Medien-Echo

Frankfurter Gesichter: Rainer Forst

Gerade hatte er noch in Lech das falsche Auto vom Schnee freigeschippt, jetzt ist er schon wieder aus Harvard zurück. An der renommierten amerikanischen Universität hatte Rainer Forst an einer Tagung über den Philosophen John Rawls teilgenommen, bei dem er einst die politische Philosophie als "A Theory of Justice" kennengelernt hatte. Heute ist Forst selber Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität und logiert im Haus der "Normativen Ordnungen", denn der sympathische und jugendlich wirkende Herr Professor ist Ko-Sprecher des gleichnamigen Exzellenzclusters. Im Gespräch mit ihm fallen immer wieder die Begriffe "Gerechtigkeit", "Toleranz" und "Rechtfertigung", die auf Rawls, aber auch auf Kant sowie den französischen Frühaufklärer Pierre Bayle zurückweisen und im Zentrum seiner Philosophie stehen.
Schon in der Pestalozzi-Schule von Idstein war Gemeinschaftskunde sein Lieblingsfach. Geboren 1964 in Wiesbaden, wuchs Forst mit seiner älteren Schwester in Niederseelbach, einem Ortsteil von Niedernhausen, auf. Die Friedens- und Ökologiebewegungen der frühen achtziger Jahre prägten ihn. Er las Bloch und Habermas. Nach seinem Zivildienst in einer Schule für behinderte Kinder zog er nach Frankfurt und studierte hier Philosophie, Politikwissenschaft und Amerikanistik, aber auch in New York und eben Harvard, wo er sich über das hohe Lesepensum wunderte. Habermas hatte ihn an Rawls weiterempfohlen. "Er hat mich sehr gefördert", erinnert sich Forst dankbar an Habermas, mit dem er noch immer gute Kontakte pflegt. Bei ihm wurde er 1993 über "Kontexte der Gerechtigkeit" jenseits der amerikanischen Debatte über Liberalismus und Kommunitarismus promoviert.
Inzwischen hatte er geheiratet und wurde 1998 Vater von Zwillingen. Nach wissenschaftlichen Assistenzen in Frankfurt und an der Freien Universität Berlin sowie einer Gastdozentur an der New School for Social Research in New York habilitierte er sich 2003 bei Habermas' Nachfolger Axel Honneth mit einer Arbeit über "Toleranz im Konflikt". Im Jahr darauf folgte Forst dem Ruf der Frankfurter Universität auf den Lehrstuhl für Politische Theorie. 2007 lehnte er einen Ruf als Full Professor an die Universität von Chicago ab. Gemeinsam mit seinem Kollegen Klaus Günther wurde er noch im selben Jahr zum Sprecher des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" gekürt. Die Krönung seiner wissenschaftlichen Laufbahn war aber 2012 die Verleihung des Leibniz-Preises der Deutschen Forschungsgesellschaft.
Mit dieser höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung in Deutschland forscht er nun weiter über das "Recht auf Rechtfertigung" - eine alte kantische Formel. Obwohl ihn mancher in die dritte Generation der Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie in der Tradition Hegels einreiht, sagt Forst klar und deutlich: "Ich gehöre zur Familie der Kantianer." Normen wie die Toleranz könnten nur im allgemeinen und wechselseitigen Austausch gerechtfertigt werden. Damit meint er: transkulturell und transnational. Die reziproke Anerkennung der Menschen als gleichberechtigte Rechtfertigungswesen liegt ihm am Herzen und grundiert seine Philosophie. Nach dem Wintersemester bietet er ein einwöchiges Blockseminar über Macht an: "Macht in den Köpfen, nicht in den Gewehrläufen". Die Bodenhaftung verliert er darüber nicht. Dafür sorgt schon die Frankfurter Eintracht. Mit Dauerkarte und Sohn geht er zu jedem Heimspiel.
CLAUDIA SCHÜLKE

"Frankfurter Gesichter. Rainer Forst" Von Claudia Schülke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. Februar 2019. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Wie man medienmündig wird

Denkraum im Schauspiel Frankfurt: Bernhard Pörksen plädiert für eine redaktionelle Gesellschaft

Für den seriösen Journalismus ist das eine gute Nachricht: Alle sollen so werden wie er. Jedenfalls, wenn es nach Bernhard Pörksen geht. Der Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen plädierte als Gast der partizipativen Redereihe "Denkraum" im Chagallsaal des Frankfurter Schauspiels für Medienmündigkeit: "Wir müssen medienmündig werden, weil wir medienmächtig geworden sind. Wir müssen von einer digitalen zu einer redaktionellen Gesellschaft werden." Pörksen forderte kritischeres Quellenbewusstsein, mehr Mut zur Wahrheit, mehr Relevanz und das Hören auch der je anderen Seite. Dafür stellt er sich ein interdisziplinäres Schulfach "Medienpraxis" vor sowie einen "Plattform-Rat" aus Medienwissenschaftlern, Journalisten, Juristen, die die Netzgemeinschaft zur Tranzparenz "zwingen" sollten.
Der Chagallsaal war ausverkauft. Offenbar hatte es sich herumgesprochen, dass der diesjährige "Denkraum" über die deutschen Verfassungswerte dank der Kooperation mit dem Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" der Frankfurter Goethe-Universität tatsächlich exzellent koordiniert und besetzt ist. Nach dem Rechtsphilosophen Günter Frankenberg und dem politischen Philosophen Rainer Forst war Pörksen schon der dritte hochkarätige Referent der Redenreihe. Ein bisschen selbst inszenierter Alleinunterhalter war er auch, obwohl ihm das Thema Meinungsfreiheit, das auf dem Programm stand, ernsthaft am Herzen zu liegen scheint. Das geht auch aus seinem Buch "Die große Gereiztheit" hervor, mit dessen Titel er auf das vorletzte Kapitel von Thomas Manns "Zauberberg" anspielt - eine Warnung vor dem "Donnerschlag" des Kriegsausbruchs.
Chefdramaturgin Marion Tiedtke hatte schon zur Begrüßung erwähnt, dass die Meinungsfreiheit bereits 1848/49 auf dem Forderungskatalog der Intellektuellen in der Frankfurter Paulskirchenversammlung gestanden habe. Erst gut hundert Jahre später wurde sie im heutigen Grundgesetz festgeschrieben. Jetzt wird das Grundgesetz 70 Jahre alt, und die Meinungsfreiheit ist dank der digitalen Gesellschaft und ihrer neuen Medien fast schon bis zur Perversion demokratisiert. Pörksen sprach daher ziemlich respektlos von einem "Kommunikations- und Wahrheitsmarkt" im Internet und bemühte die Simulationstheorie Jean Baudrillards. Was ist Realität, frage man sich angesichts einer Kloake aus Hass und Desinformation. "Realität ist das, was nicht weggeht, auch wenn man nicht daran glaubt", gab sich Pörksen selbst zur Antwort.
Fünf Diagnosen stellte er der medialen Gegenwart. Neben der "neuen Geschwindigkeit", die das Live-Ideal der Berichterstattung feiere und die Genauigkeit vernachlässige, prangerte Pörksen die "systematische Irreführung durch Erregungskreisläufe" an wie 2016 bei dem Amoklauf eines Schülers in München. Zudem diagnostizierte er einen "Hype zur Übertreibung", "neue Manipulationsmöglichkeiten" und eine "neue Sichtbarkeit". Wie kann am darauf normativ reagieren? Für Pörksen ist Bildung entscheidend. Die "Medienpraxis" in der Schule solle zu einem transparenten, dialogischen Journalismus der medial vernetzten Gesellschaft führen.
Das Publikum, das sich nach dem Vortrag an den Diskussionstischen im Wolkenfoyer und der Panorama-Bar austauschte, war damit noch nicht zufrieden. Als die Fragen der Besucher nach einer halben Stunde gesammelt und von Rebecca Schmidt, Geschäftsführerin des Exzellenzclusters, dem Referenten vorgetragen wurden, wiederholte Pörksen seine Forderung, das journalistische Arbeitsprogramm in Allgemeinbildung zu verwandeln. Schärfere Gesetze würden einer Wertedebatte nur ausweichen, die enthemmende Anonymität sei kein Wert an sich in der Netzgemeinde, sondern nur Mittel zum Zweck und in einer demokratischen Gesellschaft überflüssig. Ob der Konflikt zwischen gut recherchierter Information und Zeitdruck nicht etwas "retro oder naiv" sei, wollte die Moderatorin wissen. Doch Pörksen findet es empörend, dass die akademische Welt den Verlust des profunden Qualitätsjournalismus einfach hinnimmt.

CLAUDIA SCHÜLKE
Der nächste "Denkraum" findet am 26. Februar um 20 Uhr im Chagallsaal statt. Dann spricht Ute Sacksofsky über Gleichberechtigung.

Wie man medienmündig wird. Von Claudia Schülke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. Februar 2019. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

"Frieden beginnt in jedem Stadtteil". Friedensforscherin Deitelhoff sucht im Dialog mit Bürgern Ideen für ein besseres Miteinander

Am Samstag will die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in einem Bürgerdialog in der Stadtbücherei "Frankfurter Ideen für den Frieden" sammeln. Die Leiterin des Instituts hofft auf viele Vorschläge.
Frau Deitelhoff, am kommenden Samstag wollen Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen mit Frankfurter Bürgern über Frieden reden. Ein sehr weit gefasstes Thema, oder?
Frieden ist ein großes Thema. Aber das heißt ja nicht, dass nicht jeder persönlich auch Ideen zum Frieden hat, eine Idee davon, was er oder sie sich darunter vorstellt. Und diese Ideen wollen wir sichtbar machen, diskutieren und die Gelegenheit nutzen, um die Arbeit, die wir als Leibniz-Institut hier in Frankfurt machen, vorzustellen.
Wenn von Frieden die Rede ist, dürften die meisten Menschen zunächst einmal an die geopolitische Lage denken. Wird es hauptsächlich darum gehen?
Natürlich ist das etwas, das in den Medien derzeit sehr groß diskutiert wird. Wie geht es weiter in Syrien? Verschlechtert sich das Verhältnis zwischen den Großmächten USA, Russland und China weiter? Aber ich glaube, dass es daneben noch viele weitere Themen geben wird, die die Frankfurter Bürgerinnen und Bürger bewegen. Themen, die ganz konkret mit der Stadt zu tun haben. Frieden beginnt in jedem Stadtteil, jeder Nachbarschaft. Wie gelingt es uns, das Zusammenleben sehr unterschiedlicher Menschen zu gewährleisten? Wie gelingt es uns, diejenigen, die sich abgehängt fühlen, in die Gesellschaft zu integrieren? Das sind alles Themen des Friedens - eben des gesellschaftlichen Friedens.
Sollen aus dem Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern konkrete Vorschläge erarbeitet werden?
Ich hoffe, dass für viele Frankfurterinnen und Frankfurter das Leibniz-Institut etwas sichtbarer wird und sie sehen, was in ihrer Stadt erforscht wird. Dass wir vielleicht auch für sie zu Ansprechpartnern für bestimmte Sorgen um den gesellschaftlichen Frieden werden. Die Ideen, die die Bürgerinnen und Bürger uns mitgeben, werden wir auf unserer Homepage präsentieren und in den kommenden Monaten aufbereiten, um aufzuzeigen, wie auch kleine Ideen mit den ganz großen Fragen des Friedens zusammenhängen.
In der Ankündigung heißt es, dass sie zu einem Engagement für eine friedlichere Welt inspirieren ...
Natürlich!
Wie kann das aussehen?
Es ist vielleicht wenig bekannt, dass wir auch Mitglied im Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt sind, das sich gerade in Gründung befindet. Da überlegen wir ganz konkret, wie wir Konflikte so gestalten können, dass sie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. Wie können wir höchst unterschiedliche Akteure einer Gesellschaft so zum Streiten bringen, dass sie danach in Frieden miteinander leben können? Das wollen wir konkret erforschen - in den Städten. Wie können lokale Konflikte so ausgehandelt werden, dass die Menschen friedlich miteinander leben können. Das sind die ganz konkreten Fragen, die uns gerade beschäftigen. Auch im Hinblick auf unsere Stadt und unsere Region. Da hoffen wir mit unserer Forschung Inspiration geben zu können.

Interview: Danijel Majic. Frankfurter Rundschau, 06.12.2018, Seite F6. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.

Das Recht der Entwurzelten

Pässe sind kein Handelsgut: Leibniz-Preisträgerin Ayelet Shachar erforscht die rechtsfreien Räume der Migration

Für den Zufall gibt es in der modernen Gesellschaft keinen Platz mehr. Das individuelle Schicksal der Herkunft, des Geburtsortes, der genetischen Ausstattung oder des Geschlechts soll über die Lebenschancen möglichst wenig Gewalt haben. Soziale und politische Ungleichheiten sind danach nur legitim, wenn sie das Resultat unterschiedlicher persönlicher Anstrengungen vor dem Hintergrund einer ursprünglichen Gleichheit der Startchancen sind. So weit die Theorie. Die Praxis dagegen offenbart große Ungleichheiten schon von Geburt an. Auch die hartnäckigsten Bemühungen um die Korrektur der Ausgangslagen können daran nichts ändern. Praktisch besteht die Weltgesellschaft aus extrem ungleichen Staaten, zwischen denen sich die globalen Ströme der Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben bewegen.
Für die Politik ist die Flucht aus dem Zufall der Geburt eine gewaltige Herausforderung. Für Juristen, insbesondere Staatsrechtler, ein Albtraum. Es geht um Millionen von Menschen, die sich im Transit zwischen unterschiedlichsten Rechtsräumen verlieren. Dem meist auf illegalen Wegen erreichten Zuwanderungsland sind sie durch höchst verschiedene Aufenthaltstitel verbunden, über deren Anwendbarkeit, Auslegung und Anspruchsbegründung meist noch kein rechtlicher Konsens herrscht. Nur blinde Nostalgiker haben noch nicht begriffen, dass diese Herausforderung nicht mehr verschwinden wird. Kurz: Eine der wichtigsten politischen Fragen des 21. Jahrhunderts wird jene nach dem rechtlichen Rahmen sein, den die Staatengemeinschaft der weltweiten Migration geben kann.
Die Antwort von Ayelet Shachar lautet Jus nexi. Die Begründung der Staatszugehörigkeit nach Abstammung oder Geburtsort müsse durch das Rechtsprinzip der Bindung oder Verbundenheit ersetzt werden. Man könnte es auch das Recht der Verwurzelung nennen. Das Eingebettetsein in die Lebenswelt einer Gemeinschaft sollte als Begründung einer Staatsbürgerschaft genügen, insbesondere wenn sie mit einem tätigen Einsatz für das Gemeinwesen einhergeht.
Was Verbundenheit wäre, erschließt sich vielleicht am besten in Abgrenzung zu einem neuen Weg zur Staatsangehörigkeit: dem Recht, das sich aus einem schnöden Kaufvertrag ergibt. Shachar, Direktorin am Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, konzentriert sich in ihrer Forschung auf die zunehmende globale Monetarisierung des Staatsbürgerrechts. Mehr als ein Viertel aller Staaten bieten heute ihre Staatsbürgerschaft zum Verkauf an. Die Zunahme dieser Pass-für-Geld-Politik ist laut Shachar eines der wichtigsten Anzeichen für die Entstehung einer neuen globalen Marktwirtschaft, in der so elementare Rechtsgüter wie ein dauerhafter Aufenthaltstitel zu gewerblichen Handelsgütern geworden sind. Und zwar nicht nur an den fernen Stränden karibischer Inseln, sondern mitten unter uns.
Heute sei es nämlich Europa, das den Trend zur Vermarktung von Staatsbürgerrechten anführe. Das mag bisher nur die oberen ein Prozent der Menschheit betreffen, so Shachar, doch das Eindringen der Ökonomie in die Verleihung des Bürgerrechts berühre längst die entscheidende politische Frage der kommenden Jahre: die nach dem Wert eines Migranten für die Gesellschaft, in die er um Einlass bittet. Wer als Staat Zuwanderung will, müsse sie steuern, also rechtlich festlegen, wer eine Bereicherung sein könnte. Damit müsse ein Staat auch beantworten, was ihn dazu berechtigt, den weniger attraktiven Heimatländern der Migranten deren beste Köpfe und Talente abzuwerben. Etwa schon der Verweis auf die Geldströme, die Migranten nach Hause schicken? Ergänzt um staatliche Pro-Kopf-Überweisungen der Aufnahmeländer in die Herkunftsstaaten?
Juristen würden sagen, dass jedes Migrationsrecht besser wäre als das heutige gesetzlose Regime der Illegalität jenseits der EU-Außengrenzen. Auch dort verkaufen Schleuser längst den Zugang zu Aufenthaltstiteln und Rechtsansprüchen. Ob es je ein gerechtes Migrationsregime geben wird, ist eine offene Frage, aber fraglos wird es keine Gerechtigkeit ohne Recht geben. Den Trend zur Vermarktung von Bleiberechten hält Shachar für durchaus gestaltbar, vorausgesetzt, es kommt zu transnationalen Übereinkünften.
Ihre Forschung hat Shachar zur weltweit anerkannten Autorität auf diesem Gebiet werden lassen. Geboren wurde sie 1966 in Jerusalem, in Tel Aviv studierte sie Jura und Politikwissenschaft, 1997 promovierte sie an der Yale Law School. Bevor sie 2015 nach Göttingen kam, hatte sie den Lehrstuhl für Staatsbürgerschaft und Multikulturalität an der Universität von Toronto inne. Die Titel ihrer wichtigsten Bücher "The Birthright Lottery: Citizenship and global Inequality" von 2009 und "Olympic Citizenship: Migration and the Global Race für Talent", das im kommenden Jahr erscheinen wird, spiegeln den Gestaltungsanspruch ihrer Forschung. Dafür wurde Ayelet Shachar jetzt der Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen

Von Gerald Wagner, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Dezember 2018, Forschung und Lehre. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Gefährdete Grundwerte. Schauspiel Frankfurt mischt sich in die gesellschaftliche Debatte ein

Das Schauspiel Frankfurt bezieht politisch Stellung. Nicht nur mit den Inszenierungen seines Spielplans, sondern auch mit einzelnen Veranstaltungen. Am Montag, 10. Dezember, öffnet Intendant Anselm Weber das Große Haus für einen Abend von Amnesty International zum 70. Jubiläum der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte".
Gäste wie der stellvertretende hessische Ministerpräsident Tarek Al-Wazir, die Journalistin Mesale Tolu oder FR-Chefredakteurin Bascha Mika sprechen und diskutieren über Flucht und Asyl, politische Verfolgung und den Kampf für Meinungsfreiheit. Tolu zum Beispiel, die in der Türkei als Reporterin und Übersetzerin arbeitete, war dort 2017 festgenommen und schließlich kurz vor Weihnachten entlassen worden. Erst im August 2018 durfte die türkischstämmige Deutsche nach Deutschland ausreisen.
Das ist nur ein Beispiel für das gesellschaftliche Engagement des Schauspiels. Mit dem Start der neuen Spielzeit hat im Haus die Vortragsreihe "Denkraum" begonnen. Ihr Hintergrund ist das bevorstehende 70-jährige Jubiläum des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland im Mai 2019. "Denkraum" verweist darauf, dass es um die Werte der Verfassung schlecht bestellt ist, "wenn in politischen Debatten das Recht des anderen infrage steht, wenn die Welt des Digitalen keine Wahrheit und kein Gesetz mehr anerkennt und nur noch Selbstverwirklichung auf den Fahnen einer freien Gesellschaft steht".
Aber es geht nicht einfach nur um eine Reihe von Vorträgen. Nach jeder Rede erhalten die Zuhörer die Gelegenheit, in kleinen Tischrunden mit jeweils zehn Personen über das Gehörte zu diskutieren. Das Publikum kann auch Fragen an den Vortragsgast stellen.
Am 29. Januar 2019 spricht der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zum Thema "Meinungsfreiheit - Wie verändert sich das Kommunikationsklima?". Am 26. Februar geht es bei Ute Sacksofsky, Professorin für Öffentliches Recht an der Goethe-Universität, um Geschlechtergerechtigkeit.
Am 19. März fragt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz: "Was bleibt vom Allgemeinen, wenn alle das Besondere wollen?" Und am 2. April spricht die frühere Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband, über Privatsphäre.
Intendant Anselm Weber setzt konsequent um, was er schon 2017 in seinem Antrittsinterview mit der FR angekündigt hatte: Er wolle eine öffentliche Diskussion über Werte beginnen. Es gelte, die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft gegen den neuen Rechtspopulismus zu verteidigen.

Von Claus-Jürgen Göpfert. Frankfurter Rundschau, 06.12.2018, Seite F5. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt


Aktuelles

„Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ untersucht in Zukunft die Bedingungen produktiver Konflikte

Die Arbeit in dem Frankfurter Teil des neuen Instituts baut auf der elfjährigen Zusammenarbeit der WissenschaftlerInnen im Rahmen des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ mit der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und dem Frankfurter Fachbereich Gesellschaftswissenschaften auf. Projektleiterin in Frankfurt ist Prof. Nicole Deitelhoff. Stellvertretende Sprecher sind Prof. Daniela Grunow und Prof. Rainer Forst. Mehr...

Leibniz-Preis 2019 für Ayelet Shachar

Prof. Dr. Ayelet Shachar, Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen und Principal Investigator des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", ist Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträgerin 2019. Mehr...

Nächste Termine

25. Februar 2019, 19.30 Uhr

Buchvorstellung: Prof. Dr. Norbert Frei (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Dr. Franka Maubach (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Dr. Christina Morina (Duitsland Instituut Amsterdam) und Dr. Maik Tändler (Friedrich-Schiller-Universität Jena): Zur rechten Zeit: Wider die Rückkehr des Nationalismus. Mehr...

26. Februar 2019, 20 Uhr

Denkraum: Gleichberechtigung _ Was kann das Recht zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen? Mit: Prof. Dr. Ute Sacksofsky. Mehr...

28. Februar 2019, 11 Uhr

Fellowkolloqium: Betcy Jose, PhD: Dueling Humanitarianisms: Russia, Crimea, and Norms. Mehr...

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