Das Selbstbild des Westens. Ist denn der Westen für alle Übel dieser Welt verantwortlich?

Politischer Narzissmus: Susanne Schröter geht mit einem verbreiteten Selbstbild des Westens ins Gericht
Narzissmus und Selbsthass: Ob Arabischer Frühling oder Afghanistan, immer wieder scheitert der demokratische Aufbruch an lokalen Traditionen. Die Ethnologin Susanne Schröter plädiert für einen realpolitischen Kurswechsel.

Von Thomas Thiel

Seit dem Rückzug aus Afghanistan und dem Ukrainekrieg hat sich zur Gewissheit verdichtet, dass die westliche Politik seit dem Fall der Mauer auf falschen Annahmen fußte. Der Glaube an die Exportierbarkeit der Demokratie vernachlässigte den Eigensinn von Kulturen und Traditionen, in denen die individuelle Freiheit kein großes Ansehen genießt und sich keine Zivilgesellschaft herausgebildet hat, auf denen eine Demokratie aufbauen könnte. Vom Arabischen Frühling über Afghanistan bis Mali zeigte sich immer dasselbe Bild: der demokratische Aufbruch zerschellte an lokalen Traditionen, seien es die staatsfernen Stammesgesellschaften in Afghanistan oder der weithin akzeptierte politische Nepotismus in Mali. Militärische Interventionen wie im Irak hinterließen ein Scherbenfeld und einen Nährboden für autokratische Regime und den Dschihadismus.
Für die Ethnologin und Islamforscherin Susanne Schröter ist das politische Scheitern eine Folge von Hybris und Selbsthass. Man stellte sich andere Länder und Regionen nach dem eigenen Bild als gelehrige Schüler vor, die im Prinzip die gleichen Werte teilen und durch Dialog und Handel dazu gebracht werden könnten, sie endlich politisch zu verwirklichen. Zugleich desavouierte man diese Werte im Inneren durch eine Identitätspolitik, die in grandioser Einseitigkeit und auf dünnster empirischer Grundlage ein Zerrbild des Westens zeichnet, der für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht wird.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass nun ausgerechnet eine Partei die realpolitische Wende herbeiführen muss, die tief in diesen Irrweg verstrickt ist. In ihrer konzisen Rekapitulation des Ukrainekriegs zeichnet Schröter ein verheerendes Bild insbesondere von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sich mit dem russischen Präsidenten noch solidarisierte, als dessen zerstörerische Ambitionen offensichtlich waren. Den russischen Präsidenten Putin stellte man unter Welpenschutz und gab ihm sehenden Auges die energiepolitische Waffe an die Hand, mit der er Europa heute in die Abhängigkeit anderer Autokratien treibt. Schröter verschweigt den breiten parteipolitischen und intellektuellen Flankenschutz nicht, auf den Steinmeier sich dabei verlassen konnte.

Die Verklärung des Fremden in der Identitätspolitik

An die ausgerufene Zeitenwende glaubt sie nicht. Im Gegenteil: Im Inneren nähre man weiter die Übel, die man außenpolitisch bekämpft. Der Clou von Schröters weitem Bogenschlag besteht in der Konsequenz, mit der sie geopolitische Ereignisse mit intellektuellen Strömungen und ihren innenpolitischen Reflexen ins Verhältnis setzt und daraus die Widersprüche hervortreibt, die für das Scheitern verantwortlich sind. Der überwölbende Widerspruch liegt für sie darin, dass sich der Westen an Gerechtigkeitsmaßstäben misst, die er anderen erspart. Dass er diesen Maßstäben oft nicht gerecht wird und Interessenspolitik moralisch verkleidet, wird von Schröter nicht übergangen. Trotzdem sei das Bild schief: Wer westlichen Imperialismus anklagt, dürfe über russischen oder chinesischen Imperialismus nicht schweigen. Wer mit dem transatlantischen Sklavenhandel ins Gericht geht, müsse ihn zum innerafrikanischen Sklavenhandel und jenem in muslimisch geprägten Ländern ins Verhältnis setzen, die ihm an Brutalität und Volumen nicht nachstehen.
Die Realitätsverkennung hat nach Schröter einen langen Vorlauf in der Geschichte einer Linken, die aus ideologischer Bequemlichkeit über Millionen Tote in der Sowjetunion, China, Kambodscha oder Vietnam schweigend hinwegging oder die Gewalttäter noch verherrlichte. Dazu gesellt sich bis heute ein maßloser Antiamerikanismus, der, wie Schröter herausstellt, teils berechtigte Motive hat, dessen Vertreter sich im Ernstfall jedoch bequem unter den amerikanischen Schutzschild zurückziehen. Das Leitmotiv ist auch hier ein intellektueller Narzissmus: Befreiungsbewegungen in anderen Kulturen werden pauschal die eigenen revolutionären Motive unterstellt, wovon man oft auch dann nicht ablässt, wenn dies, wie in der iranischen Revolution, enttäuscht wird.
Ihre neue Gestalt hat die Verklärung des Fremden in der Identitätspolitik, die alle Kulturen bis auf den Westen gegen Kritik zementiert und zugleich den Vorwand liefert, sich nicht mit ihnen zu beschäftigen. Den Universitäten, insbesondere den Geistes- und Sozialwissenschaften, schreibt Schröter eine große Schuld für diese politisch folgenreiche Blickverzerrung zu. Ihr intellektueller Sündenfall bestehe darin, der Behauptung, westliche Staaten seien breitflächig von einem unentrinnbaren Rassismus durchzogen, der keines empirischen Nachweises mehr bedürfe, etwa in Form der kritischen Rassentheorie wissenschaftliche Weihen zu verleihen und Kritik zu tabuisieren.

Verzicht auf Interventionismus

Den Keim für diese subjektivistische Wissenschaft legte für Schröter die Frauenforschung, die ihre Akteure auf Parteilichkeit und unkritisierbare Authentizität einschwor. Die Gendertheorie beerbte sie mit dem Schulterschluss mit der Identitätspolitik, was in der Praxis dazu führt, dass über Gewalt gegen Frauen in patriarchalen Staaten und Subkulturen regelmäßig geschwiegen wird, ja kritische Stimmen aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden. Zu wissenschaftlicher Methodik und dem linken Universalismus steht der identitätspolitische Partikularismus eigentlich in krassem Gegensatz. Trotzdem wird er von Politikern, Kirchen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen bereitwillig fortgetragen. Lieber werden breite Teile der Bevölkerung mittels eines inflationären Rassismusvorwurfes unter Verdacht gestellt, als sich den Konflikten der Integrationspolitik zu stellen. Schröter schreibt, dass der Kampf gegen Kränkungen und Mikroaggressionen nicht Sache der Politik ist, die sich sonst in totalitäres Fahrwasser begibt.
Wer ihre unnachgiebige und scharfsichtige Analyse gelesen hat, wird sich über politische Fehleinschätzungen der Vergangenheit nicht wundern. Die geforderte Zeitenwende kann sich demnach nicht auf energiepolitische und militärische Maßnahmen beschränken. Es bedarf einer grundlegenden Korrektur des Selbstbildes, für die es noch wenig Anzeichen gibt. Was sich als Verständnis für fremde Kulturen ausgab, war oft nur ein Vorwand dafür, kurzfristige ökonomische Interessen zu legitimieren, oder der Wunsch nach Selbstbestätigung im anderen.
Schröter zieht daraus eine realpolitische Lektion: Verzicht auf Interventionismus und den Glauben, man könne eine Staatsform, die auf Freiwilligkeit beruht, militärisch oktroyieren. Der Preis ist die Entsolidarisierung mit Menschen, die dort für Freiheit kämpfen. Freilich war ihnen mit einer Interventionspolitik, die auf idealisierten Annahmen beruhte, siehe Afghanistan, nicht geholfen. Das Buch schließt mit einem Appell, errungene Freiheiten nicht einem kleinmütigen Selbsthass zu opfern. Woher die Bereitschaft zur Selbstdemontage kommt, wäre wohl nur durch eine nähere Analyse des westlichen Individualismus zu erfahren, für die das Buch den Ansatzpunkt liefert.
Susanne Schröter: "Global gescheitert?" Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass. Herder Verlag, Freiburg 2022. 240 S., br., 20,- Euro.

Von Thomas Thiel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25. Oktober 2022. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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