Wenn Normen gebrochen werden

Internationale Konferenz zu Revolutionen, Feminismus und „Moral Luck“ am 6. und 7. Oktober an der Goethe-Universität

Pressemitteilung

5. Oktober 2011

FRANKFURT. Der Moment des Normbruchs und seine Folgen stehen im Mittelpunkt der Konferenz des Internationalen Graduiertenprogramms des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität. In drei Workshops diskutieren rund 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreter internationaler Organisationen aus interdisziplinärer Perspektive unter dem

Titel: „Breaking the Norms“
Vom: 6. bis zum 7. Oktober 2011
Ort: Campus Westend der Goethe Universität, Grüneburgplatz 1

Der erste Workshop widmet sich dem Thema Revolution. Der Frage, inwiefern bei Revolutionen Normen tatsächlich gebrochen, verändert oder ersetzt werden, geht im ersten Panel zunächst Dr. Larbi Sadiki (University of Exeter) in einer Analyse des arabischen Frühlings nach. Dr. Bertel Nygaard (Aarhus University) wird sich diesem Aspekt aus einer historischen Perspektive nähern. Die wissenschaftlichen Überlegungen werden ergänzt von Ivan Marovic, dem Mitbegründer der serbischen Jugendbewegung „Otpor!“, die das Regime Milosevic mit zu Fall brachte. Heute beraten die ehemaligen Revolutionäre mit ihrer Organisation CANVAS weltweit Oppositionsbewegungen in Diktaturen über friedliche Wege des Regimewechsels.

Im zweiten Panel steht die Rolle externer Akteure bei der Herausbildung einer neuen staatlichen Ordnung im Mittelpunkt. Der unabhängige Wahlexperte Gilles Saphy wird über seine Beratungstätigkeit in Tunesien nach der Jasminrevolution berichten. Über Verfassungsfragen unmittelbar nach revolutionären Umwälzungen spricht Dr. Thomas Markert, Sekretär der „Venedig-Kommission“ des Europarates, die besonders in Osteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion half, neue Verfassungen zu erarbeiten. Zusammen mit dem OSZE-Fachmann für Wahlen, Dr. Armin Rabitsch, werden die Experten in einer Podiumsdiskussion darüber debattieren, ob die Beteiligung externer Akteure beim Aufbau neuer Institutionen auch zu einem Normtransfer führt und ob es hier zu Konflikten mit den Normen vor Ort kommen kann.

Im Rahmen des zweiten Workshops sollen Normbrüche aus einer moralphilosophischen Perspektive betrachtet werden. Wird ein Normbruch getadelt oder normkonformes Handeln gelobt, ist dabei vorausgesetzt, dass der Akteur in einem bestimmten Sinne für sein Handeln verantwortlich war. Wir schreiben dem Akteur die Handlung nicht nur zu (attributability), sondern gehen auch davon aus, dass dieser Akteur für sein Handeln verantwortlich gemacht werden kann (accountability). In der gegenwärtigen Moralphilosophie, insbesondere infolge der Auseinandersetzung mit dem als „Moral Luck“ diskutierten Problem, wird diese Annahme genauer untersucht und die Frage gestellt, welchen Bedingungen moralische Urteile bei der Bewertung von Personen unterliegen: Wann sind wir berechtigt, eine Person für ihr Verhalten zu loben oder einen Normbruch ihrerseits zu tadeln? Innerhalb des Workshops soll diese Frage vor dem Hintergrund metaethischer Theorien untersucht werden. Diskutanten sind: Dr. Michael Kühler (Universität Münster), Gerbert Faure (Katholische Universität Leuven), Dr. Julius Schälike (Universität Konstanz), Dr. Katharina Bauer (Universität Bochum), Dr. Mario Brandhorst (Universität Bielefeld) und Prof. Jens Timmermann (University of St. Andrews).

Wenn Normen einmal gebrochen sind, heißt dies noch lange nicht, dass sie damit für immer verschwunden sind. Der dritte Workshop fragt nach den Langzeitfolgen des Normbruchs am Beispiel des Feminismus. Wurden einige wichtige Elemente der feministischen Kritik von der Gesellschaft aufgenommen, so kann man in anderen Bereichen Rückschläge, wenn nicht gar Gegenbewegungen beobachten. Die eingeladenen Referentinnen und ihre Kommentatorinnen werden sich der Frage nach dem Status Quo und dem „Wohin?“ des Feminismus aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Dabei kommen Schönheitsideale und Körpermanipulationen ebenso zur Sprache (Prof. Paula-Irene Villa, LMU München) wie Forschungsergebnisse zu Geschlecht und Gender in der Hirnforschung kritisch hinterfragt werden (Prof. Anelis Kaiser, TU Berlin) und eine generelle Repolitisierung des Feminismus gefordert wird (Dr. Nina Power, University of Roehampton, London).

Interessierte Gäste sind an den Konferenztagen herzlich willkommen. Alle Workshops finden im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend statt. Um eine kurze Anmeldung wird gebeten unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Informationen: Irene Weipert-Fenner, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Tel: (069) 798-25456, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Programm: www.normativeorders.net/igpkonferenz


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