Projektleitung: Prof. Dr. Martin Seel

Zu den Grundannahmen des Exzellenzclusters gehört, dass ethisch und politisch wirksame Rechtfertigungsmuster immer bereits in historische und ästhetische Narrationen eingebettet sind und dass rechtfertigenden Gründen, die nicht in narrativer Form dargeboten werden, oft nur in dieser Umgebung ein starkes moralisches oder politisches Gewicht zukommen kann. Diese Verhältnisse untersuchte das Forschungsprojekt aus einem Blickwinkel, der den historischen, politologischen und philosophischen Forschungen des Clusters zusätzlich einen starken kulturwissenschaftlichen Akzent verlieh. Im Interesse der Klärung eines allgemeinen Begriffs der sei es stabilisierenden, sei es transformatorischen Kraft narrativer Rechtfertigungen wurde untersucht, welcher ästhetischen Strategien sich heute eine narrative Vergegenwärtigung und Transformation normativer Standards bedient – und welche besondere normative Qualität diesen Strategien zukommt.

Konkreter Untersuchungsgegenstand war dabei das gegenwärtige Kino. Wir untersuchten, wie in fiktionalen und dokumentarischen Filmen Vorstellungen von Recht und Unrecht tradiert, etabliert und erschüttert werden, und dies gerade aus Anlässen und an Schauplätzen, die zu Wahrzeichen des Prozesses der ökonomischen und politischen Globalisierung geworden sind, denen also emblematischer oder symbolischer Charakter zukommt. Das Projekt verknüpfte daher die theoretische Frage nach der legitimatorischen und/oder delegitimatorischen Kraft von Rechtfertigungserzählungen eng mit exemplarischen Analysen von Filmen, die in ihrer audiovisuellen Gestaltung auf unterschiedliche Weise eine normative Haltung zu zentralen politischen Konflikten der Gegenwart formulieren.

Das Projekt konzentrierte sich dabei auf zwei Gruppen von Filmen, in denen auf unterschiedliche Weise die Erschütterung der politischen Weltordnung in Folge der Anschläge am 11.9.2001 thematisch wird. Die erste Gruppe bildeten – formal und ideologisch heterogene – Filme, die in mehr oder weniger direkter Reaktion auf die Anschläge und die Kontroversen um ihre Deutung entstanden sind. Die zweite Gruppe bildeten – wiederum: formal und ideologisch heterogene – Filme, die seit 2003 die Folgen der alliierten Invasion in den Irak behandeln.

In einem ersten Schritt ging es uns um eine Klärung des Begriffs der Narration ganz allgemein. In einem gemeinsam mit Stefan Deines angebotenen Hauptseminar zur Philosophie der Narration haben wir eine Durchsicht durch philosophische Theorien des Erzählens verschiedenster Ausrichtung erarbeitet. Anspruchsvolle philosophische Theorien des Erzählens weisen auf dessen grundsätzliche Bedeutung für die menschliche Praxis hin. So sieht etwa Arthur Danto die Fähigkeit des Erzählens als notwendig für ein geschichtliches Selbstverhältnis des Menschen an. Peter Goldie betont die Rolle des Erzählens für Erinnerungen an Handlungen und insbesondere für in die Zukunft gerichtete Handlungsplanung und -antizipation. Erzählungen bringen einzelne Ereignisse in eine Ordnung, ohne die Entwicklungen und Ziele gar nicht verständlich wären. Gerade in künstlerischen Erzählungen, so der Befund, kommt die Spannung zwischen den erzählten Ereignissen und deren formaler Anordnung besonders in den Blick, die jeder Erzählung inhärent ist. Für den Film, der seine Erzählungen in die Form einer audiovisuellen Präsentation bringt, ergibt sich hier ein spezifischer Modus der Präsentation, in dem eine story durch die Art und Weise, wie sie nicht nur erzählt, sondern erzählend gezeigt wird, vielfältig verstärkt oder gebrochen werden kann. Prominente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche haben dieses Verhältnis in der Ringvorlesung zum Thema „Narration und Rechtfertigung im Kino“, die wir im Wintersemester 2011/12 organisiert haben, im Detail ausgelotet. Im Fokus standen dort die spezifisch filmischen Verfahren des Erzählens und ihr Verhältnis zu rechtfertigenden Gründen. Die internationalen Vortragsgäste arbeiteten das jeweils an einem konkreten Filmbeispiel aus; zu diesen zählten unter anderem Robert Pippin, George Wilson, Gertrud Koch, Josef Früchtl oder Juliane Rebentisch. Dabei wurde vor allem deutlich, dass im Bereich des Films Verfremdungseffekte zum Tragen kommen, die ganz eigene, affektiv geladene oder neutralisierte Haltungen zu den erzählten Ereignissen, und den Personen, die an ihnen teilnehmen, konstituieren.

Im Anschluss an diese ausführlichen Bestimmungen der Grundbegriffe des Projekts haben wir in einer Reihe von Publikationen und Präsentationen im Kontext des Projekts demonstriert, dass die spezifisch filmische Gestaltung und die mit ihr verbundenen Formen der narrativen Stellungnahme insbesondere hinsichtlich der Aufarbeitung von Terror und Krieg im gegenwärtigen Kino einen Unterschied machen.

Zu den wichtigsten Publikationen zählen:
Martin Seel: „Narration und (De-)Legitimation: Der zweite Irak-Krieg im Kino“. In: E. Rudolph, T. Steinfeld (Hg.): Machtwechsel der Bilder. Zürich 2012, 213-227 und Martin Seel: „Kino-Demonstrationen“. In: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Frankfurt a.M. 2012, 187-208. Im Rahmen des Projekts wurde die bereits erwähnte Vorlesungsreihe im WS 2011/2012 „Narration und Rechtfertigung im Kino“ durchgeführt.

Die einschlägigen Filme (und Fernsehserien), mit denen wir uns in diesem Zusammenhang intensiv auseinandergesetzt haben, sind: Southland Tales, United 93, Generation Kill, Home of the Brave, In the Valley of Elah, The Hurt Locker, Zero Dark Thirty. Sie sind Beispiele für eine Reihe von ungefähr 100 Spiel- und Dokumentarfilmen sowie Fernsehserien, die wir im Rahmen des Forschungsprojekts gesichtet haben. In den meisten Fällen brechen die Filme über die Anschläge vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Krieg im Irak die Ereignisse auf die Erlebens- und Handlungskontexte einzelner Figuren oder einer Gruppe von realen, fiktionalen oder fiktionalisierten Personen herunter, die dann die historischen Situationen in ihrer eigenen Involviertheit spiegeln. Im Blick auf diese Ausschnitte aber konstruieren wiederum die meisten Filme eine Haltung, die die präsentierten Ereignisse und ihre Rechtfertigungen durchaus problematisieren – gerade indem sie die medial geläufigen Bilder dieser Ereignisse mit alternativen Bildern konfrontieren und so alternative Erinnerungen generieren.

Auf der einen Seite setzt gerade das gegenwärtige Kriegskino häufig eine explizite Thematisierung oder gar Kritik am Wahrheitsanspruch der Bilder vom Krieg ein, indem es ihre mediale Bedingtheit ausstellt. Hier werden beispielsweise Bilder von Handy- oder privaten Videokameras in den Film einmontiert und damit Authentizitätseffekte konstruiert und gleichzeitig in Frage gestellt (wie etwa in In the Valley of Elah, Redacted oder Generation Kill). Oder es werden Aufnahmen von Überwachungskameras oder Youtube-Clips eingespielt, die wiederum auf die Ubiquität zirkulierender Bilder von Krieg oder Terror verweisen (etwa in Southland Tales oder wiederum Redacted). Gerade die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center sind in massenhafter Form mit privaten Aufnahmegeräten dokumentiert und so in die Erinnerung eingegangen. Diese Erinnerung nehmen Filme auf und variieren sie: in Alejandro Gonzáles Iñárritus Kurzfilm Mexiko etwa oder in Zero Dark Thirty wird der Zuschauer mit diesen Bildern in seiner Erinnerung konfrontiert, indem sie im Film gerade nicht erscheinen, sondern ausgeblendet oder geschwärzt sind.
Strategien dieser Art lassen sich mit einem in den Kulturwissenschaften einschlägigen Begriff beschreiben: filmische Narrative dienen als Remediation kollektiver Traumata und Krisen, dergestalt dass sich die Umbrüche in den normativen Ordnungen mit ihrer Hilfe immer wieder aufs Neue betrachten und bewerten lassen. Damit greifen sie in den öffentlichen Austausch von Gründen und Gegengründen ein, die wiederum in expliziten moralischen oder politischen Debatten eine Rolle spielen. Gegenläufig reflektieren sie die zugrundeliegenden Haltungen, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden.

Zum Abschluss des Projekts wurden die Ergebnisse in Form einer konkreten Auseinandersetzung mit dem Material festgeschrieben. Zu diesem Zweck war eine interdisziplinäre Gruppe von 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eingeladen – unter ihnen Thomas Elsaesser, Elisabeth Bronfen, Hans Jürgen Wulff und eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus Frankfurt –, mit der in einem Workshop im März 2014 zum Projektthema eine Auswahl der einschlägigen Filme extensiv diskutiert wurde. Die erarbeiteten Ergebnisse wurden zusammen mit einer systematischen Darstellung des Zusammenhangs von Narration und Rechtfertigung im Film in einem Sammelband „Erzählungen und Gegenerzählungen. Terror und Krieg im Kino des 21. Jahrhunderts“ (Band 16 der Reihe des Exzellenzcluster , Frankfurt/New York, Campus, 2016) publiziert und bilden damit zugleich die öffentliche Dokumentation der Arbeit im Forschungsprojekt.


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