Leiter: Prof. Dr. Stefan Kadelbach

Zehn Stipendiaten, die fünf verschiedenen Disziplinen (Ethnologie, Philosophie, Politik- und Rechtswissenschaften sowie Soziologie) angehören, beschäftigten sich in ihren Dissertationen aus ihrer je eigenen Perspektive mit Themen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Gemeinsam war den verschiedenen Ansätzen der Versuch, über - per se nicht illegitime - Kriterien ökonomischer Rationalität hinaus eine Perspektive auf die in der EZ entstehenden normativen Beziehungen zu gewinnen, die auch dem Anspruch der Empfängerseite auf Autonomie und Gleichberechtigung Rechnung trägt. Erkenntnisse und Methoden der beteiligten Disziplinen waren dabei von gegenseitigem Nutzen, so dass das Projekt als gelungenes Beispiel interdisziplinärer Wissenschaft gelten kann.

Der empirische Blick der Ethnologie erweist standardisierte, d.h. in entwicklungspolitischen Konzepten formulierte normative Anforderungen oft als wirkungslos (s. das Projekt von Loewe über UNESCO-Normen und die Lehrerausbildung in Nigeria) oder ihren Gebrauch als zynisch (Gruber über die "Fußballweltmeisterschaft als Entwicklungsereignis"). Auf ein solches Gegeneinander verschiedener Normschichten kann man zum einen mit einer Theorie reagieren, die diese Widersprüchlichkeit erfasst; eine rechtswissenschaftliche Arbeit (Bregvadze) befasste sich speziell mit dem Phänomen des aus dem Transfer externer Normen heraus entstehenden Normenpluralismus. Eine andere Antwort kann es sein, eine normative Unterlegung zu finden, die die Legitimität entwicklungspolitisch beeinflusster Normbildung erhöht. Die soziologischen Beiträge suchen im Spannungsfeld zwischen internationalen Normen und sozialer Wirklichkeit Annäherungen eines gehaltvollen Entwicklungsbegriffs; eine Arbeit beschäftigte sich mit einem Entwicklungskonzept, das sich am Wohlbefinden des Einzelnen orientiert (Dückers), eine zweite mit Anforderungen an selbstbestimmte Vergangenheitsbewältigung nach schweren inneren Konflikten, die zugleich den völkerrechtlichen Anforderungen entspricht (Auer), eine dritte mit der Spannung zwischen den Interessen an Landnutzung und Auslandsinvestitionen (Goetz). Ein normativer Entwicklungsbegriff muss den Ansprüchen auf Selbstbestimmtheit, die sich aus den empirischen Beispielen durchweg ergeben, Rechnung tragen. In der praktischen Philosophie führt dies zu der Forderung, von außen herangetragene Vorstellungen vom "Anderen" diskursethisch zu entschärfen (Dübgen) und selbst dann durch ein diskursives Verständnis zu ersetzen, wenn sie einen menschenrechtlichen, an den Fähigkeiten des Einzelmenschen orientierten Ansatz verfolgen (Culp). Beiträge der politischen Theorie und der Rechtswissenschaft fordern daher eine Praxis der Nicht-Beherrschung, die nicht nur gegenüber den Partnerländern Ansprüche stellt, sondern sich ihrerseits an demokratischen (Gädeke), rechtsstaatlichen (Neumann) und menschenrechtlichen (Wagner) Prinzipien ausrichtet.

Die Doktorandengruppe traf sich während der Förderdauer im zweiwöchentlichen Turnus in einem Kolloquium. Zu einzelnen Sitzungen waren auch externe Gäste aus anderen Disziplinen als Redner eingeladen, die aus ihrer disziplinären Warte in die Thematik einführten (die PIs Mamadou Diawara, Rainer Forst, Stefan Kadelbach und Rainer Klump) bzw. Gelegenheit zu einem Austausch mit der Praxis boten (PD Dr. Philipp Lepenies, KfW, und Dr. Lothar Jahn, GIZ). Die Doktorandengruppe organisierte zwei Workshops („Auf dem Weg zu einer neuen Entwicklungspartnerschaft", Bad Homburg, 29./30. April 2010 und: „Normative Debates on Poverty - Preconditions for Solidary Cooperation", mit Podiumsdiskussion “Is Poverty all about Money?”, Frankfurt 8. Juli 2010) und nahm an einer einwöchigen Field School am Centre Point Sud in Bamako (Mali) unter der Leitung von Mamadou Diawara teil (Anthropological Field School, Centre Point Sud, Bamako (Mali), 5. bis 12. Dezember 2009, Leitung Mamadou Diawara (Frankfurt).)

Zentrale Thesen der Arbeiten der Beteiligten sind in einem gemeinsamen Sammelband zusammengefasst:
Stefan Kadelbach (Hg.) (2014): Effektiv oder gerecht? Die normativen Grundlagen der Entwicklungspolitik (Reihe: Normative Orders, Bd. 11), Frankfurt/New York: Campus.

Die wichtigsten Publikationen des Forschungsprojekts sind:
Auer, Kira (2014): Vergangenheitsbewältigung in Ruanda, Kambodscha und Guatemala. Die Implementierung normativer Ansprüche, Baden-Baden: Nomos.
Bregvadze, Lasha (2013): Constituting Constitutions beyond the State: Polycontextural Constitutionalism of the World Society, in: Febbrajo und Harste (Hg.):  Law and Intersystemic Communication: Understanding Structural Coupling, Farnham (Ashgate), 327-342.
Bregvadze, Lasha (2009): “Legal Culture of the World Society: Local Law and Social Change from the Autopoietic Perspective”, in: Calliess/Fischer-Lescano/Wielsch/Zembansen (Hg.): Soziologische Jurisprudenz: Festschrift for Gunther Teubner, Berlin: De Gruyter, 717-738.
Culp, Julian (2015): “Development”, in: Moellendorf, Darrel/Widdows, Heather (Hg.), The Handbook of Global Ethics, Oxford/New York: Routledge; Culp, Julian (2014): Global Justice and Development, Basingstoke: Palgrave Macmillan; Culp, Julian (2014) (Hg.): Global Justice: Theory Practice Rhetoric 7, Sonderheft “Global Justice and the Theory and Practice of Development”, (mit Beiträgen von Thomas Pogge, Nicole Hassoun, Aram Ziai Bas van der Vossen u.a.), online unter: https://www.theglobaljusticenetwork.org/global/index.php/gjn/issue/view/7.
Dübgen, Franziska (2014): Was ist gerecht? Kennzeichen einer transnationalen solidarischen Politik, Frankfurt/New York: Campus.
Dübgen, Franziska (2014): „Translating Emancipation(s). Afrikanische Schwestern und das Privileg der Kritik“, in: Goll, Tobias/Keil, Daniel/Telius, Thomas (Hg.): Critical Matter. Diskussionen eines neuen Materialismus, Münster.
Dübgen, Franziska (2010): ’Respect the Poor’? Postkoloniale Perspektiven auf Armut, PERIPHERIE, 120, 452-477.
Gädeke, Dorothea (2017): Politik der Beherrschung - Eine kritische Theorie externer Demokratieförderung, Berlin: Suhrkamp, 2017. (Englische Übersetzung in Vorbereitung.).
Gädeke, Dorothea (2012): „Externe Demokratisierung als Aufgabe Globaler Gerechtigkeit“, in: Niesen, Peter (Hg.): Transnationale Gerechtigkeit und Demokratie (Reihe: Normative Orders, Band 5), Frankfurt/New York: Campus, 131-158.
Goetz, Ariane (2019): Land Grabbing as Development? Chinese and British Land Acquisitions in Comparative Perspective, Bielefeld: Transcript, (i.E., auch open access).
Goetz, Ariane (2012): “The Land Crisis in Southern Africa: Challenges for Good Governance”, in: Ben Chigara (Hg.): Southern Africa Development Community Land Issues: A New, Sustainable Land Relations Policy, London/New York: Routledge, (mit Hany Besada).
Goetz, Ariane (2010): “African solutions for African problems and shared R2P”, in: Hany Besada (ed.), Crafting an African Security Architecture. Addressing Regional Peace and Conflict in the 21st Century, Burlington: Ashgate (2016 bei London/New York: Routledge) (mit Hany Besada und Karolina Werner).
Gruber, Matthias (2016): “Who owns the vuvuzela”, in: Diawara, Mamadou/ Röschenthale, Ute (Hg.), Copyright Africa. How intellectual property, media and markets transform immaterial cultural goods, Sean Kingston Publishing: Canon Pyon.
Gruber, Matthias (2014): "Sportereignisse als ‘Entwicklungsmotor’. Die Fußball WM 2010 in Südafrika", in: Kadelbach, Stefan (Hg.), Effektiv oder Gerecht? Die normativen Grundlagen der Entwicklungszusammenarbeit, Frankfurt/New York: Campus.
Gruber, Matthias (2008): „Fußball in Südafrika“, journal-ethnologie.de 3/2008.
Kadelbach, Stefan (2013): Handlungsformen und Steuerungsressourcen in den EU-Außenbeziehungen, in: A. von Arnauld (Hg.), Europäische Außenbeziehungen, Baden-Baden: Nomos, 207-272.
Stefan Kadelbach (Hg.) (2014): Effektiv oder gerecht? Die normativen Grundlagen der Entwicklungspolitik (Reihe: Normative Orders, Bd. 11), Frankfurt/New York: Campus, mit Beitrag "Einführung: Normative Bedingungen der Entwicklungszusammenarbeit".
Kadelbach, Stefan (2014): „Entwicklung als normatives Konzept“, in: P. Dann/S. Kadelbach/M. Kaltenborn (Hg.), Entwicklung und Recht. Eine systematische Einführung, Baden-Baden: Nomos, 49-70.
Neumann, Jacqueline (2013): Die Förderung der Rule of Law in der Entwicklungszusammenarbeit, Münster: LIT Verlag, 2013, 887 S.
Neumann, Jacqueline (2013): „Geber in der Pflicht“, Entwicklung und Zusammenarbeit (E+Z) 54, 12, 462-464.
Neumann, Jacqueline (2013): „Donor obligations”, in: Development and Cooperation (D+C) 40, 12, 462-464.
Wagner, Léonie Jana (2017): Menschenrechte in der Entwicklungspolitik. Extraterritoriale Pflichten,  der Menschenrechtsansatz  und seine Umsetzung, Wiesbaden: Springer.


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