Tagung zur Krise: „Die Grenze zwischen den Ordnungen“ Internationale Jahreskonferenz des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität am 23. und 24. November 2017

15. November 2017

Pressemitteilung

FRANKFURT. Es ist schon paradox: Lange Zeit schien es, als ob die liberale Weltordnung westlicher Prägung vor allem von außen unter Druck gerate. Mittlerweile könnte auch das Gegenteil der Fall sein. Die Stichworte reichen von Trump, über den Brexit bis zu nationalistischen und populistischen Bewegungen. Hinzu kommen nach wie vor virulente transnationale Herausforderungen wie die Migrations-, Klima- oder Finanzkrisen. Um ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen Konflikte und globalen Probleme, die mit dem Begriff Krise bezeichnet oder zu einer übergreifenden Krise zusammengefasst werden, geht es dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ in seiner zehnten Internationalen Jahreskonferenz. Sie trägt den Titel: „Crisis – Interdisciplinary Perspectives“.

Die zweitägige Veranstaltung findet am 23. und 24. November statt, auch dieses Mal im Gebäude „Normative Ordnungen“ des Exzellenzclusters auf dem Frankfurter Campus Westend. Auf den Jahreskonferenzen werden zentrale Themenstellungen des geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsverbundes mit Gästen aus dem In- und Ausland diskutiert. Ist die Welt nun wirklich – um mit Shakespeares Hamlet zu sprechen – „aus den Fugen“? Immerhin gab es nach 1989 einen großen Fortschrittsglauben bezogen auf Wohlstand, Gerechtigkeit und Demokratie in einer friedlichen internationalen Ordnung. Dieser Optimismus scheint nun vielfach abgelöst worden zu sein von Gefühlen der Angst und Unsicherheit, die sich auch in antidemokratischen Formen äußern.

Prägend, besonders auch für die aktuelle Jubiläums-Jahreskonferenz, so der Anspruch des Exzellenzclusters, ist die transdisziplinäre Methode, die seit zehn Jahren den Kern des Forschungsverbundes bildet und eine differenzierte Analyse der Geschehnisse ermöglichen soll. Gegenstand der Untersuchungen sind dabei nicht nur die Defizite von Regelwerken oder transnationalen und supranationalen Institutionen, sondern ebenso deren normative Begründungen und tatsächliche Akzeptanz. Auf dem diesjährigen Programm stehen drei Panels mit insgesamt neun Vorträgen. Hinzu kommt eine Keynote von Hauke Brunkhorst, Professor für Soziologie an der Europa-Universität Flensburg.

Die Konferenz beginnt mit einem Panel zum Thema „Conceptions of Crisis“. Hier soll auch der grundlegenden Frage nachgegangen werden, was es genau bedeuten könnte, wenn davon die Rede ist, eine normative Ordnung stecke in der Krise. Rainer Forst und Klaus Günther, die beiden Sprecher des Exzellenzclusters, verweisen bei einer Begriffsklärung auf den Philosophen Schleiermacher und dessen Definition einer „Grenze zwischen zwei verschiedenen Ordnungen der Dinge“, die Krise als eine Zeit des Übergangs von einer alten zu einer neuen Ordnung, da die alte Ordnung nicht mehr herstellbar und die neue noch nicht vorgezeichnet ist. Gegenwärtig könne man, so der politische Philosoph und der Rechtswissenschaftler in ihrem Beitrag „Normative Crisis: Conceptual and Diagnostic Remarks“, von verschiedenen Formen von „Rechtfertigungskrisen“ sprechen.

Weitere Vortragende des ersten Panels, moderiert von der Cluster-Geschäftsführerin Rebecca Caroline Schmidt, sind Albena Azmanova und Brian Milstein, beide auf dem Feld der politischen Philosophie zu Hause. Die Professorin an der University of Kent spricht über „Crisis of Crisis: On Normative and Institutional Stuckness“ und der wissenschaftliche Mitarbeiter des Exzellenzclusters widmet sich der Frage „What Does Legitimation Crisis Mean Today?“. Im Anschluss an das Eröffnungspanel steht die Keynote Lecture auf dem Programm. „Normative Orders in Crisis – Conditions of Democratic Solidarity within the Capitalist World System“, heißt der Vortrag von Hauke Brunkhorst. Hier zeichnet er u.a. die Entwicklung der vergangenen 40 Jahre nach. Sie ist, so seine These, geprägt durch eine Abwertung politischer und persönlicher Rechte durch soziale Ungerechtigkeit.

Das zweite Panel – dann am 24. November – hat einen Fokus auf der historischen und ethnologischen Perspektive. Es heißt „Historical Interpretations in Crisis – The Search for Concepts beyond the Secularization Paradigm“ und wird moderiert von Annette Warner, Professorin für Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt und Mitglied des Exzellenzclusters. Zu den mittlerweile unzulänglichen historischen Konzepten gehöre auch die Rede von Europa als eines hervorzuhebenden Ortes. Zu bevorzugen sei „A Concept of Eurasia“. So heißt auch der Vortrag von Chris Hann vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle (Saale). Judith Blume (bis vor kurzem am Cluster, jetzt in Göttingen) zeigt am Beispiel von Sammelbildern und dem Ende der Nazizeit, wie sich normative Krisen in der Alltagskultur abbilden. Der Mittelalter-Historiker und Cluster-Angehörige Bernhard Jussen plädiert in seinem Beitrag, nicht nur auf Schriftlichkeit fixiert zu sein, sondern auch visuelle Medien stärker mit einzubeziehen.

Das abschließende Panel beschäftigt sich mit der Frage, was die gegenwärtigen nationalistischen Narrative für das Konzept der internationalen Ordnung bedeutet, verstanden als System von Staaten, die in einem kosmopolitischen Geist eng kooperieren. Moderator ist der Rechtswissenschaftler Stefan Kadelbach vom Exzellenzcluster. Die drei Referierenden stammen aus der Politikwissenschaft. Zu Gast in Frankfurt ist Vivienne Jabri. Die Professorin für Internationale Politik am King’s College London spricht über: „Crisis and World Order: A Postcolonial Political Ontology“. Der Professor für Internationale Organisationen Christopher Daase („The Contradictions of the Liberal World Order“) und der Postdoktorand Stefan Kroll („The Crisis of the Liberal World Order: And the Politics of its Defense“) gehören zum Cluster. Sie adressieren Aspekte, der vermeintlich von innen heraus gefährdeten liberalen Weltordnung und fragen, ob nicht auch die Grundannahmen liberaler und institutionalistischer Ansätze einer kritischen Prüfung unterzogen werden müssten.

Die Konferenz ist presseöffentlich. Eine vorherige Anmeldung wird erbeten – bitte unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Informationen: Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“: Rebecca Caroline Schmidt (Geschäftsführerin), Tel.: 069/798-31401, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; Bernd Frye (Pressereferent), Tel.: 069/798-31411, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; www.normativeorders.net

Programm: www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/jahreskonferenzen

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Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 mit privaten Mitteln überwiegend jüdischer Stifter gegründet, hat sie seitdem Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Heute ist sie eine der drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geistes- und Sozialwissenschaften. Zusammen mit der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Mainz ist sie Partner der länderübergreifenden strategischen Universitätsallianz Rhein-Main(siehe auch www.uni-frankfurt.de/59086401/rhein-main-allianz). Internet: www.uni-frankfurt.de

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