21. November 2013, 17:15 - 19:15 Uhr

Panel des Forschungsfeldes II: Kultur und Macht


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Mit Blick auf den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ wird inzwischen verstärkt diskutiert, welche Rolle öffentlichen Debatten über Macht und über Kultur zukommt: Handelt es sich bei Debatten über kulturelle Themen wie Kunstwerke und künstlerischer Darbietungen um Kommunikation, die (auch) politische Ohnmacht der Öffentlichkeit widerspiegeln? Oder werden in Debatten über Kultur Techniken, Fragestellungen und Themen eingeübt, die notwendigerweise auf eine politische Welt zurückschlagen, die in welcher Form auch immer auf analoge Praktiken der Repräsentation von Macht, Einfluss und Legitimität angewiesen ist? Oder ist die Beziehung beider Sphären gar nicht eindeutig zu fassen? Die Vorträge dieses Panels widmen sich Kulturen der Macht beziehungsweise Macht der Kultur(en) an Fallstudien, die geeignet sind, die Spannweite möglicher Antworten chronologisch und thematisch umfassend auszuloten.

Chair: Thomas M. Schmidt

Thomas M. Schmidt ist Professor für Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie und kooptierter Professor am Institut für Philosophie der Goethe-Universität. Als Angehöriger des Exzellenzclusters leitet er u. a. das Forschungsprojekt „Religiöse Überzeugungen in normativen Ordnungen“. Vor seiner Berufung nach Frankfurt lehrte Schmidt als Assistenzprofessor für Philosophie an der California State University in Long Beach. Er hatte Gastprofessuren an der St. Louis University (2001) und an der University of Washington, Seattle (2004) inne. Der Religionsphilosoph ist Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“; er war Fellow am Helsinki Collegium für Advanced Studies (2009) und am Max-Weber-Kolleg Erfurt (2011-2012). Zu seinen Publikationen gehören (als Mitherausgeber) die Sammelbände „Religion in der pluralistischen Öffentlichkeit“ (2008), „Moderne Religion? Theologische und religionsphilosophische Reaktionen auf Jürgen Habermas“ (2009), „Herausforderungen der Modernität“ (2012) und das„Handbuch Säkularisierung“ (im Erscheinen).


Vortrag 1:

Kaiser, Christentum und Macht, oder: Wer war schuld an der Institutionalisierung der Kirche?

Claudia Rapp

In der Übergangszeit der Spätantike ist das Erstarken des Christentums eines der historisch wirkmächtigsten Phänomene. Die einst verfolgte Sekte entwickelte sich innerhalb von weniger als drei Generationen zur Staatsreligion mit einem großen Verwaltungsapparat. Welche Faktoren dabei im Spiel waren, ist immer wieder kontrovers diskutiert worden. War es der Kaiser, der sich die Kirchenorganisation zu eigen machen wollte, um seine Machtposition zu stärken? Oder war es die Kirche selbst, die sich nach der Macht drängte, und damit riskierte, ihrem ursprünglichen Auftrag untreu zu werden? Diese Fragen und der Forschungsansatz, auf dem sie beruhen, sollen in diesem Vortrag kritisch beleuchtet werden.

Claudia Rapp ...

... ist seit 2011 Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien. Außerdem ist sie Leiterin der Abteilung Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Scholarly Director des Sinai Palimpsests Project. Im Mai wurde sie zum korrespondierenden Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Nach dem Studium in Berlin und der Promotion in Oxford lehrte sie 22 Jahre in den Vereinigten Staaten, erst an der Cornell University und dann an der University of California, Los Angeles. Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten sie nach Princeton, Utrecht, Budapest, Jerusalem, Oxford und Paris. Ihr Forschungsgebiet ist die Kulturgeschichte in Spätantike und Byzanz, wobei viele ihrer Veröffentlichungen sich mit der sozialgeschichtlichen Rolle des Christentums befassen. Ihr erstes Buch 'Holy Bishops in Late Antiquity: The Nature of Christian Leadership in an Age of Transition‘ wird gerade als Taschenbuch neu aufgelegt. Ihr zweites Buch 'Brother-Making in Late Antiquity and Byzantium: Monks, Laymen and Christian Ritual‘ wird nächstes Jahr bei Oxford University Press erscheinen.

Vortrag 2:

Das Phänomen des Neo-Islamismus. Religiöse Kultur und politische Verflechtungen

Susanne Schröter

Postsäkulare Entwicklungen oder der „Rückkehr der Religionen“ werden in Bezug auf die islamische Welt auch im Hinblick auf politische Dynamiken diskutiert. Zwei Positionen lassen sich ausmachen. Die einen zitieren die Anschläge von Jihadisten, um das Schreckgespenst einer entfesselten Religion an die Wand zu malen, deren finales Ziel erst mit dem Errichten islamischer Diktaturen erreicht sein würde. Die anderen fokussieren vornehmlich auf islamistische  rganisationen und meinen festgestellt zu haben, dass die Faszination des Islamismus nicht von Dauer ist und sich islamistische Akteure im Kontakt mit der Demokratie und durch demokratische Verfahren von ihren ursprünglichen Zielen abwenden, der politische Islam zu einem kulturellen modifiziere und dieser schließlich durch Marktwirtschaft, Konsum und einen der Moderne inhärenten Individualismus zum „Post-Islamismus“ transformiere. Susanne Schröter zeigt am Beispiel aktueller Entwicklungen in Südostasien und Nordafrika, dass beide Tendenzen gleichzeitig vorhanden sind, der kulturelle Islamismus aber keinesfalls immer ein Resultat der Überwindung des politischen Islamismus, sondern vielfach auch dessen Anfang darstellt.

Susanne Schröter ...

... war Lehrstuhlinhaberin für Südostasienkunde an der Universität Passau, bevor sie 2008 auf die Professur für Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen an die Goethe-Universität Frankfurt berufen wurde. Forschungsinteressen: Kulturelle und politische Transformationen in der islamischen Welt, islamischer Feminismus, Herausforderungen der multiplen Moderne. Jüngste Publikationen: „Gender and Islam in Southeast Asia. Women’s Rights Movements, Religious Resurgence and Local Traditions“. Leiden: Brill, 2013; Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung? Transformationen und Restaurationen von Genderverhältnissen in der islamischen Welt. Bielefeld: Transcript, 2013; „Tunesien. Vom Staatsfeminismus zum revolutionären Islamismus“. In: Schröter, Susanne (Hg.): „Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung? Transformationen und Restaurationen von Genderverhältnissen in der islamischen Welt“. Bielefeld: Transcript, S. 17-44, 2013, (zusammen mit Sonia Zayed).

Vortrag 3:

Politische Macht und Kriegerkultur im karolingischen Europa

Daniel Föller

Wie in den meisten nichtmodernen Gesellschaften war auch in der Karolingerzeit (8./9. Jh. n. Chr.) die Ausübung oder plausible Androhung militärischer Gewalt eines der wichtigsten Mittel politischer Macht. Das moderne Verständnis dieses Machtmittels wurde allerdings lange von späteren vormodernen Konzepten determiniert, deren Wurzeln in der karolingischen Periode vermutet wurden: dem Rittertum, der dreiteiligen Gesellschaftsordnung Alteuropas, dem Lehnswesen. Die  Deutungsmacht dieser zukünftigen normativen Ordnungen führte zu einer verzerrten Sicht auf die frühmittelalterlichen Militäreliten, die primär durch spezifische Rechtsformen und Besitzverhältnisse definiert zu sein schienen. Empirische Befunde vor allem aus dokumentarischem Material verdeutlichen allerdings, dass die Präsenz und Ausformung dieser Faktoren bei klar identifizierbaren Militärakteuren stark variierten. Rechtsstatus und Besitzverhältnisse können daher kaum als konstitutiv für die Frage gelten, wer am Machtmittel der militärischen Gewalt in der Karolingerzeit partizipieren konnte. In Abgrenzung zu den bisherigen Erklärungsmodellen erscheint hier vielmehr ein Faktor als bedeutend, der von der Forschung bislang kaum beachtet wurde: die von den Militäreliten tatsächlich geübten oder ihnen zugeschriebenen soziokulturellen Praxen, die „karolingische Kriegerkultur“, wenn man so will. Es soll diskutiert werden, ob es sich hierbei um einen „Habitus“ im Sinne Pierre Bourdieus handelt, und welche normativen Wirkungen dieser in der Gesellschaft der Karolingerzeit entfaltete.

Daniel Föller, ...

... geboren 1977, studierte 1997 bis 2005 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main Mittlere und Neue Geschichte, Alte Geschichte, Ältere Skandinavistik und Germanistik. Er forschte und lehrte am MPI für europäische Rechtsgeschichte, den Universitäten Frankfurt und Mainz sowie dem DHI Paris. 2012 wurde er an der Goethe-Universität mit einer Dissertation zu kognitiven Strategien im wikingerzeitlichen Skandinavien (8. –11. Jh.) promoviert; die Arbeit wurde mit dem Stiftungspreis Kopper der Stiftung „pro universitate“ ausgezeichnet. Seit Sommer 2013 arbeitet er am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an seinem Habilitationsprojekt zur Kultur von militärischen Gewaltakteuren im karolingischen Europa (8./9. Jh.). Neben der mittelalterlichen Geschichte forscht er auch im Bereich der Byzantinistik. Er ist Mitglied der „Interfaces Group“, einem internationalen Netzwerk von philologisch orientierten Mediävisten, aus deren Kooperation das „Centre for Medieval Literature“ (Odense/York) hervorging. Seine Publikationen umfassen außer Aufsätzen und Rezensionen noch eine kurze Einführung in die Geschichte des früh- und hochmittelalterlichen Skandinavien (Wikinger. Wissen was stimmt, Freiburg: Herder 2011) sowie 169 Lemmata zu skandinavischen Byzanzreisenden in der zweiten Abteilung (867–1025) der „Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit“ (9 Bände, Berlin u. a.: De Gruyter 2009–2013).

 

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