ordnung einen Höchstwert" zu, nicht zuletzt mit Bezug auf die deutsche Vergangenheit. Dabei stellt es auch einen Zusammenhang mit Artikel 1 her, der jedoch nicht näher erläutert wird: Das Recht auf Leben sei "die vitale Basis der Menschenwürde und die Voraussetzung aller anderen Grundrechte" – also auch des Rechts auf Freiheit.

Jürgen Habermas:
Bei diesem Urteil sind natürlich ganz andere Fragen im Spiel. Aber die beiden Formulierungen, die Sie zitieren, sind doch aufschlussreich. Die Rede von "einem" statt von "dem" Höchstwert zeigt die Unangemessenheit der Sprache von Werten: in einer Rangordnung kann es immer nur einen einzigen obersten Wert geben. Andererseits soll mit der Formulierung wohl angedeutet werden, dass – anders als Schäuble und der Ethikrat meinen – "Leben" einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie "Menschenwürde". Nehmen wir einmal an, wir hätten die von Ihnen beschriebene Grauzone verlassen und wüssten ziemlich unstrittig, was zum gegebenen Zeitpunkt an Einschränkungen von Grundrechten in Kauf genommen werden müsste, um eine vermeidbare Steigerung der epidemisch verursachten Todesraten voraussichtlich ausschließen zu können. Bezeichnet dieses Kriterium (sagen wir: die "flache Kurve") dann eine notwendige Bedingung für die Wahl gerechtfertigter Exit-Strategien?

In diese Richtung zielt das Bundesverfassungsgericht, wenn es in dem erwähnten Urteil den Lebensschutz als "Voraussetzung aller anderen Grundrechte" bezeichnet. Dann wären aber die beiden ersten Artikel des Grundgesetzes nicht schon als Verkündigung bestimmter Rechte zu verstehen, sondern als begriffliche Erklärung der Konzeption der Menschenrechte. Das gilt ja für Absatz 2 des ersten Artikels ohnehin. Und im ersten Satz wird die Unantastbarkeit der Menschenwürde auch nicht direkt als Recht, sondern als Schutzverpflichtung des Staates eingeführt. Beides lässt sich als eine Explikation der Bedeutung von Menschenrechten überhaupt verstehen: Diese sollen eine Würde des Menschen schützen, die von dem vormodernen Sinn einer statusabhängigen "Würde" nur die intersubjektive Bedeutung zurückbehält, dass die Selbstbestimmung des Individuums zugleich die Verantwortung für das rechtlich relevante eigene Handeln gegenüber allen anderen Bürgern verlangt und ihrerseits reziprok auf die Anerkennung vonseiten aller anderen angewiesen ist.

Dann fehlt freilich noch die Erklärung, auf wen sich die Rechte, die sodann die Menschenwürde näher bestimmen, überhaupt beziehen. Steht das nicht auch in Artikel 2, wenn wir dessen Aussagen nicht nur im Sinne von Persönlichkeitsrechten verstehen? Der Absatz 2 dieses Artikels erklärt, wie die schutzbedürftigen "Menschen" als individuelle Träger solcher Rechte zu verstehen sind: Die Würde verkörpert sich in sterblichen Subjekten aus Fleisch und Blut, die sich intentional bewegen und handeln können. Die unbedingte Schutzverpflichtung des Staates bezieht sich dann aus begrifflichen Gründen nicht nur auf die Würde der Rechtsperson, sondern ebenso auf Leben und körperliche Unversehrtheit sowie auf die Bewegungs- und Handlungsfreiheit dieser Person selbst. Nach dieser Lesart geht der in Artikel 2 Absatz 2 erklärte Lebensschutz wegen seiner begrifflichen Verschränkung mit der Menschenwürde nicht in einem gesetzlich einschränkbaren Persönlichkeitsrecht auf.

Klaus Günther:
Das halte ich für eine präzisere Rekonstruktion der Intuition des Bundesverfassungsgerichts. Und ja, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass einige von denen, die jetzt das Recht auf Leben gegenüber der Menschenwürde relativieren wollen, in einem politischen Lager stehen, das damals die Verwerfung der Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch begrüßte.

Allerdings möchte ich einen Aspekt Ihres Arguments noch deutlicher herausstellen: Wenn Artikel 2 (mit Artikel 1) auch den Sinn von Menschenrechten und von Personen, die Träger von Menschenrechten sind, erklärt, so würde ich dieses "auch" noch ausführlicher erläutern. Nach dieser Lesart käme Artikel 2 eine doppelte Bedeutung zu – neben dem Sinn einer Erklärung des Schutzpflichtgehalts von Leben, körperlicher Unversehrtheit und Freiheit enthält er gleichzeitig, wie es der Wortlaut nahelegt, auch schon subjektive Rechte. Nur dann kann ihr Träger sie auch durch Erhebung einer Klage vor Gericht gegen Eingriffe (vor allem vonseiten des Staates) geltend machen. Denn die oben genannte Abwehrfunktion gegen einen willkürlich handelnden Staat muss natürlich gewahrt bleiben.

Ihr Schutzpflichtgehalt tritt ja auch historisch erst in dem Maße hervor, wie in modernen Risiko-Gesellschaften das Leben des Einzelnen zwar zunehmend autonom geführt wird, aber gleichzeitig von vernetzten sozialen Funktionssystemen abhängig und damit auch in höherem Maße verletzlich wird. Dafür sind die Pandemie und die Abhängigkeit von einem funktionierenden Gesundheitssystem ein Beispiel. Die Abwehrfunktion jener Trias subjektiver Rechte muss auch deswegen betont werden, weil damit eine paternalistische Ausgestaltung des Schutzpflichtgehalts gegen die Selbstbestimmung ihrer Träger ausgeschlossen werden kann, wie zum Beispiel bei einem vom Patienten gewollten medizinischen Behandlungsabbruch. Schließlich bekäme die in Artikel 2 Absatz 2 Satz 3 enthaltene Eingriffsbefugnis des Gesetzgebers in diese Rechte den Sinn, dass es letztlich die Träger der Menschenrechte selbst sind, die in der Rolle von staatsbürgerlichen Mitgesetzgebern nicht nur die Menschenrechte als ihre Grundrechte, sondern auch die bei Kollisionen unvermeidlichen gesetzlichen Eingriffe in dem von Ihnen rekonstruierten Erklärungs-Sinn ausgestalten müssen.

Jürgen Habermas:
Ja, ganz einverstanden. Menschenrechte können erst auf dem Wege demokratischer Willensbildung als Grundrechte positive Geltung erhalten. Wenn aber demokratische Bürger nur den allgemeinen Gesetzen gehorchen, die sie sich selber, und zwar alle gemeinsam, gegeben haben, können sie auch keiner Politik zustimmen, die entgegen ihrer Gleichberechtigung das Leben einiger um der Interessen aller anderen willen aufs Spiel setzt.

Von Klaus Günther und Jürgen Habermas aus Die Zeit Nr. 20/2020, 7. Mai 2020. © Alle Rechte vorbehalten. Zur Verfügung gestellt vom Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co KG, Hamburg


Aktuelles

„Normative Ordnungen“, herausgegeben von Rainer Forst und Klaus Günther, ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Am 17. April 2021 ist der Sammelband „Normative Ordnungen“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Herausgegeben von den Clustersprechern Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, bietet das Werk einen weit gefassten interdispziplinären Überblick über die Ergebnisse eines erfolgreichen wissenschaftlichen Projekts. Mehr...

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

Nächste Termine

19. September 2022, 13.00 Uhr

Book lɔ:ntʃ: Friedensfähig in Kriegszeiten - Friedensgutachten 2022. Mit Prof. Dr. Christopher Daase (Professor für Internationale Organisationen, Forschungsverbund "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)). Mehr...

18. Oktober 2022, 18.30 Uhr

Buchvorstelllung und Podiumsdiskussion: Widersprüchliche Weltmacht China – Was bedeutet der Aufstieg der Volksrepublik für die internationale Ordnung und für Europa? Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Antonio de Campos – Konzepte für Zaha Hadid. Zwischen Geniekult und geistigem Eigentum

Mit: Friederike von Brühl (Anwältin für Immaterialgüterrecht, Urheber- und Medienrecht), Antonio de Campos (Künstler, Architekt und Filmemacher), Vinzenz Hediger (Professor für Filmwissenschaft, Forschungsinitiative "ConTrust", Normative Orders) und Niklas Maak (Journalist und Architekturkritiker)
Moderation: Rebecca Caroline Schmidt (Normative Orders)
Podiumsgespräch im Rahmen der Ausstellung "Antonio de Campos – Konzepte für Zaha Hadid"

The Social Circumstances of Epistemic Trust

Prof. Dr. Lisa Herzog (Centre for Philosophy, Politics and Economics der Universität Groningen)
ConTrust Speaker Series

Videoarchiv

Weitere Videoaufzeichnungen finden Sie hier...

Neueste Volltexte

Rainer Forst (2021):

Solidarity: concept, conceptions, and contexts. Normative Orders Working Paper 02/2021. Mehr...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. Mehr...