Dr. Franziska Fay

Laufzeit des Forschungsprojekts 11/2017 – 12/2021

Dieses Projekt dient der Beantwortung der Frage, inwiefern das produktive Zusammenspiel von Säkularisierung und Religiosität im Kontext islamischer Bildungsreformen in Qur’anschulen intra-muslimische Spannungen zugunsten von Liberalisierung und Radikalisierung beeinflusst und die Relevanz von Religiosität für die Identität sansibarischer Muslime bedingt. In der mehrheitlich muslimischen Gesellschaft in Sansibar betreffen transnationale Prozesse sozialen Wandels zunehmend den Bereich der religiösen Bildung und Erziehung in Qur’anschulen. In den vergangenen Jahren wurden Bildungs- und Erziehungsprozesse zunehmend reformiert und islamische Bildungsdiskurse durch eine Bewegung der Säkularisierung im Kontext der ‚Moderne‘ geprägt (Asad 2003: 12). Dies wird beeinflusst durch die Kooperation der sansibarischen Regierung mit internationalen Hilfsorganisationen (UNICEF, Save the Children), die ihre Arbeit auf säkuläre, humanistische Richtlinien wie die UN Kinderrechtskonvention gründen. Angestrebt werden, unter anderem, eine gesetzliche Reform zum Verbot von Körperstrafe (bakora) in allen Bildungsinstitutionen sowie eine Revision der islamisch-pädagogischen Praxis durch die Einführung einer Mindestqualifikation für Lehrpersonal in Qur’anschulen durch das Büro des Mufti. Islamische Gelehrte, die die Einführung einer Minimalqualifizierung von Qur’anschullehrern befürworten und Körperstrafe öffentlich als un-islamisch bezeichnen, stoßen mit ihren liberalen und teilweise feministischen Ansichten auf Widerstand und Kritik anderer sansibarischer Muslime, die ihre Interpretationen des Qur’an und der Hadith ablehnen.

Dieses Projekt untersucht die gesellschaftliche Orientierungskrise in Sansibar, der „qibla (Arabic, the decisive point of orientation) for Islamic education in East Africa” (Loimeier 2016: 139f), die durch die De-privatisierung des islamischen Bildungssystems und die Infragestellung der ‚lokalen‘ moralischen Ordnung hinsichtlich islamischer (Aus)Bildungs- und Erziehungsideale ausgelöst wird. Es erforscht Widerstände gegen Reformen im religiösen Bildungsbereich, die im Kontext von Säkularisierung beabsichtigen “to reorganize substantive features of religious life, stipulating what religion is or ought to be” (Mahmood 2016: 3) und die daraus resultierende Neuziehung der Grenzen zwischen privaten, politischen und religiösen Lebensräumen. Unterschiedliche Vorstellungen von ‚Moderne‘ stehen sich im Rahmen dieser Veränderungen gegenüber.

Das Forschungsprojekt baut auf den Ergebnissen einer achtzehnmonatigen ethnologischen Feldforschung (2014-2015) zum Bildungs- und Erziehungswesen sowie Kinderschutzinterventionen in Qur’an- und Grundschulen in Sansibar-Stadt auf. Diese Promotionsforschung ergab, dass international initiierte Programme zur Verbesserung der Bildungs- und Schutzsituation von Kindern in Bildungsinstitutionen weitreichend abgelehnt werden, da sie mit der Säkularisierung oder ‚Verwestlichung‘ des islamischen Bildungs- und Erziehungssystems gleichgesetzt werden. Die dadurch erzeugte Krise in der normativen Ordnung in Sansibar kann ausschließlich durch eine Dekolonialisierung derzeitiger Kinderschutzmaßnahmen gemindert werden. Ein Vorbeugen des Bedeutungs- und Autoritätsverlusts des Islam und die Verlagerung von Fragen des privat-familiären Lebensbereichs in den öffentlich-säkulären Raum ist dabei von zentraler Bedeutung. Das Erlernen der „basic rules of proper behavior (Arab. adab, akhlaq)” (Loimeier 2013: 104) ist für die moralische Erziehung und Entwicklung jedes Menschen, jedoch insbesondere für Kinder während der Qur’anschulausbildung, unabdingbar. Das Aufrechterhalten und die Angst um den Verlust dieses Ziels islamischer Bildung habe ich in diesem Zusammenhang untersucht.

Das Postdoc Projekt entwickelt die Einsichten aus der ethnographischen Forschung mit jungen Menschen und Kinderrechtsorganisationen in Sansibar weiter, fokussiert jedoch muslimische Gelehrte und Lehrer in staatlichen und privaten, religiösen und säkularen Bildungsinstitutionen, um deren Verständnisse der Bedingungen für Wandel im islamischen Bildungssystem hervorzuheben. Die Transformation der Genderordnung in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft Sansibars, ausgelöst durch die Re-evaluierung der sozialen Rolle und Verantwortung von Kindern und Frauen, geht mit den beschriebenen Schutzprozessen einher. Das Projekt ist dem Forschungsfeld II/ Teilbereiche 1 und 2 des Exzellenzclusters zugeordnet. Es wird in Kooperation mit dem Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) am Exzellenzcluster, „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ durchgeführt. Die Erkenntnisse des Forschungsprojekts ermöglichen es, die unterschiedlichen Positionen von religiösen Autoritäten im Hinblick auf Wandlungsprozesse, Momente des Umbruchs und der Kontinuität im islamischen Bildungssystem sowie inner-religiöse Spannungen zwischen muslimischen Instanzen in Sansibar zu erfassen.
KooperationsparternInnen des Projekts sind Prof. Susanne Schröter und das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) am Exzellenzcluster, „Die Herausbildung normativer Ordnungen“.

Literaturhinweise im Text:

Asad, T. (2003) Formations of the Secular. Christianity, Islam, Modernity. Stanford: Stanford University Press.

Loimeier, R. (2016) Muslim Scholars, Organic Intellectuals, and the Development of Islamic Education in Zanzibar in the Twentieth Century. In: Launay, R. (Hg.) (2016) Islamic Education in Africa: Writing Boards and Blackboards. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press, pp. 137-148.

Loimeier, R. (2013) Muslim Societies in Africa. A Historical Anthropology. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press.

Mahmood, S. (2016) Religious Difference in a Secular Age. A Minority Report. Princeton/Oxford: Princeton University Press.

Ausgewählte Publikationen zum Projekt

Fay, Franziska (2017): The Impact of the School Space on Research Methodology, Child Participation and Safety: views form children in Zanzibar. Children’s Geographies, July (2017).

Fay, Franziska (2016): review of [Discourses of Discipline. An Anthropology of Corporal Punishment in Japan's Schools and Sports.by A. L. Miller (2013), Berkeley, California: Institute of East Asian Studies], Children’s Geographies, Vol 15 (3): 381-383. DOI: 10.1080/14733285.2016.1189236

Fay, Franziska (2016): The Meaning of Adabu and Adhabu for the ‘Child Protection’ Discourse in Zanzibar. SOAS Journal of Postgraduate Research, Vol 9 (2016).


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In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

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