Leibniz-Preis für Rainer Forst

Der Frankfurter Philosoph und Politikwissenschaftler erhält Spitzenauszeichnung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Pressemitteilung

9. Dezember 2011

FRANKFURT. Der Frankfurter Philosoph und Politikwissenschaftler Prof. Rainer Forst erhält den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2012, das gab der Hauptschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am Nachmittag in Bonn bekannt. Prof. Werner Müller-Esterl, Präsident der Universität Frankfurt, gratulierte dem Forscher, der zusammen mit neun Wissenschaftlern ausgewählt wurde. Müller-Esterl bezeichnete den Preis als „hocherfreuliche Auszeichnung für einen Wissenschaftler, der die Profilbildung der Geistes- und Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität in den vergangenen Jahren entscheidend vorangebracht hat. Forst gehört zu den wichtigsten politischen Philosophen Deutschlands und hat sich durch seine Arbeiten ein herausragendes internati-onales Renommee erworben.“ Rainer Forst hat die Professur für Politische Theorie und Philosophie seit 2004 an der Goethe-Universität inne und ist darüber hinaus einer der beiden Sprecher des Frankfurter Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, dessen Programm er maßgeblich mitentwickelt hat. Zudem ist er stellvertretender Sprecher der Kollegforschergruppe „Iustitia Amplificata“ und Mitglied des Direktoriums des Forschungskollegs Humanwissenschaften in Bad Homburg. Zugleich leitet er den von ihm aufgebauten und in seiner Art einzigartigen, internationalen MA-Studiengang "Politische Theorie". Obwohl die Einflüsse auf sein Denken mannigfaltig sind, ist Forsts Name mit Frankfurt nicht nur als Ort seines Wirkens, sondern auch durch die sozialphilosophische Denkrichtung der „Kritischen Theorie“ verbunden, die ihn geprägt hat. Forst gilt international als einer der einflussreichsten jüngeren Vertreter dieses Theorieansatzes, der neue Impulse aufgenommen und neue Wege eingeschlagen hat.

„Wer heute nach den wegweisenden Ansätzen zu Themen wie Gerechtigkeit, Toleranz, Freiheit oder Demokratie fragt, wird auf die Arbeiten Forsts verwiesen“, ergänzt Müller-Esterl. Forst hat eine philosophische Position entwickelt, die mit dem Titel seines 2007 erschienenen Buches Das Recht auf Rechtfertigung auf den Begriff gebracht wird. Er geht davon aus, dass Menschen in verschiedene ‚Rechtfertigungspraktiken‘ eingebunden sind, d.h., dass Handlungsnormen nach eigenen Logiken in der Moral, dem Recht und anderen Sphären zu rechtfertigen sind und dass die praktische Vernunft das Vermögen ist, diese Logiken zu erkennen und zu beachten. Forst entwickelt – mit Bezug auf Kant sowie Habermas und Rawls – eine differenzierte Theorie der Normativität, der Moral und insbesondere der politischen Gerechtigkeit.

Sein wissenschaftlicher Werdegang ist durch Personen und Orte diesseits und jenseits des Atlantiks geprägt. Er promovierte 1993 bei Jürgen Habermas, der ihn zum Mitglied der berühmten Arbeitsgruppe „Rechtstheorie“ machte, die Habermas seinerzeit mit Hilfe des ihm verliehenen Leibniz-Preises ins Leben gerufen hatte. Zugleich verbrachte Forst einen längeren Forschungsaufenthalt in Harvard bei John Rawls. Und schon während seiner Assistentenzeit (bei Axel Honneth) am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin sowie in Frankfurt war er zweimal Gastprofessor in den USA. Nachdem er sich als Heisenbergstipendiat entschieden hatte, mehreren Angeboten (u.a. aus den USA) nicht zu folgen, sondern den Frankfurter Ruf auf die Professur für Politische Theorie mit vollberechtigter Mitgliedschaft im Fachbereich Philosophie anzunehmen, erreichte ihn auch schon die Einladung auf die renommierte Theodor-Heuss-Professur an der New School for Social Research in New York. Weitere Auszeichnungen und Rufe sollten folgen, so 2007 auf einen Lehrstuhl an der University of Chicago. Forst entschied sich jedoch, zugunsten der Arbeit im Cluster in Frankfurt zu bleiben. Auch einem Angebot einer Gastprofessur für Philosophie an der Harvard University, das als allerhöchste Auszeichnung gilt, ist er bisher nicht gefolgt.

Vier Bücher, die alle bei Suhrkamp erschienen sind, hat Forst bisher veröffentlicht, und sie sind sämtlich ins Englische sowie zahlreiche andere Sprachen übersetzt worden: Seine Dissertation mit dem Titel Kontexte der Gerechtigkeit (1994) gilt als die umfassendste, klarste und eigenständigste Analyse der Debatte zwischen liberalen und kommunitaristischen Ansätzen in der politischen Philosophie. Seine Habilitationsschrift Toleranz im Konflikt (2003) wird allgemein als ein Meilenstein der Forschung angesehen; auf 800 Seiten gelingt es ihm, die Geschichte dieses Begriffs nicht nur umfassend zu rekonstruieren, sondern systematisch zu interpretieren und auf dieser Basis eine für unsere Gesellschaften tragfähige Konzeption der Toleranz zu entwickeln. Das Recht auf Rechtfertigung (2007) entwickelt ebenso wie Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse (2011) seinen Ansatz systematisch weiter. Sein Werk ist der Gegenstand internationaler Konferenzen, und im nächsten Jahr erscheinen zwei Bände, in denen sich renommierte KollegInnen seinen jüngeren Arbeiten widmen. Als erster deutscher Wissenschaftler ist er verantwortlicher Mitherausgeber der führenden internationalen Zeitschriften auf den Gebieten der praktischen Philosophie (Ethics) und der politischen Theorie (u.a. Political Theory). Forst gehört zudem zu den wenigen Wissenschaftlern, deren Publikationen regelmäßig in den großen Publikumszeitungen besprochen werden. Im Spiegel wurde er 2008 als interessantester Intellektueller seiner Generation bezeichnet.

Mit Rainer Forst wird bereits der 13. Wissenschaftler ausgezeichnet, der der Goethe-Universität angehört oder angehörte: 1986 hielten sowohl der Philosoph Jürgen Habermas als auch der spätere Nobelpreisträger und Biochemiker Hartmut Michel den begehrten Preis. Es folgten der Historiker Lothar Gall (1988), der Physiker Reinhard Stock (1989), der Rechtshistoriker Michael Stolleis (1991), der Mathematiker Claus-Peter Schnorr (1993), der Physiker Theo Geisel (1994), der Chemiker Christian Griesinger (1998), der Paläontologe Volker Mosbrugger (1999), die Biologin Stefanie Dimmeler (2005), der Historiker Bernhard Jussen (2007) und der Wirtschaftswissenschaftler Roman Inderst (2010).

Zusammen mit dem hohen Renommee trägt der Leibniz-Preis seinen Trägerinnen und Trägern auch ein bedeutendes Preisgeld ein. Vor allem aber steht der Leibniz-Preis für eine Flexibilität, die nicht nur in der Wissenschaft für die Verwendung öffentlicher Gelder einmalig ist: Alle Ausgezeichneten können ihre Fördersumme innerhalb eines Zeitraums von bis zu sieben Jahren nach eigenen Vorstellungen und ohne Antrag für ihre wissenschaftlichen Arbeiten einsetzen. Ziel des Leibniz-Programms, das 1985 eingerichtet wurde, ist es, die Arbeitsbedingungen herausragender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu verbessern, ihre Forschungsmöglichkeiten zu erweitern, sie von administrativem Arbeitsaufwand zu entlasten und ihnen die Beschäftigung besonders qualifizierter jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu erleichtern. Die Entscheidung über die Preisträger trifft der Hauptschuss aufgrund einer Empfehlung des Nominierungsausschusses für das Leibniz-Programm.

Informationen: Prof. Rainer Forst, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Campus Bockenheim, Tel: (069) 798- 22046, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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