Wohin steuert die Volkswirtschaftslehre?

Workshop und öffentliche Podiumsdiskussion an der Goethe-Universität beleuchten am 18. und 19. Februar die Ausrichtung des universitären Fachs

Pressemitteilung

12. Februar 2010

FRANKFURT. Wird die Volkswirtschaftslehre ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht oder vernachlässigt sie den Beitrag, den sie zur Lösung wirtschaftspolitischer Probleme leisten sollte? Auch diese Frage steht im Zentrum eines Workshops mit anschließender Podiumsdiskussion zum Thema „Normen in der Volkswirtschaftslehre – Normen des volkswirtschaftlichen Curriculums“ am 18. und 19. Februar im IG-Hochhaus auf dem Campus Westend der Goethe-Universität. Die Vorträge des Workshops (18.2. ab 14.00 Uhr, 19.2. ab 9.00 Uhr, Raum 1.314 „Eisenhower-Saal“) stehen Vertretern der Medien offen. Um Anmeldung wird gebeten. Bei der Podiumsdiskussion (19.2., 16.30 bis 18.00 Uhr, Raum 311) ist auch die interessierte Öffentlichkeit herzlich willkommen. Die Veranstaltung gehört zum Teilprojekt „Genese von Normen in der ökonomischen Wissenschaft“ des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität.

Aktueller Hintergrund der Veranstaltung ist die Debatte unter deutschen Ökonomen über die Ausrichtung und die Methoden des Fachs Volkswirtschaftslehre. Auslöser dieses „Neuen Methodenstreits“ war der Plan der Universität zu Köln, ihre Wirtschaftspolitik-Lehrstühle umzuwidmen, um einen „international wettbewerbsfähigen“ Forschungsschwerpunkt für Makroökonomik zu schaffen. Das Vorhaben geriet schnell in die öffentliche Kritik und kulminierte in einem von 83 Professoren unterzeichneten Aufruf in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (5.5.2009) zur „Rettung der Wirtschaftspolitik“ an den deutschen Universitäten. Beantwortet wurde dieser durch einen von 188 Ökonomen unterzeichneten und im „Handelsblatt“ veröffentlichten Gegenaufruf „Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!“ (8.6.2009), in dem für einen am amerikanischen Modell ausgerichteten „Dreiklang“ von Mikroökonomik, Makroökonomik und Ökonometrie plädiert wird.

In dieser Auseinandersetzung spielen konkrete wirtschaftspolitische Instrumente und Problemstellungen (wie z.B. die Finanzmarktkrise) nur eine Nebenrolle. Vielmehr geht es um die Frage, ob und wie das Fach Wirtschaftspolitik im volkswirtschaftlichen Unterricht noch einen Platz finden soll. Damit werden, so scheint es, Neuausrichtung und Normung volkswirtschaftlicher Forschung und Lehre an deutschen Universitäten selbst verhandelt. Die aufgeworfenen Fragen der inhaltlichen und methodischen Ausrichtung des Fachs Volkswirtschaftslehre laden zu einer intensiveren Erörterung von erkenntnistheoretischen Hintergründen der aktuellen Diskussion ein. Ist eine objektive und werturteilsfreie wirtschaftspolitische Forschung möglich und wünschenswert? Welche methodischen Mittel sind der Entwicklung von wirtschaftspolitischen Instrumenten und Konzepten besonders zuträglich? Ein Blick in die Theoriegeschichte des Fachs zeigt, dass diese Fragen keineswegs neu sind. So wurde beispielsweise vor und nach der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik die Reflexion wirtschaftspolitischer Optionen vor dem Hintergrund unterschiedlicher theoretischer Paradigmen geführt. Zu diesen theoretischen Strömungen zählten die Historische Schule, die Österreichische Schule und auch Ökonomen, die sich im Anschluss an die englische Klassik der „isolierenden Methode“ annäherten und sich „Ricardianer“ nannten.

Der Workshop unter der Leitung von Prof. Volker Caspari (TU Darmstadt) und Prof. Bertram Schefold (Goethe-Universität) möchte den Grundlagen der jeweiligen Positionen in dem „Neuen Methodenstreit“ auch aus theoriegeschichtlicher Perspektive nachgehen. Zu Beginn des Workshops wird Prof. Rainer Klump, Vizepräsident der Goethe-Universität und selbst Volkswirtschaftler, über die Zielsetzung des Clusters „Normative Ordnungen“ in Bezug auf Forschung und Lehre sprechen. In der Podiumsdiskussion soll der volkswirtschaftliche „Methodenstreit“ einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Moderation hat Gerald Braunberger (FAZ). Es diskutieren: Prof. Rüdiger Bachmann (University of Michigan), Prof. Nicola Fuchs-Schündeln (Goethe-Universität), Prof. Nils Goldschmidt (Universität der Bundeswehr, München), Prof. Bert Rürup (emeritierter Professor der TU Darmstadt und langjähriger Berater der Bundesregierung in sozialpolitischen Fragen), Prof. Roland Vaupel (Universität Mannheim) und Prof. Carl Christian von Weizsäcker (emeritierter Professor der Universität zu Köln und Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn).

Information und Presse-Anmeldung: Matthias Lennig, Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“, Tel: (069) 798-34717, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Aktuelles

„Normative Ordnungen“, herausgegeben von Rainer Forst und Klaus Günther, ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Am 17. April 2021 ist der Sammelband „Normative Ordnungen“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Herausgegeben von den Clustersprechern Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, bietet das Werk einen weit gefassten interdispziplinären Überblick über die Ergebnisse eines erfolgreichen wissenschaftlichen Projekts. Mehr...

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

„Symposium on Jürgen Habermas’ Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Rainer Forst erschienen

Als jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Constellations: An International Journal of Critical and Democratic Theory" ist kürzlich das „Symposium on Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Prof. Rainer Forst erschienen. Mehr...

Nächste Termine

22. Oktober 2021, 14.00 Uhr

Book lɔ:ntʃ: Jun.-Prof. Dr. Franziska Fay (Johannes Gutenberg Universität Mainz, ehemalige Postdoktorandin des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen"): Disputing Discipline. Child Protection, Punishment, and Piety in Zanzibar Schools. Mehr....

28. Oktober 2021, 14.00 Uhr

Buchvorstellung und Diskussion: Wissenschaftsfreiheit im Konflikt. Mehr...

29. Oktober 2021, 17.00 Uhr

Buchvorstellung und Diskussion: The Government of Things - Foucault and the New Materialisms. Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Studieren, Forschen, Lehren trotz Corona-Pandemie

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (HSFK und „Normative Ordnungen“), Prof. Dr. Stefanie Dimmeler (Cardio-Pulmonary Institute und Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Klaus Günther („Normative Ordnungen“) und Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen (SAFE)
Moderation: Doris Renck (hr-Journalistin)
Frankfurter interdisziplinäre Live-Debatte

Europa kann mehr! Friedensgutachten 2021

Prof. Dr. Christopher Daase (Forschungsverbund "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK))
Book lɔ:ntʃ

Videoarchiv

Weitere Videoaufzeichnungen finden Sie hier...

Neueste Volltexte

Rainer Forst (2021):

Solidarity: concept, conceptions, and contexts. Normative Orders Working Paper 02/2021. Mehr...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. Mehr...