Die Liebe zur Demokratie braucht Zeit. Veröffentlichung ‚Science‘: Die Unterstützung der Bürger für Demokratie wächst, je länger sie in ihr leben / Der Gewöhnungseffekt gilt aber leider auch für Diktaturen

Pressemitteilung

9. März 2015

FRANKFURT. Was beeinflusst die Unterstützung der Bevölkerung für ein demokratisches System? Bestärken Erfahrungen mit dieser Staatsform Bürger in ihrer demokratischen Überzeugung? Diesen Fragen gingen Nicola Fuchs-Schündeln, Professorin für Makroökonomie und Entwicklung an der Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", und Matthias Schündeln, Professor für internationale Wirtschaftspolitik und Inhaber der Messe Frankfurt-Stiftungsprofessur an der Goethe-Universität, in einer aktuellen Studie nach, die nun in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde (Band 347, S. 1145).

Die beiden Ökonomen werteten 380.000 Einzelbeobachtungen aus 104 Ländern zwischen 1994 und 2013 aus und fanden heraus, dass Bürger ein demokratisches System umso stärker befürworten, je länger sie in ihm leben. Um die Größenordnung des Effekts zu verdeutlichen, vergleichen die Autoren den Einfluss der Zeit, die jemand in einer Demokratie verbracht hat, mit einem Anstieg des Bildungsniveaus. Es ist bereits seit längerem bekannt, dass Menschen mit höherem Bildungsabschluss grundsätzlich stärker vom demokratischen System überzeugt sind. Das Ergebnis des Vergleichs: Um den Effekt eines höheren Bildungsabschlusses in Bezug auf die Zustimmung zur Demokratie zu erreichen, muss ein Bürger rund achteinhalb Jahre in einem demokratischen System leben.

Mit ihren Ergebnissen weisen die beiden Wissenschaftler nach, dass die Staatsform selbst die politischen Präferenzen der in ihr lebenden Menschen beeinflusst. Politische Präferenzen sind somit (auch) endogen – dieser Effekt wirkt zusätzlich zu anderen Faktoren, wie etwa wirtschaftlichen Bedingungen oder historischen Erfahrungen mit verschiedenen Staatsformen.

Für junge Demokratien, etwa im Kontext des „arabischen Frühlings“, bedeuten die Ergebnisse, dass es Zeit braucht, bis die neue Staatsform von der breiten Bevölkerung akzeptiert wird, bzw. dass sich eine zunächst verhaltene Zustimmung im Laufe der Zeit festigt. Leider gilt dieser Gewöhnungseffekt nicht nur für Demokratien. „Dass Bürger eine stärkere Akzeptanz für ein politisches System entwickeln, je länger sie in ihm leben, ist ein grundsätzlicher Effekt, der nicht von der jeweiligen Staatsform abhängig ist“, erklärt Nicola Fuchs-Schündeln. Somit gewinnen auch autokratische Systeme mit der Zeit an Unterstützung in der Bevölkerung.  Dass es immer wieder Phasen gibt, in denen größere Umwälzungen stattfinden, illustriert aber, dass es weitere Faktoren gibt, die stärker sein können als die über die Zeit gewachsenen Präferenzen für ein bestimmtes System, zum Beispiel wirtschaftliche Not oder soziale Repressalien.

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 gegründet mit rein privaten Mitteln von freiheitlich orientierten Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern fühlt sie sich als Bürgeruniversität bis heute dem Motto "Wissenschaft für die Gesellschaft" in Forschung und Lehre verpflichtet. Viele der Frauen und Männer der ersten Stunde waren jüdische Stifter. In den letzten 100 Jahren hat die Goethe-Universität Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Chemie, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Heute ist sie eine der zehn drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geisteswissenschaften."

Herausgeber: Die Präsidentin
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Redaktion: Dr. Olaf Kaltenborn, Abteilungsleiter
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