Projektleiterin: Prof. Dr. Susanne Schröter

Das Forschungsprojekt fokussierte auf so genannte traditionelle Muslime im indonesischen Sultanat Yogyakarta und ihren Versuchen lokale Traditionen gegen einen zunehmend an Popularität gewinnenden kulturellen und politischen Islamismus in Stellung zu bringen. Indonesien ist das Land mit der numerisch stärksten muslimischen Bevölkerung, deren politische Führung es aber seit der Unabhängigkeit trotz erheblicher Schwierigkeiten immer wieder verstanden hat sich gegen Forderungen nach Implementierung eines islamischen Staates durchzusetzen und den postkolonialen Staat als multikulturell und multireligiös zu behaupten. Wie in anderen muslimischen Ländern wurde dieses Ziel durch eine autoritäre zentralistische Elite und über 32 Jahre lang durch einen autokratischen Herrscher ermöglicht. Seit dem Sturz des Diktators Suharto im Jahr 1998 und der anschließenden Demokratisierung und Dezentralisierung ist das Land wiederholt Schauplatz religiös aufgeladener Gewalttätigkeiten zwischen Christen und Muslimen geworden. So konstituierten sich salafistische und jihadistische Organisationen und führten Angriffe gegen Christen und auf ausländische Einrichtungen durch. Der verheerendste Anschlag war der auf zwei Diskotheken auf der Insel Bali, bei der im Jahr 2002 meist australische Touristen starben. Obwohl der staatliche Sicherheitsapparat nach einer harschen Kritik des Auslands gegen islamistische Terroristen vorging, blieben islamistische Milizen unbehelligt und es kommt immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf religiöse Minderheiten oder auf traditionelle Muslime, die sich der allgemeinen Purifizierung und Fundamentalisierung des Islam verweigern.

So genannte traditionelle Muslime sehen sich daher genötigt ihren eigenen Standpunkt explizit zu formulieren und mit öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten zu untermauern. Mittlerweile kann man von einer Revitalisierung des traditionellen mystisch orientierten Islam sprechen. Vor allem auf der Insel Java, einem der mystischen Zentren des Inselstaates, lässt sich dies gut beobachten. Das Forschungsprojekt befasste sich mit Aktivitäten, Diskursen und Rahmenbedingungen dieser Revitalisierungsbewegung im javanischen Sultanat Yogyakarta. In Yogyakarta fungiert der lokale Sultan als Hüter eines synkretistischen Islam und hat es bislang verstanden unterschiedliche Teile der Bevölkerung Yogyakartas zu integrieren. Auf ihn beziehen sich die Traditionalisten in ihren Handlungen und deren Rechtfertigung. Da sie ihn als Garanten des traditionellen Islam und als Bollwerk gegen die islamistische Modernisierung verstehen, suchen sie seine Autorität mithilfe spezieller Zeremonien zu untermauern und zu stärken.

Die Mitarbeiterin Dr. Susanne Rodemeier nahm im Rahmen ihrer ethnologischen Feldforschung Kontakt zu Traditionalisten auf, sprach mit ihnen über ihre politischen und spirituellen Vorstellungen und partizipierte an verschiedenen Zeremonien, wie dem jährlich zu Neujahr stattfindenden Mubeng Beteng, bei dem der Palast um Mitternacht barfuß und stumm in einem etwa einstündigen Marsch umrundet wird. Islamisten hatten das Ritual als Gotteslästerung denunziert und potentielle Teilnehmer bedroht. Dennoch, so konnte Frau Dr. Rodemeier feststellen, war das Ritual lebendiger denn je und wurde von einem Teil der Bevölkerung als willkommener Anlass gefeiert, ihrer Opposition gegen den purifizierten Islamismus Ausdruck zu verleihen.

Grundsätzlich war unübersehbar, so das Ergebnis der Forschungen, dass eine heftige Kontroverse über die tradierte normative Ordnung im gesamten Sultanat entbrannt war. Das Zentrum dieser Ordnung war der Palast (kraton) von Yogyakarta und das Oberhaupt des Palastes – in Personalunion Raja, Sultan und Gouverneur, also mystisches, religiöses und politisches Oberhaupt. Seine Autorität wurde seit der Demokratisierung von zusehend an Einfluss gewinnenden Islamisten in Frage gestellt. Sie wandten sich gegen jeglichen Mystizismus und damit auch gegen den mystischen Islam in javanischer Ausprägung, der in ihren Augen Häresie darstellte.

Interessanterweise verwendeten Islamisten und Traditionalisten zur Untermauerung ihrer Argumentation ähnliche Denkfiguren, bezogen sie sich auf die gleichen Ereignisse, die jedoch unterschiedlich gedeutet wurden. Eines davon war ein Ausbruch des Vulkans Merapi im Oktober 2010. Traditionalisten sahen in der Naturkatastrophe den Beleg für die verheerenden Folgen der Vernachlässigung lokaler spiritueller Traditionen, die den Vulkan erzürnt hatten und forderten die Stärkung der mystischen Kräfte des Palastes. Die anderen sahen im gleichen Ereignis einen Hinweis Allahs, die abtrünnigen Gläubigen wieder auf den rechten Weg zurückzuführen. Damit geriet die Person des Sultans in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Nur über seine politische Verantwortung als Gouverneur bestand Einigkeit, und es sollte just eine Intervention der Regierung in Jakarta sein, die beide Fraktionen wieder zusammenführte. Aus der Hauptstadt wurde nämlich der Vorschlag unterbreitet auch in Yogyakarta demokratische Gouverneurswahlen durchzuführen. Dieses Ansinnen stieß auf ungeteilte Ablehnung und alle Gruppierungen stellten sich hinter den Sultan und das autokratisch-spirituelle System. Das wurde nicht zuletzt in dem erwähnten Neujahrsritual zum Ausdruck gebracht, zu dem die Bevölkerung unterschiedlicher muslimischer Lager mobilisiert wurde. Das Ritual gewann dadurch seine Kraft als integratives Staatsgründungsritual zurück.

Zu den Publikationen in diesem Projekt zählen: Rodemeier, Susanne (2009): „Zartes Signal einer Wende: Aktueller arabischer Einfluss auf Java“, Südostasien 4: 52-55; Rodemeier, Susanne (2010): „In der Spannung zwischen Partikularität und Universalität. Nachwuchswissenschaftler profitieren von der Interdisziplinarität des Exzellenzclusters: „Die Herausbildung normativer Ordnungen‘“, Forschung Aktuell; und Rodemeier, Susanne (2014): „Mubeng Beteng: A contested ritual of circumambulation in Yogyakarta”, in: Gottowik, Volker (Hg.): Dynamics of Religion in Southeast Asia: The Magic of Modernity, Amsterdam: Amsterdam University Press, 133-153.


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