Frankfurter Rechtshistoriker Stolleis im illustren Kreis der Ordensträger „Pour le mérite“. Dem Orden gehören 39 deutsche und 35 ausländische Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Künsten an

Pressemitteilung

28. Mai 2015

FRANKFURT. Der Frankfurter Rechtshistoriker Prof. Dr. Michael Stolleis wird am Sonntag (31. Mai) im Konzerthaus Berlin in den illustren Kreis der Ordensträger „Pour le mérite“ aufgenommen. Dem Orden für Wissenschaft und Künste gehören derzeit 39 deutsche und 35 ausländische Mitglieder an, unter ihnen zahlreiche Nobelpreisträger wie die Biologin Christiane Nüsslein-Volhard, der Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten, der Mediziner Günter Blobel und der Hirnforscher Eric Kandel, aber auch bedeutende Persönlichkeiten der Kulturszene wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, der Historiker Fritz Stern, die Musiker Pierre Boulez, András Schiff und Alfred Brendel, der Regisseur Wim Wenders oder die Frankfurter Fotografin Barbara Klemm.
Zu den neuen Ordensträgern zählen neben Stolleis der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der italienische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Claudio Magris sowie die britische Philosophin Onora O'Neill. Michael Stolleis ist der dritte deutsche Rechtshistoriker im Kreis der Ordensträger – nach Helmut Coing, der 1964 in Frankfurt das später von Stolleis geleitete Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte gründete, und dem Göttinger Franz Wieacker. „Die lange Liste berühmter Ordensträger“, sagt er, „mahnt zur Bescheidenheit. Aber ich freue mich natürlich sehr, dass die Rechtsgeschichte hier wieder eine Stimme hat.“
Als Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Neueren Rechtsgeschichte hat sich Stolleis international einen Namen gemacht. Der 73-jährige, „einer der Großen in der deutschen Wissenschaft“ – wie die Süddeutsche Zeitung anlässlich seines 70. Geburtstags schrieb, hat sich als Rechtshistoriker besonders mit der Wissenschaftsgeschichte des Staats- und Verwaltungsrechts auseinander gesetzt. Mit seinen vier Bänden zur „Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland“ von 1600 bis 1990 hat Stolleis ein imposantes Werk geschaffen – eine Geschichte der Wechselwirkung von Theorie und Praxis im Verfassungs-, Verwaltungs- und Völkerrecht seit der frühen Neuzeit. Da die Wissenschaftsgeschichte des öffentlichen Rechts kaum moderne Bearbeiter gefunden hat, bedeutete dies, viele bislang kaum bekannte Autoren und ihre Werke ans Licht zu heben und besonders auf die Verflechtungen von Biografien, politischen Interessen und jeweiliger „Verfassungslage“ zu achten. In einem Interview im Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt" 2012 hat sich Stolleis dazu näher geäußert. Rezensenten loben den enzyklopädischen Charakter des Werks, sehen darin „einen großen und unwiederholbaren Wurf“. Einig sind sich die Kritiker, dass diese anschaulich geschriebene Rechtsgeschichte nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für historisch Interessierte eine erkenntnisreiche Lektüre sei. Dem Autor sei „das maßgebliche rechtsgeschichtliche Werk der Gegenwart" gelungen, schreibt Andreas Anter in der „Zeit“ zum vierten Band von 2012. Seit 2014 gibt es auch eine Zusammenfassung des Ganzen in Taschenbuchform.
Kurzbiografie
Prof. Dr. Michael Stolleis, 73, lehrte bis 2006 Öffentliches Recht und Neuere Rechtsgeschichte an der Goethe-Universität und war von 1992 bis 2009 Direktor am Frankfurter Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte. Als solcher wirkte er auch am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität mit.
Nach dem Abitur in Neustadt an der Weinstraße und einer Winzerlehre studierte Stolleis Rechtswissenschaft in Heidelberg, Würzburg und München. Die Staatsexamina legte er 1965 in Würzburg und 1969 in München ab. Nach Promotion und Habilitation bei Sten Gagnér in München folgte Stolleis 1974 einem Ruf nach Frankfurt. 1991 erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2000 den italienisch-schweizerischen Balzan-Preis sowie weitere wissenschaftliche Auszeichnungen. Er hat Ehrendoktorate in Lund, Toulouse, Padua und Helsinki erhalten und ist Mitglied der Akademien in Mainz, Berlin-Brandenburg und Göttingen, der National-Akademie Leopoldina Halle, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, der Akademien in Helsinki und Kopenhagen sowie von wissenschaftlichen Gesellschaften (Lund, Frankfurt).
Der Orden „Pour le mérite“

Der Orden „Pour le mérite“ („für das Verdienst“) wurde 1740 von Friedrich dem Großen für besondere militärische Leistungen gestiftet. Alexander von Humboldt regte 1842 König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen an, eine „Friedensklasse“ des Ordens unter der Bezeichnung „Pour le mérite für Wissenschaften und Künste“ für die drei Abteilungen Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Medizin sowie Schöne Künste zu stiften. Humboldt zählte dann auch selbst zu den ersten Trägern. In der Weimarer Republik wurden alle Stiftungen von Orden verboten, die Ordensträger organisierten sich als freie Gemeinschaft von Künstlern und Gelehrten und verliehen zivile Auszeichnungen, was 1924 auch von staatlicher Seite gebilligt wurde. So wurden in den 1920er Jahren der Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1924) und die Künstler Max Liebermann (1927) und Käthe Kollwitz (1929) geehrt. In der Zeit des Nationalsozialismus ließ Hermann Göring als preußischer Ministerpräsident alle bisherigen Träger „auf ihre politische und künstlerische Eignung“ prüfen, der Orden wurde allen Juden und NS-Gegnern abgesprochen – so auch Käthe Kollwitz.

In der Bundesrepublik wurde der Orden als zivile Gemeinschaft mit staatlicher Anerkennung fortgeführt. Inzwischen wird der Orden von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert. Neue Mitglieder werden vom Ordenskapitel auf der jährlichen Sitzung gewählt. Kanzlerin des Ordens ist seit 2013 Christiane Nüsslein-Volhard. Die Mitglieder treffen sich jährlich zweimal, wobei die Frühjahrstagung in Berlin stattfindet. Anstelle des sonst üblichen Vortrags wird diesmal András Schiff ein Konzert geben; der ungarische Pianist und Dirigent ist seit 2011 Mitglied im Orden „Pour le mérite“.

Foto von Prof. Stolleis zum Download unter: www.uni-frankfurt.de/55725920


Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 gegründet mit rein privaten Mitteln von freiheitlich orientierten Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern fühlt sie sich als Bürgeruniversität bis heute dem Motto "Wissenschaft für die Gesellschaft" in Forschung und Lehre verpflichtet. Viele der Frauen und Männer der ersten Stunde waren jüdische Stifter. In den letzten 100 Jahren hat die Goethe-Universität Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Chemie, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Heute ist sie eine der zehn drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geisteswissenschaften."

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