Die fehlende Achse der Kapitalismusanalyse

Die New Yorker Politikwissenschaftlerin Prof. Nancy Fraser entwickelt ihr neues Konzept in den Frankfurt Lectures an der Goethe-Universität

Pressemitteilung

8. April 2010

FRANKFURT. Als „The Great Transformation“ bezeichnete der Ökonom und Sozialtheoretiker Karl Polanyi in seinem 1944 erschienenen Buch den Wandel westlicher Gesellschaften seit der Industrialisierung. Diese große Umwandlung sei gekennzeichnet durch zwei Bewegungen. Auf der einen Seite stehe die Vermarktlichung, das Diktat von Geld- und Sachzwängen, auf der anderen der Kampf um soziale Sicherheit. Doch reicht dieses Konzept des „double movement“ aus, um die aktuellen Entwicklungen zu analysieren? Nein, sagt die politische Theoretikerin Nancy Fraser, Professorin an der New Yorker New School for Social Reseach. Inwiefern eine Erweiterung des Konzepts mehr Erkenntnisgewinn verspricht, erläutert Fraser am 19. und 20. April unter dem Titel „The Crisis of Capitalism“ an der Goethe-Universität. Mit den Vorträgen werden die Frankfurt Lectures fortgesetzt, eine Veranstaltungsreihe des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität.

Ziel der Vorlesungen ist eine kritische Weiterentwicklung von Polanyis „The Great Transformation“, in der der Konflikt zwischen Vermarktlichung und sozialer Absicherung um eine dritte Achse von sozialen Kämpfen erweitert wird: „Emanzipation“. Nancy Fraser versteht die Emanzipation, den Kampf um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, als das fehlende Dritte, „the missing third“. Statt von einem „double movement“ spricht sie von einem „triple movement“. Diese dreifache Bewegung ist der Kern ihrer theoretischen Überlegungen, mit denen sie ein neues Licht auf die gegenwärtige Krise kapitalistischer Gesellschaften wirft. Im ersten Schritt wird Fraser das grundlegende Konzept und die zentralen Begriffe einführen. Der entsprechende Vortrag am 19. April heißt „Marketization, Social Protection, Emancipation“. Darauf aufbauend geht es am 20. April um die Anwendung der neuen Perspektive zur Analyse der gegenwärtigen Entwicklungen. Das Thema dieses Vortrages lautet „Ambivalences of Emancipation“.

Beide Vorträge beginnen um 19.00 Uhr. Sie finden statt im Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend, Hörsaal 3. Die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich willkommen. Prof. Rainer Forst (Sprecher des Exzellenzclusters, Professor für Politische Theorie und Philosophie) wird in das Thema einführen.

Nancy Fraser gilt als eine der renommiertesten politischen Theoretikerinnen der Gegenwart. An der New School for Social Research in New York ist sie Henry and Louise Loeb Professor of Philosophy and Politics. Die Frankfurt Lectures sind zum vergangenen Wintersemester ins Leben gerufen worden. Erster Redner war Charles Larmore mit dem Thema „Vernunft und Subjektivität“. Im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe lädt der Exzellenzcluster herausragende Forscher ein, in zwei aufeinander folgenden Vorlesungen bestimmte Aspekte der Herausbildung normativer Ordnungen auf eine theoretisch innovative und zeitdiagnostisch prägnante Art und Weise zu bearbeiten. Bereits am 17. und 18. Mai werden die Lectures fortgesetzt. Rechtsprofessor Frank I. Michelman von der Harvard University spricht über „The Case of Liberty“.

Frankfurt Lectures

Nancy Fraser: The Crisis of Capitalism
Montag, 19.4.2010, Lecture I: Marketization, Social Protection, Emancipation
Dienstag, 20.4.2010, Lecture II: Ambivalences of Emancipation
Jeweils 19.00 Uhr, Campus Westend, Hörsaalzentrum, HZ3

Information
: Peter Siller, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Tel.: (069) 798-22015, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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