Dr. Simon Groth

Laufzeit des Forschungsprojekts 12/2017 – 12/2019

Mit dem Historismus als einer Historisierung des Denkens in einem kulturgeschichtlichen Sinne hatte die Geschichte als Geisteshaltung einer bürgerlichen Gesellschaft anderen religiösen oder philosophischen Metaphysikern im 19. Jahrhundert den Rang abgelaufen und fungierte als dominante Spielart bürgerlicher Sinnstiftungen, so dass der Geschichtswissenschaft im Deutschen Kaiserreich durchaus die Rolle einer führenden, öffentliche Debatten beeinflussenden Leitwissenschaft beigemessen werden kann.
Fundament dieses Status war die im 19. Jahrhundert virulente Frage einer deutschen Nation, die für die Geschichtswissenschaftler eine tragende Säule ihrer Legitimation sowie Reputation bedeutete. Auf der Suche nach Vorbildern nationaler Erbauung kam dabei dem Mittelalter, verglichen mit Antike und Neuzeit, eine besondere Bedeutung zu, da dieses als Sehnsuchtsort nationaler Geltung und alter Kaiserherrlichkeit verklärt und als Sinnbild germanisch-deutscher Kraft bewundert wurde. Diese Reziprozität von Vergangenheit und Gegenwart funktionierte in beide Richtungen; während in der Gegenwart die Vergangenheit als sinnstiftende Nationalgeschichte instrumentalisiert wurde, diente umgekehrt die Gegenwart oftmals als Richtschnur für das Verstehen und die Analyse der Geschichte, indem versucht wurde, die Vergangenheit mit Deutungskategorien der Gegenwart zu rekonstruieren und diese mittels aktuellen Werturteilen zu messen. Diese Dialektik ‚Normativer Ordnungen‘ ist unmittelbar evident.
Innerhalb des sich mehrfach wandelnden politischen Systems im ‚Zeitalter der Extreme‘ (Eric Hobsbawm) waren deutsche Mediävisten dabei gezwungen, ihre Wissensbestände fortlaufend dem gesellschaftlichen Kontext anzupassen oder darüber hinaus freiwillig in den Dienst des jeweiligen Systems zu stellen. Sowohl in der Weimarer Republik als auch im Nationalsozialismus scheint hierbei eine deutliche Mehrheit von einem deutschnationalen, antirepublikanischen Standpunkt durchdrungen gewesen zu sein, wobei die Bandbreite von distanzierter Neutralität bis zu aktiver politischer Teilhabe nationalsozialistischer Positionen reichte. Umgekehrt bedingte die fundamentale Zäsur des Jahres 1945 und die daraus resultierende Konsequenz einer in zwei Staaten mit divergenten politischen Systemen geteilten Nation eine zweifache Reaktion. Diese einmalige Konfiguration bietet dabei die (noch nicht ausgeschöpfte) Möglichkeit des Vergleichs eines ursprünglich zusammengehörenden Wissenschaftssystems. Während sich in der Bundesrepublik mittels einer Anknüpfung an Leopold von Rankes Ideal einer von persönlichen Standpunkten bereinigten Wissenschaft die Maxime einer apolitischen, auf den Boden einer vermeintlich objektiven Wissenschaft stehenden Profession ausbreitete, waren die Mediävisten der DDR in einer direkten Weise gezwungen, das politisch oktroyierte Leitbild des sogenannten ‚Historischen Materialismus‘ aufzugreifen und als Grundlage für die eigene Arbeit zu verwenden.
Die Wissenschaft auf dem Staatsgebiet der DDR war folglich unmittelbarer von politischen Zwängen und gesellschaftlichen Umbrüchen betroffen und von der zahlenmäßig größeren Mediävistik der Bundesrepublik herausgefordert. Vor dem Hintergrund der gemeinsamen Wurzeln bliebe also zu prüfen, inwieweit Themen und Konzepte der nationalsozialistischen Wissenschaftskultur weitergeführt wurden, und wo es zu deutlichen Abgrenzungen und Veränderungen kam; sowohl von älteren nationalsozialistischen wie von jeweils aktuellen westdeutschen Positionen. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und der dadurch notwendig gewordenen ‚Abwicklung‘ der Wissenschaft könnte eine solche Standortbestimmung der ostdeutschen Mittelalterforschung helfen, ihren Beitrag zu den mediävistischen Wissensbeständen im 21. Jahrhundert zu vermessen und gleichzeitig die wenig bekannte alternative Entwicklung ausloten.
Einen kollektivbiographischen Ansatz integrierend soll sich diesem Untersuchungsfeld auch mittels exemplarischer Biographien genähert und damit die Produzenten von Wissen direkt in den Blick genommen werden. Als Zeitgenossen eines sich mehrmals fundamental wandelnden politischen Systems findet der allgemein konstatierte Zusammenhang von Wissenschaft und Umwelt hier seine dichteste Beschreibung. Innerhalb des überschaubaren Kosmos der DDR-Mediävistik kreuzten sich dabei ganz unterschiedliche Lebensläufe was den Grad der Kollaboration im nationalsozialistischen und dann im sozialistischen Wissenschaftssystem anbetrifft. Dabei scheinen weder Aufstieg noch Isolation vornehmlich durch das Verhalten im Dritten Reich determiniert, sondern von der Bereitschaft abhängig, sich innerhalb der eigenen Forschung dem grundsätzlichen Paradigmenwechsel des Faches anzupassen.
Neben den wissenschaftlichen Veröffentlichungen selbst müssen daher ausdrücklich biographische Nachlässe als Quellen erschlossen werden, wodurch (etwa mittels Briefkorrespondenzen) die Verflechtungen und Kontakte der Wissenschaftler greifbar werden. Dieser Zugang eröffnet die Möglichkeit, den Veränderungen persönlicher Ansichten und dem Ringen um wissenschaftliche Standpunkte näher zu kommen, um – ausgehend von diesen Wissenstransformationen im Kleinen – den Wandel (und Nichtwandel) mediävistischer Wissensbestände im 20. Jahrhundert nachzeichnen zu können.


Aktuelles

„Frankfurter interdisziplinäre Debatte“. Frankfurter Forschungsinstitute laden zum Austausch über disziplinen-übergreifende Plattform ein

Die „Frankfurter interdisziplinäre Debatte“ ist ein Versuch des Dialogs zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu aktuellen Fragestellungen – derzeit im Kontext der Corona-Krise und u.a. mit Beiträgen von Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Klaus Günther. Seit Ende März 2020 ist die Onlineplattform der Initiative (www.frankfurter-debatte.de) verfügbar. Mehr...

Bundesministerin Karliczek gibt Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

In einer Pressekonferenz hat Bundesministerin Anja Karliczek am 28. Mai 2020 den Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gegeben. Mit dabei waren Sprecherin Prof. Nicole Deitelhoff (Goethe-Uni, Normative Orders), sowie der Geschäftsführende Sprecher Prof. Matthias Middell (Uni Leipzig) und Sprecher Prof. Olaf Groh-Samberg (Uni Bremen). Nun kann auch das Frankfurter Teilinstitut seine Arbeit aufnehmen. Mehr...

Nächste Termine

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

-----------------------------------------

Neueste Medien

Krise und Demokratie

Mirjam Wenzel im Gespräch mit Rainer Forst
Tachles Videocast des Jüdischen Museum Frankfurt

Normative Orders Insights

... mit Nicole Deitelhoff

Neueste Volltexte

Burchard, Christoph (2019):

Künstliche Intelligenz als Ende des Strafrechts? Zur algorithmischen Transformation der Gesellschaft. Normative Orders Working Paper 02/2019. Mehr...

Kettemann, Matthias (2020):

The Normative Order of the Internet. Normative Orders Working Paper 01/2020. Mehr...