Panel V: Ökonomische Rechtfertigungsnarrative

14.11.2009, 14.00 – 16.00 Uhr, Hörsaal-Zentrum – HZ 3

Im Rahmen des Clusters beschäftigt sich die Ethnologie mit der Aneignung westlicher Normen in verschiedenen Kulturen. Stets stehen dabei die sozialen Akteure und ihre Gründe für die Übernahme oder Ablehnung westlicher Normen im Zentrum. Diese Rechtfertigungen sind umso interessanter für die Ethnologie, wenn dabei Diskurse ebenso berücksichtigt werden wie auch die sie untermauernden Handlungen. Am Beispiel Malawis studiert Harri Englund im Panel V, wie das „Lieblingsexportprodukt“ des Westens – nämlich die Demokratie und die Freiheit – den Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit lähmen. Hier treffen Diskurs und „harte“ Fakten aus verschiedenen normativen Ordnungen und Welten aufeinander. Wie andere mit der Deutung und Umgestaltung der geschichtlichen Lage befassten Wissenschaften steht auch die Volkswirtschaftslehre unter Ideologieverdacht: dass sie den Status quo (oder eine erstrebte Änderung desselben) mit ideologischen Argumenten rechtfertige, statt sich auf objektive Analysen zu beschränken. Ob und wie eine möglichst wertfreie Nationalökonomie möglich sei, wurde in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert wiederholt intensiv diskutiert. Die deutsche Historische Schule glaubte, die mit der wünschenswert historischen Entwicklung zu höherem Wohlstand und Kultur zu verbindenden Werte erkennen und institutionell verankern zu können, während in der nachfolgenden Epoche abstrakte Theorie und politische Abstinenz der Wissenschaft propagiert wurden. Die europäischen Universitätsreformen haben diese Debatten zu neuem Leben erweckt.

Mamadou Diawara und Betram Schefold

Einführung

Mamadou DiawaraMamadou Diawara ist Professor für Historische Ethnologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Zuvor lehrte er an der Universität von Georgia in Athens/USA und war Gastprofessor für Geschichte und Ethnologie Afrikas an der Yale Universität. Seit 2004 ist er Stellvertretender Direktor des dortigen Frobenius-Instituts, dem ältesten ethnologischen Forschungsinstitut Deutschlands. Zudem ist Direktor von Point Sud, Forschungszentrum für lokales Wissen in Bamako, Mali, und Principal Investigator in diesem Exzellenzcluster. Publikationen u.a.: L’empire du verbe - L’éloquence du silence. Vers une anthropologie du discours dans les groupes dits dominés au Sahel (Cologne: Rüdiger Köppe, 2003), and with Ute Röschenthaler, Im Blick der Anderen (Brandes & Apsel, 2008).

Bertram Schefold (1943) studierte in München, Basel und Hamburg bis zum Diplom in Mathematik, Theoretischer Physik und Philosophie (Mai 1967). Anschließend wandte er sich dem Studium der Nationalökonomie in Basel und Cambridge (GB) zu, das er 1971 mit der Promotion abschloss. Er wurde Lektor in mathematischer Nationalökonomie in Basel (1971-1972), danach Visiting Scholar am Trinity College in Cambridge und Research Associate in Harvard. Seit 1974 ist Bertram Schefold Ordentlicher Professor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Er nahm zahlreiche Gastprofessuren wahr. So las er in Nizza 1977 und 1993, in Toulouse 1992 und 1993. Er las als Theodor Heuss-Professor an der New School for Social Research in New York 1984 und an den Universitäten von Rom (1985) und Venedig (1990). Zudem lehrte er während zehn Jahren am Center of Advanced Economic Studies in Triest (1981-1990). Im Jahre 2004 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der juristischen Fakultät der Universität Tübingen verliehen, 2005 die Ehrendoktorwürde der Università degli studi di Macerata in Italien. Jüngere Publikationen: Beiträge zur ökonomischen Dogmengeschichte - Aufsätze von Bertram Schefold herausgegeben von Volker Caspari, 2004; Normal Prices, Technical Change and Accumulation. London: Macmillan 1997; Wirtschaftsstile Bd. 1 und 2, 1994-1995.

Prof. Harri Englund

Economic Rights as a Justification Narrative

Poverty and Vulnerability in Africa

Harri EnglundHarri Englund ist Professor am Department of Social Anthropology an der University of Cambridge, Fellow of Churchill College in Cambridge und Dozent in African Studies an der University of Helsinki. Auf der Grundlage einer ethnologischen Langzeitfeldforschung in Malawi, Mozambik and Sambia erforschte er die Bedeutung von Menschenrechten unter den bedingungen gravierender Armut und politischer Liberalisierung. Neuere Veröffentlichungen: Prisoners of Freedom: Human Rights and the African Poor, 2006; Rights and the Politics of Recognition in Africa, 2004.

Prof. Keith Tribe

The Limits of the Market: Walras versus Becker

Keith TribeKeith Tribe (1949), studierte social sciences und economic history an den Universitäten von Essex (1968-71) und Cambridge (1972-1976). Er lehrte an der Universität von Keele 1977 to 2002 und spezialisierte sich auf die Gebiete der Industrial and European Economics. Er erforscht die Herausbildung der Wirtschaftswissenschaft als universitäre Disziplin in Großbritannien. Zurzeit ist er tätig als Visiting Senior Research Fellow in Geschichte an der Universität von University of Sussex. Jüngere Veröffentlichungen: “German Economics in the Early Nineteenth Century”, and “British Economics in the 20th Century”, in Stephen Durlauf, Lawrence Blume (eds.) The New Palgrave Dictionary of Economics, 2nd. Edition, Palgrave Macmillan, Basingstoke 2008. “Political Economy Club”, Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press 2008. “Happiness: What’s the Use?”, Economy and Society Vol. 37 (2008) pp. 460-68. „’Das Adam Smith Problem’ and the Origins of Modern Smith Scholarship“, History of European Ideas Vol. 34 (2008) pp. 514-25. “Liberalism and Neoliberalism in Britain, 1930-80” Phil Mirowski, Dieter Plehwe (eds.) The Road from Mont Pèlerin. The Making of the Neoliberal Thought Collective, Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 2009 pp. 68-97.


Aktuelles

Leibniz-Preis 2019 für Ayelet Shachar

Prof. Dr. Ayelet Shachar, Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen und Principal Investigator des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", ist Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträgerin 2019. Mehr...

Nächste Termine

24. April 2019, 18.15 Uhr

Ringvorlesung "Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz" des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen": Prof. Oliver Marchart: Was ist radikal an radikaler Demokratie? Vorschläge zur Behebung des institutionentheoretischen Defizits radikaler Demokratietheorie. Mehr...

25. April 2019, 19 Uhr

XXII. Frankfurter Stadtgespräch: Das Verbrechen des Holocaust verjährt nicht - Die Aufgaben von Historie und Justiz. PD Dr. Boris Burghardt und Günther Feld im Gespräch mit Prof. Dr. Sybille Steinbacher. Moderation: Rebecca C. Schmidt. Mehr...

26. April 2019, 18 Uhr

Lecture & Film "Die Erfinderin der Formen. Das Kino von Chantal Akerman": An Evening with Babette Mangolte (New York/San Diego). Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Privatsphäre_Wie sind wir geschützt im digitalen Zeitalter?

Marina Weisband
Denkraum: Verfassung_Aber wie?


The Marketization of Citizenship

Prof. Dr. Ayelet Shachar
Third Annual Goethe-Göttingen Critical Exchange "The Contours of Citizenship"

Neueste Volltexte

Kettemann, Matthias; Kleinwächter, Wolfgang; Senges, Max (2018):

The Time is Right for Europe to Take the Lead in Global Internet Governance. Normative Orders Working Paper 02/2018. Mehr...

Kettemann, Matthias (2019):

Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019. Mehr...